sammlung

was kann ich zunächst den­ken
wenn ich an mrs. cal­las den­ke
an die gestal­tung der welt
auch an die gestal­tung der
men­schen­kör­per

herzwesen

5.18 UTC — Ein klei­ner Kopf, das ist eine Tat­sa­che. Und Augen ja, aber im Grun­de nicht unver­zicht­bar. Kaum Bei­ne, kaum Arme, das Wesen ruht in einer Scha­le, die über einen Abfluss ver­fü­gen soll­te, weil sein Kör­per von Was­ser umspült wird, weil das Wesen Nah­rung zu sich nimmt, gefüt­tert wird, manch­mal mit einem Löf­fel, übli­cher­wei­se mit­tels einer Son­de. Das Wesen ist mensch­li­cher Natur, ein redu­zier­ter mensch­li­cher Kör­per, der über kaum nen­nens­wer­tes Gehirn ver­fügt. Es han­delt sich um einen Basis­herz­kör­per, um ein Herz­we­sen. Sobald erwach­sen gewor­den, es wird sehr schnell erwach­sen, kann das fer­tig­ge­stell­te Herz von sei­nem klei­nen Kopf befreit wer­den. Nun wird man das fri­sche Herz aus der Scha­le neh­men und trans­plan­tie­ren, zum Bei­spiel, um ein kran­kes Herz zu erset­zen. Zurück in der Scha­le ver­blei­ben ein klei­ner Kopf und ein klei­ner Bauch. Die Augen des klei­nen Kop­fes sind geschlos­sen. Sobald man sich nähert, möch­te man mei­nen, das Wesen wür­de nur schla­fen.

 

/ Auch exis­tie­ren
selt­sa­me Ohren-
men­schen
>

von ohren

18.55 UTC — Ich glaub­te lan­ge Zeit, ein Mensch, der über sech­zehn Ohren­paa­re ver­fü­gte, müs­ste gleich­wohl über einen sehr guten Gehör­sinn gebie­ten. Nun ist das aber so, dass jene Ohren, die auf den Ober­ar­men Jos­si Kau­ki­ne­ns zu bewun­dern sind, über kei­ner­lei Gehör­gang gebie­ten, auch nicht über Trom­mel­fel­le oder Gehör­knöchel­chen oder Ohr­trom­pe­ten. Die­se Ohren, die ich mit eige­nen Augen gese­hen haben will in einem Som­mer, da ich nach Finn­land reis­te, um Herrn Kau­ki­nen und sei­ne Ohren zu besu­chen, sind ledig­lich Muscheln mensch­li­cher Ohren, Schall­kör­per, die Kau­ki­nen zu züch­ten ver­mag, weil er weiß wie das geht. Er lebt von sei­ner spe­zi­el­len Fähig­keit, in begrenz­tem Maße fri­sche mensch­li­che Ohren gekühlt aus­lie­fern zu kön­nen. Kaum hat sich ein Ohr auf Rei­se bege­ben, sie flie­gen meist mit einem Heli­ko­pter davon, wächst schon ein nächs­tes Ohr her­an, eine Knos­pe bil­det sich bin­nen weni­ger Stun­den an genau jener Stel­le, da zuvor ein aus­ge­wach­se­nes Ohr ent­fernt wor­den war. Die­se Knos­pe wird zunächst nur mit­tels einer Mikro­sko­pi­e sicht­bar, aber schon drei Tage spä­ter kann man erah­nen, dass ein wei­te­res Ohr her­an­wach­sen wird, das sorg­fäl­tig gepflegt wer­den wird. Herr Kau­ki­nen schläft im Sit­zen. Er sitzt also in sei­nem Bett von Gur­ten in Posi­ti­on gehal­ten und sieht sehr selt­sam aus im Zwie­licht, als wür­den Blü­ten von Fleisch sich auf sei­nen Schul­tern nie­der­ge­las­sen haben. Klin­gelt der Wecker sehr früh, wird es ernst. Kau­ki­nens Frau nähert sich dann mit etwas Wat­te und wei­te­ren Werk­zeugen. — stop

 

 

/ Ein Zwerg­wal auf Sta­ten
Island mor­gens
gegen 8
>

zwei wale

2.02 UTC — An einem neb­li­gen Abend fuhr ich mit einem Fähr­schiff nach Sta­ten Island. Ich ging eine Stun­de spa­zie­ren, kauf­te etwas Brot und Käse, dann war­te­te ich in der zen­tra­len Hal­le des Saint Geor­ge Fer­ry Ter­mi­nals auf das nächs­te Schiff nach Man­hat­tan zurück. Eini­ge Kin­der spiel­ten vor einem mäch­ti­gen Aqua­ri­um, sie toll­ten um den Glas­be­häl­ter her­um. Plötz­lich blieb eines der Kin­der ste­hen, auf­ge­regt deu­te­te es zum Aqua­ri­um hin. Wei­te­re Kin­der näher­ten sich. Sie schie­nen begeis­tert zu sein. Ich schlen­der­te zu ihnen hin­über, stell­te mich neben sie. Da war etwas Erstaun­li­ches zu sehen, da waren näm­lich Ele­fan­ten im glas­kla­ren Was­ser, sie wan­der­ten auf dem san­di­gen Boden des Aqua­ri­ums in einer Rei­he von Wes­ten nach Osten. Ihre meter­lan­gen Rüs­sel hat­ten sie zur Was­ser­ober­flä­che hin aus­ge­streckt, such­ten in der See­luft her­um und berühr­ten ein­an­der in einer äußerst zärt­li­chen Art und Wei­se. Ein fas­zi­nie­ren­des Geräusch war zu hören, sobald ich eines mei­ner Ohren an das hand­war­me Glas des Was­ser­ge­he­ges leg­te. Auch Geräu­sche, wie ich sie von Mikro­fo­nen ken­ne, die Wal­ge­sän­ge nahe Grön­land auf­ge­zeich­net hat­ten. Wie ich zur Ober­flä­che des Was­sers hin blick­te, ent­deck­te ich zwei Wale, die durch das Was­ser schweb­ten, sie waren je groß wie eine Faust und stie­ßen etwas Luft aus von Zeit zu Zeit, wie man das von wil­den Walen kennt, die so groß sind, dass wir über sie stau­nen. Manch­mal tauch­ten die klei­nen Wale zu den Ele­fan­ten­tie­ren hin, behut­sam näher­ten sie sich und schau­ten sich inter­es­siert unter den Wan­dern­den um, man schien sich natür­lich zu ken­nen. — Ich konn­te nicht schla­fen. Noch in der­sel­ben Nacht fuhr ich nach Man­hat­tan zurück. Ich mach­te einen Text­ent­wurf für eine Zei­tung, obwohl ich noch kei­ne wirk­li­che Ahnung hat­te, wie von den Zwerg­wa­len zu erzäh­len sei. Ich notier­te: Man möch­te viel­leicht mei­nen, bei der Gat­tung der Zwerg­wa­le han­de­le es sich um Wale, die dem Wort­laut nach klei­ner sind, als ihre doch sehr gro­ßen Ver­wand­ten, Pott­wa­le oder Grön­land­wa­le, sagen wir, oder Blau­wa­le. Nun sind sie bei genaue­rer Betrach­tung wirk­lich sehr klein, nur 8 cm in der Län­ge. Als man sie in einer künst­lich erzeug­ten Gebär­mut­ter, eben­falls sehr klein, her­an­wach­sen ließ, glaub­te im Grun­de nie­mand, dass sie lebend zur Welt kom­men wür­den. Plötz­lich waren sie da, und ver­schwan­den zunächst in einem Aqua­ri­um, das für sehr viel grö­ße­re Fisch­we­sen ange­legt wor­den war. Nun waren die Wale zu klein, sie ver­lo­ren sich in den Wei­ten des Beckens. Man leg­te zier­li­che Behäl­ter an, ver­sorg­te sie mit Mee­res­was­ser, kühl­te die Gewäs­ser, sorg­te für Wind und Wel­len, selbst an Eis­ber­ge wur­de gedacht, Eis von der Höhe eines mensch­li­chen Fin­gers, die dort in der künst­li­chen Natur­um­ge­bung ein­fach so vom Him­mel fie­len. Jetzt konn­te man sie sehr gut sehen, aus der Nähe betrach­ten. Es waren zunächst drei Wale, sie exis­tier­ten zwei Jah­re, ehe man über eine Aus­stel­lung, dem­zu­fol­ge über ihre Ver­öf­fent­li­chung dis­ku­tier­te. Bis­lang hat­te man gesagt: Wir demen­tie­ren und wir bestä­ti­gen nicht. Soviel sei bemerkt: Die­se sehr klei­nen Wale ernäh­ren sich von Plank­ton, sie lie­ben Meer­wal­nüs­se, sie tau­chen oft stun­den­lang. Auch wur­den Sprün­ge beob­ach­tet, aber nur sel­ten und nur bei Nacht­licht. Der­zeit leben noch zwei klei­nen Wale, der drit­te wur­de zwecks Erfor­schung geöff­net.  

/ Im Som­mer lag ich auf einer
Wie­se träu­mend unter
Ahorn­bäu­men
>

eine wiese

18.05 UTC — Die­se Wie­se ist kei­ne wil­de Wie­se, sie ist eine gestal­te­te Wie­se, Grä­ser und Blu­men der Wie­se sind von mensch­li­cher Vor­stel­lungs­kraft, Licht fan­gen­de Hal­me, sowie Blü­ten, die in sich Rechen­ker­ne tra­gen. Man kann die­se Wie­se besu­chen, sie soll recht hoch auf dem klei­nen Ahorn­bo­den über Hin­ter­riß zu fin­den sein. Die­se Wie­se, von der ich erzäh­le, ist eine Wie­se, in wel­cher Gän­se­blüm­chen blü­hen, auch selt­sa­mer­wei­se im Win­ter, bei Frost, gleich­wohl nach Tagen von Hit­ze und Dür­re. Wenn man sich in die Wie­se legt, um zu schla­fen, wird man sich wohl­füh­len. Und wenn man sich dann wie­der erhebt, erhe­ben sich auch die Hal­me und Blü­ten, die man nie­der­drück­te, weil man sich mit dem eige­nen Gewicht dort hin ableg­te. Sie ist also sehr gut gemacht. Wür­de man in der Wie­se ein­mal lie­gend Platz genom­men haben, könn­te man Amei­sen beob­ach­ten, die selt­sa­me Din­ge tun, und Libel­len, die selt­sa­me Flug­be­we­gun­gen voll­zie­hen, auch Mari­en­kä­fer, die in Schlan­gen­for­ma­tio­nen spa­zie­ren, als wären sie Ele­fan­ten. Ich hat­te zunächst gedacht, es han­de­le sich bei die­sen Geschöp­fen, um gestal­te­te Wesen, dass sie künst­lich sei­en. Aber dann nahm ich je einen Mari­en­kä­fer und eine Amei­se mit zu mir nach Hau­se, öff­ne­te und betrach­te­te sie unter einem Mikro­skop. Ich bemerk­te, die Tie­re waren feucht und sie hör­ten sofort auf zu leben. Sie waren genau­so gestal­tet, wie in Büchern beschrie­ben, wes­halb ich davon aus­ge­he, dass sie von den Blü­ten und Hal­men im Wesent­li­chen beein­flusst wur­den oder kom­man­diert von der Wie­se ins­ge­samt, die kei­ne wil­de Wie­se ist, sie ist eine gestal­te­te Wie­se, wie ich bereits sag­te, Licht fan­gen­de Hal­me, Blü­ten, die in sich Rechen­ker­ne tra­gen. Heu­te ist Mon­tag oder Diens­tag oder Sams­tag. — stop

 

/ Haben Sie schon von
Papier­tier­chen gehört?
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animals

Zu einer Zeit da ich in mei­ner Vor­stel­lung noch mit leben­den Papier­tier­chen nach New York reis­te, waren jene Text­bö­gen, die sie for­mier­ten, schwarz und weiß gewe­sen. Eine fas­zi­nie­ren­de Über­le­gung, ein Clus­ter mög­li­cher Gedan­ken, Papier­tier­chen, nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht sind oder ver­gleich­ba­re Ware, son­dern tat­säch­li­che Lebe­we­sen, die so aus­ge­dacht sind, dass sie sich zu For­men ver­sam­meln, die einer Papier­sei­te ähn­lich sind. Weil jene Lebe­we­sen, wie ich sie mir bei die­ser Gele­gen­heit wie­der ein­mal vor­stel­le, sehr klein sein soll­ten, sagen wir in der Flä­che so groß wie die Spit­ze einer Nadel, wür­de ein Maschi­nen­papierbo­gen von nicht weni­ger als zwei Mil­lio­nen Indi­vi­du­en nach­zu­bil­den sein. Man stel­le sich das fol­gen­der­ma­ßen vor: Jedes Papier­tier­chen, sicht­bar im Licht eines sehr guten Mikro­skops, wird von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier wei­te­ren Tier­chen, die es schon immer kennt, zu ver­bin­den, und zwar nur mit die­sen, sodass man von einer ein­deu­ti­gen Ord­nung spre­chen könn­te, nicht von einer belie­bi­gen Anord­nung. Ja, jedes der klei­nen Wesen für sich ist einem urei­ge­nen Ort ver­bun­den, den es nie­mals ver­gessen wird. Sobald alle Tie­re einer Papier­ge­mein­schaft schön zu einer Sei­te ver­sam­melt sind, wer­den mit Licht, mit einem Licht­stift genau­er, Zei­chen gesetzt auf das leben­de Papier, indem man leich­ter Hand wie mit einem Fül­ler schrei­bend Wör­ter oder Sät­ze notiert. Wird ein schnee­wei­ßes Tier­chen vom schrei­ben­den Licht eines Stif­tes berührt, nimmt es sogleich und solan­ge Zeit die schwar­ze Far­be an, bis es von wei­te­ren Licht­im­pul­sen berührt wer­den wird. Das Licht natür­lich muss sehr stark sein, weil doch das Licht der Son­ne oder jeder Lam­pe sich sofort  in die Land­schaft der fili­gra­nen Kör­per einschrei­ben wür­de. Ich hat­te, wäh­rend ich die­sem Gedan­ken noch auf einer gewöhn­li­chen Com­pu­ter­schreib­ma­schi­ne schrei­bend folg­te, die Idee, dass sie viel­leicht alle­samt sehr schreck­haft sein könn­ten, also zunächst unvoll­kom­men oder wild, dass sie, zum Bei­spiel, wenn ein Feu­er­wehr­au­to in ihrer Nähe vor­über­ kom­men soll­te, sofort aus­ein­an­der flie­gen wür­den in Panik, sich ver­ste­cken, um bald jedes für sich oder in grö­ße­ren Grup­pen an den Wän­den mei­ner Zim­mer zu sit­zen. Viel­leicht lun­gern sie auch auf Kaf­fee­tas­sen her­um oder in den Haar­blät­tern eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, ja, das ist sehr gut denk­bar. Ich wür­de dann war­ten, ruhig und gelas­sen war­ten, bis sie sich wie­der beru­higt haben wer­den und zurück­kom­men, sagen wir nach einer Stun­de oder zwei. Dann wei­ter schrei­ben oder lesen oder den­ken.

 

/ Ein­mal, es war ein Som­mer­tag
gewe­sen, dach­te ich über
Trom­pe­ten­kä­fer nach
>

vom trompetenkäfer

Fol­gen­des: Trom­pe­ten­kä­fer rei­sen gern in Zigar­ren­schach­teln her­um. Sobald Dun­kel­heit herrscht, sagen wir Däm­me­rung, etwas Licht ist immer irgend­wo in einer Zigar­ren­schach­tel zu fin­den, wer­den sie starr und still. Sobald man jedoch die Zigar­ren­schach­tel öff­net, bewe­gen sie sich unver­züg­lich und geben selt­sa­me Töne von sich. Sie ver­fü­gen bei genaue­rer Betrach­tung über ein Mund­stück, das sich in einem klei­nen Trich­ter vor ihrem Kopf befin­det, einem Schall­be­cher, dort tre­ten jene selt­sa­men Töne aus dem Käfer her­vor. Das ist des­halb mög­lich, weil ein Trom­pe­ten­kä­fer zwi­schen Kopf und Brust auf der einen, und sei­nem gepan­zer­ten Ende auf der ande­ren Sei­te, mehr­fach gefal­tet ist. Das sind Fal­ten einer Haut, die sofort an sehr fei­ne Rep­ti­li­en­haut erin­nert. Sobald nun der Käfer einen Ton zu erzeu­gen wünscht, schrei­tet er mit Kopf und Brust vor­an, wäh­rend er sich mit sei­nen Hin­ter­bei­nen gegen die Lauf­rich­tung stemmt, sodass sich bei­de Seg­men­te rasch von­ein­an­der ent­fer­nen, dem­zu­fol­ge einen Raum eröff­nen, der jene Luft mit Leder umman­telt, die durch Mund oder Kie­men in den Käfer­kör­per bereits vor­ge­drun­gen ist. Im Moment sei­ner größ­ten Ent­fal­tung wird der Käfer sei­ne Bewe­gung kurz unter­bre­chen, und wäh­rend sich nun die Bei­ne sei­nes Brust­seg­men­tes in den Boden schla­gen, arbei­ten sich die hin­te­ren Läu­fe so lan­ge vor­an, bis alles wie­der schön gefal­tet ist in der Mit­te und alle Luft geräusch­voll am Mund­stück aus­ge­tre­ten.

 

/  Waren Sie schon ein­mal
auf dem Pazi­fi­schen Oze­an
kurz vor Mon­te­rey?
>

vor monterey

11.08 UTC — Vor einer Stun­de unge­fähr, aus hei­te­rem Him­mel, erin­ner­te ich mich an eine Brief­mar­ke, die zu mir gehör­te als ich noch ein Kind gewe­sen war. Die­se Mar­ke, obwohl sehr vie­le Jah­re weit von mir ent­fernt, war in einer Wei­se gegen­wär­tig gewor­den, als hät­te ich sie weni­ge Minu­ten zuvor einem Sam­mel­al­bum ent­nom­men und auf einen Luft­post­brief geklebt. Die Brief­mar­ke wur­de zu Ehren des Schim­pan­sen Ham, der in den Welt­raum reis­te, um Übun­gen in der Schwe­re­lo­sig­keit zu absol­vie­ren, in einer begrenz­ten Auf­la­ge gedruckt. Das Beson­de­re an Ham, an sei­ner Erschei­nung, war ohne Fra­ge sei­ne Men­schen­ähn­lich­keit gewe­sen, auch dass Ham, im Gegen­satz zu Lei­ca, einer rus­si­schen Hun­de­da­me, sei­nen Aus­flug in den Kos­mos über­leb­te. Der Brief­mar­ken­af­fe trug einen Helm, genau genom­men einen wei­ßen Astro­nau­ten­helm, der unglück­li­cher­wei­se von einem Stem­pel getrof­fen wor­den war. In die­sem Moment, da ich mei­ne Geschich­te von Ham notie­re, erin­ne­re ich mich an einen Riss, der mein Brief­mar­ken­al­bum bedroh­te, weil er mit jeder Besich­ti­gung der Samm­lung, knis­ternd gewach­sen war. Ein­mal habe ich einem Mäd­chen, in das ich mich ver­lieb­te, mein Album mit Riss gezeigt, eine selt­sa­me Erfah­rung, wes­halb ich das Sam­meln der Brief­mar­ken auf­ge­ge­ben habe, um mich fort­an der Samm­lung von Schall­plat­ten zu wid­men. Die­ses Mäd­chen, das mich von den Brief­mar­ken ent­fern­te, hieß Patri­zia und trug sehr klei­ne blaue Knöp­fe in bei­den Ohren, die herr­lich fun­kel­ten, sobald sie sich beweg­te. Ja, sie fun­kel­ten damals bis in mei­ne Träu­me hin­ein und sie fun­keln noch heu­te oder wie­der, wäh­rend ich hier still in einer küh­len Nacht her­um­sit­ze und mich wun­de­re, dass ich an Din­ge den­ke, die ich vor einer Stun­de noch nicht wuss­te. Eigent­lich woll­te ich eine Mel­dung schrei­ben, von einer Affen­da­me, die aus gro­ßer Hohe über dem Pazi­fi­schen Oze­an vor Mon­te­rey erfolg­reich aus 33000 Fuß (ca. 10 km) Höhe über dem Pazi­fi­schen Oze­an kurz vor Mon­te­rey abge­wor­fen wor­den war: Bono­bo­da­me Judy, 8 Jah­re, ers­te Über­le­ben­de der Test­se­rie Tef­lon-F87 {Haut­we­sen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­stän­dig ohne Bewusst­sein. — stop

 

/ Ich dach­te an selt­sa­me,
an fun­ken­de Bücher
>

bambus

3.58 — In einem Moment der Stil­le beob­ach­te­te ich vor weni­gen Stun­den ein Bücher­re­gal, das in mei­nem Arbeits­zim­mer steht. Ich mein­te, ein Geräusch wahr­ge­nom­men zu haben, in etwa hör­te sich das so an, als wür­de man ein Ohr an ein Bam­bus­rohr legen, durch wel­ches Kie­sel­stei­ne fal­len. Zunächst mel­de­te sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befin­den, die ich noch nicht gele­sen habe, war­ten­de Bücher, sagen wir, Mah­nen­de. Kurz dar­auf wan­der­te das Geräusch in die Mit­te des Regals, Chris­toph Rans­mayr klim­per­te, John Ber­ger, Janet Frame, Anto­nio Tabuc­chi. Ich hat­te für eini­ge Minu­ten den Ein­druck, das Geräusch oder sei­ne Ursa­che könn­te sich ver­viel­fäl­tigt haben. Wenn nun Fol­gen­des gesche­hen wäre, dass sich die Bücher mei­nes Regals in Funk­bü­cher ver­wan­del­ten, in Bücher, die nur vor­ge­ben Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Sei­ten ver­fü­gen, die eigent­lich Bild­schir­me sind, die man umblät­tern kann. Dann wäre denk­bar, dass ich jenes typi­sche Geräusch ver­nom­men habe, das in genau dem Moment ent­steht, da der Autor eines Buches mit­tels Funk­wel­len eine erneu­er­te Fas­sung sei­nes Wer­kes in die Zim­mer der Welt ent­sen­det. Ich muss dar­über nach­den­ken, was die Mög­lich­keit oder die Exis­tenz der Funk­bü­cher bedeu­ten wür­de für das Schrei­ben, für das Erfin­den, für Anfang und Ende einer Geschich­te. Und wenn nun Jean Pauls Komet in mei­nem Zim­mer rascheln wür­de, oder Dan­tons Tod, Georg Büch­ner?

 

/ Rei­sen­de Koral­len­tex­te
sind viel­leicht bald sehr gut
denk­bar
>

jack kerouac

6.55 UTC — Neh­men wir ein­mal an, dem ursprüng­li­chen Code einer See­ane­mo­ne wür­de wei­te­rer Code hin­zu­ge­fügt, eine sehr kur­ze Stre­cke nur, sagen wir, Jack Kerou­acs Roman The Town and The City mit­tels Nukleo­ba­sen­paa­ren notiert. Was wür­de gesche­hen? Inwie­fern wür­de Jack Kerou­acs Text Wesen oder Gestalt einer See­ane­mo­ne berüh­ren? Wür­de der Text von See­ane­mo­ne zu See­ane­mo­ne wei­ter­ge­reicht, wür­de der Jack Kerou­acs Text sich nach und nach ver­än­dern, wür­de er viel­leicht ent­lang der Küs­ten­li­ni­en wan­dern? Seit ges­tern, ich habe geträumt, sind mensch­li­che Per­so­nen denk­bar, die nur zu dem einem Zweck exis­tie­ren, näm­lich Ohren, ein gutes Dut­zend wahl­wei­se auf ihren Armen oder Schul­tern zu tra­gen, um sie gut durch­blu­tet so lan­ge zu kon­ser­vie­ren, bis man sie von ihnen abneh­men wird, um sie auf eine wei­te­re Per­son zu ver­pflan­zen, die eine gewis­se Zeit oder schon immer ohne Ohren gewe­sen ist. Unheim­li­che Sache. Ich erzähl­te bereits. Auch Nie­ren­kern­sträuß­chen sind in spe­zi­el­len Bauch­räu­men woh­nend denk­bar gewor­den.

 

/ End­lich spa­zie­ren unter
Regen­schirm­tie­ren
>

umbrella

0.12 UTC — Lie­ber Mr. Tan­a­be, ich will Ihnen von einem Jour­na­listen berich­tet, der für das Radio arbei­tet. Er erzähl­te unlängst am Tele­fon, er habe ein­mal an einer Repor­ta­ge gear­bei­tet, die von der Ent­de­ckung der Regen­schirm­tie­re han­del­te. Unge­fähr in der Mit­te sei­nes Bei­tra­ges habe er einen Feh­ler ent­deckt. Er saß vor dem Radio­ge­rät und hör­te der Stim­me einer Spre­che­rin zu, die sei­nen Text sehr deut­lich las, es war also zu spät, der Jour­na­list konn­te an sei­nem Feh­ler nichts ändern. Das ver­sen­det sich, wur­de er von einer Redak­teu­rin getrös­tet. Und ich dach­te, das ist ein schö­nes Wort für ver­lo­re­ne Wor­te oder Gedan­ken, das ist wie mit Träu­men, die sich von der Erin­ne­rung lösen wie Regen­was­ser, das sich nicht wirk­lich fest­hal­ten, nicht wirk­lich begrei­fen lässt mit Hän­den, wie die­ses kla­re Was­ser, das die Luft erhell­te in einem Traum, den ich gera­de noch erzäh­len konn­te auf einem Blatt Papier, ehe der Traum sich ver­flüch­tig­te. Ich wun­der­te mich im die­sem Traum, dass ich, bei­de Hän­de frei, durch die Stadt spa­zier­te, obwohl mich ein Regen­schirm schütz­te. Als ich vor einer Ampel war­tete, betrach­te­te ich mei­nen Regen­schirm genau­er und staun­te, weil ich nie zuvor eine Erfin­dung die­ser Art zu Gesicht bekom­men hat­te. Ich ver­moch­te dunk­le Haut zu erken­nen, die sich zwi­schen bleich schim­mern­den Kno­chen spann­te, Haut, ja, Haut von der Art der Flug­haut eines Abend­seg­lers. Sie war durch­blu­tet und so dünn, dass die Rinn­sa­le des abflie­ßen­den Regens deut­lich zu erken­nen waren. In jener Minu­te, da ich mei­nen Schirm betrach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, er wür­de sich mit einem wei­te­ren Schirm unter­hal­ten, der sich in nächs­ter Nähe befand. Er voll­zog leicht schau­keln­de Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­bar­schirms ähnel­te. Dann wach­te ich auf. Es reg­net noch immer. Ich wer­de gleich tele­fo­nie­ren. — stop

 

/ Von den umheim­li­chen
Herz­we­sen mit Kopf
und Augen
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