sammlung

der atlan­ti­schen depe­schen
des rei­sen­den jour­na­lis­ten
joe ellis im herbst 2016

atlantische depeschen / teil 1

Joe Ellis, Rei­se­schrift­stel­ler iri­scher Her­kunft
notiert auf einer Funk­schreib­ma­schi­ne,
wäh­rend er auf einer Ret­tungs­in­sel
sit­zend durch den nörd­li­chen Atlan­tik
treibt. Es ist Sep­tem­ber. Das Jahr
2018. Joe Ellis ist nicht allein.

 

ATLANTIK 8.05 a.m. Seit es hell gewor­den ist, hal­te ich Aus­schau nach Über­le­ben­den. Leich­ter Wind von Nord­west. Kein Kopf. Kei­ne Bewe­gung. Kein Schiff. Kein Flug­zeug. Nachts geschla­fen. Kurz, wie aus­ge­schal­tet. Dann geru­fen eine Stun­de oder zwei. Kei­ne Ant­wort. Habe eine Signal­fa­ckel gezün­det. Kein Ton. Kein Zei­chen. Kein Gegen­feu­er. Aber die Wale sind zurück­ge­kehrt. Da waren noch Trüm­mer auf dem dunk­len Was­ser, lee­re Wes­ten, etwas Holz, Matrat­zen, Kis­sen, Öl. Dann Ander­son, June, 32, Mrs. Cal­las rech­te Hand, Kopf unter. Zwei Matro­sen, glei­che Hal­tung. Von Zeit zu Zeit Fla­schen wie Tor­pe­dos: Bour­bon, Absinth, Man­del­bar­be­ros, Vögel aus der Tie­fe. Habe Ander­son, June, hin­ter Ein­stiegs­lu­ke 2 fest­ge­macht, habe vor Ein­stiegs­lu­ke 1 Posi­ti­on bezo­gen. Ich beob­ach­te den Hori­zont, den Him­mel, das Was­ser. 13 Stun­den seit Unter­gang der MS Seatown. ~

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8.28 a.m. Habe mei­nen Kör­per unter­sucht. Leich­te Unter­küh­lung. Kei­ne wei­te­ren Beschä­di­gun­gen. Ret­tungs­in­sel intakt. Luft­kam­mern ohne Ver­lust. Ich ver­fü­ge über 28 Beu­tel Trink­was­ser des Jah­res 1988, 16 Por­tio­nen Fer­tig­nah­rung, 3 Kilo­gramm Tro­cken­brot, 36 Tablet­ten gegen See­krank­heit, 1 schwimm­fä­hi­ges Mes­ser, 5 Signal­fa­ckeln in Rot, 2 Signal­fa­ckeln in Gelb, 1 Signal­flö­te, 1 Schöpf­ge­fäß, 17 Ret­tungs­wes­ten, 1 Wurf­ring mit Lei­ne, 1 was­ser­dich­te Taschen­lam­pe, 14 Bat­te­rien, 1 Feu­er­zeug, 5 Fett­stif­te, 1 Über­le­bens­hand­buch in fin­ni­scher Spra­che, 1 Funk­schreib­ma­schi­ne mit Hand­kur­bel. Ver­damm­te Geschich­te. Ver­damm­te Geschich­te, wie ich hier sit­ze und notie­re. ~

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8.58 a.m. Ich schrei­be 10 Sät­ze, dann spre­che ich jene 10 Sät­ze, die ich notiert habe, und schon ist der Strom mei­ner Schreib­ma­schi­ne zu schwach gewor­den, um wei­ter spre­chen oder schrei­ben zu kön­nen. Und wie­der kur­be­le ich. Ich kur­be­le so lan­ge, bis ich erneut aus­rei­chend Strom erzeugt habe, um mei­ne Nach­richt sen­den zu kön­nen. Ich kur­be­le 5 Minu­ten für 10 kur­ze Sät­ze in Zei­chen und Wor­ten. Ich kur­be­le 3 Minu­ten für das Sen­den der Nach­richt. ~

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9.15 a.m. Das Meer unbe­wegt. Wind­stil­le herrscht. Nichts zu hören, nur das Bla­sen der Wale. Ein küh­les Geräusch von Was­ser, von Luft. Sie lie­gen um die Ret­tungs­in­sel her­um. Ich habe den Ein­druck, sie war­ten. 12 Tie­re. Gewal­ti­ge Kör­per. Weiß, sobald sie erregt sind. Schwarz, sobald sie ruhen. Hel­le Augen, hel­le, graue Augen. Längs, über den Bauch hin, eine hand­brei­te Zeich­nung. Oran­ge­far­ben. Exak­te Linie, als sei sie von einer Maschi­ne auf­ge­tra­gen. Sie wer­den 1 oder 2 Stun­den unter Was­ser gewe­sen sein, viel­leicht waren es 5, viel­leicht 6, viel­leicht 7 Stun­den. Die Luft riecht nach Metall, nach Salz, nach Tang. Von Zeit zu Zeit tau­chen sie ab, kreu­zen unter der Insel, ohne uns zu berüh­ren, und ohne das Was­ser zu bewe­gen, als woll­ten sie uns scho­nen. Auch Mrs. Ander­son, unbe­wegt. Kei­ne Raub­fi­sche. Ich war­te auf Ret­tung.  ~

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9.25 a.m. joe ellis hier — rufe lon­don — das ist ein not­ruf — may — day — may — day — das ist ein not­ruf — lon­don bit­te kom­men — rufe lon­don — rufe inter­na­tio­nal meta­mor­pho­sis obser­ver — may — day — may — day — seatown um 8.07 pm gesun­ken — befin­de mich auf ret­tungs­in­sel h/768 — auf­trag aus­ge­führt — habe mit mrs. gin­ger cal­las gespro­chen.  ~

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11.30 a.m. Seit 2 Stun­den jetzt fah­ren wir gegen Strö­mung und Wind. Exak­te Bewe­gung nord­wärts. Wir fah­ren so schnell, dass wir Wel­len erzeu­gen. Die Wale  spie­len mit uns, sie wech­seln sich ab, schwim­men Sta­fet­te. Manch­mal dre­hen wir uns lang­sam um die eige­ne Ach­se. Schwü­le, nas­se Luft. Bin see­krank seit 1 Stun­de. Habe Tablet­ten ein­ge­nom­men. Kei­ne Wir­kung. Vor 1 hal­ben Stun­de noch ein Schiff am Hori­zont. Habe unver­züg­lich Fackel ent­zün­det, habe etwas Feu­er gegen den Him­mel geschos­sen, seit­her schöp­fe ich Was­ser. Der Ver­dacht, das ist denk­bar, dass die Wale nicht wün­schen, dass  wir Feu­er in ihrer Nähe ent­fa­chen. ~

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2.00 p.m. Trotz leich­ten Fahrt­win­des, brü­ten­de Hit­ze. Habe 1 Beu­tel Was­ser geöff­net. Uraltes Was­ser. Was­ser ohne Geschmack. Habe stren­ge Ratio­nie­rung ein­ge­führt. Immer wie­der spre­che ich zu mir selbst, sage, dass ich sinn­voll han­de­le. Und doch sehen wir jäm­mer­lich aus. Mr. Ellis sitzt ohne Hose und ohne Strümp­fe 400 See­mei­len vor der bri­ti­schen Küs­te auf umman­tel­ter Luft. Ich habe ein Dach über dem Kopf, das Dach ist beschä­digt. Ander­son, June, intakt. Kei­ne Raub­fi­sche. Ich wer­de mich unver­züg­lich von ihrem Kör­per tren­nen, sobald sie von Raub­tie­ren ange­fal­len wür­de. Ja, das wer­de ich. Ich wer­de ihren Kör­per von der Insel lösen. Habe ange­ord­net, Ruhe zu bewah­ren. ~

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8.30 p.m. Zwie­licht. Wir haben ange­hal­ten. Kein Wind, nicht der gerings­te Wind. Stil­le. Voll­kom­me­ne Stil­le. Die Wale schla­fen. Sie hän­gen mit dem Kopf nach unten direkt unter der Was­ser­ober­flä­che. Erst­mals hör­te ich Wale sin­gen. Es ist mög­lich, dass sie nicht schla­fen, son­dern trau­ern. Ja, das ist mög­lich. Die Insel hat etwas Schlag­sei­te genom­men. Ich glau­be nicht, dass wir Luft ver­lie­ren. Leich­te Übel­keit. 24 Stun­den seit Hava­rie der Seatown. Nach und nach kom­me ich zu der Ein­sicht, das Schiff könn­te gesun­ken sein, ohne zuvor einen Not­ruf abge­setzt zu haben. Es ist denk­bar, dass die Wale uns bereits aus einer Zone mög­li­cher Suche her­aus­ge­zo­gen haben. Wir rei­sen nach Nor­den, Mrs. Ander­son und ich. Man wird uns im Süden suchen. Das ist denk­bar. Ja, das ist sehr gut denk­bar. Mrs. Ander­son wird nie wie­der träu­men. ~

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0.35 a.m. Habe den Abend im Halb­schlaf zuge­bracht, Kinn auf den Luf­t­ring gestützt, ohne den Hori­zont aus den Augen zu ver­lie­ren. Dann wach. Ich füh­le mich etwas leich­ter. Kein Schiff. Kein Flug­zeug. Mrs. Ander­son wei­ter­hin intakt. Wir trei­ben lang­sam, sehr lang­sam wie­der nach Süden. Groß­ar­ti­ger Him­mel. Beob­ach­te das Meer. Luft­tem­pe­ra­tur gesun­ken. Erträg­lich jetzt, aber nach wie vor eine der­art feuch­te und schwe­re Atmo­sphä­re über dem Was­ser, als käme uns das Meer nach und nach ent­ge­gen. Ent­fernt, am Hori­zont, ein Wal. Er scheint uns zu umkrei­sen, eine Patrouil­le viel­leicht. ~

 

Zeich­nung einer See­not­ret­tungs­in­sel ohne
Tie­fen­ru­der in idea­lem Zustand. Joe Ellis
Habi­tat war ver­mut­lich beschä­digt.

 

1.05 a.m. Ich habe etwas Beu­tel­nah­rung zu mir genom­men, Erb­sen und kal­ten Fisch. Kein Ein­druck auf der Zun­ge. Habe mich an der Insel fest­ge­zurrt, habe die Bei­ne ins Was­ser gestreckt. Das Was­ser ist kühl. Die Wale unter mir schla­fen. Schwe­ben­de Tür­me. Von Zeit zu Zeit glei­tet unse­re Wache vor­über, ein plötz­li­cher Schat­ten, als kom­me Land ange­flo­gen, und ich den­ke, dass das so unheim­lich ist, weil das Land unter mir, das hel­le, rasen­de Land, so rie­sig und weil es so laut­los ist und weil ich nicht weiß, wohin wir rei­sen. ~

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2.00 a.m. Bald 29 Stun­den seit des Unter­gangs der Seatown. Ein­mal sehe ich gegen den Him­mel, dann in die Tie­fe, die ich nicht wahr­neh­men, die ich mir nur vor­stel­len kann in hori­zon­ta­len Stre­cken. Blau leuch­ten­de Fische jagen zwi­schen den schla­fen­den Kolos­sen nach Beu­te. Schnel­les, scheu­es Licht. Von Zeit zu Zeit spre­che ich in mein Funk­te­le­fon, spre­che, nein, flüs­te­re, anstatt zu spre­chen, um die Wale nicht zu stö­ren. Ich bezweif­le, ob ich in die­ser Wei­se spre­chend je gehört wer­den könn­te, so geräusch­los, wie ich mich ver­hal­te. Also notie­re ich, was ich zu sagen wün­sche: > joe ellis hier — joe ellis — rufe lon­don — rufe lon­don — das ist ein not­ruf — may — day — may — day — das ist ein not­ruf — lon­don — bit­te kom­men — rufe lon­don — rufe inter­na­tio­nal meta­mor­pho­sis obser­ver — may — day — may — day — seatown gesun­ken — befin­de mich auf ret­tungs­in­sel  h/768 — auf­trag aus­ge­führt.  ~

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2.35 a.m. Zeit, die Arbeit auf­zu­neh­men. Zeit, eine Spur zu schrei­ben, die ich hin­ter­las­sen könn­te, soll­te ich ver­schwin­den, auf­hö­ren für alle Zeit, wie Ander­son, June, die nie wie­der träu­men wird. Schritt für Schritt erzäh­len von mei­nem Besuch der Seatown, kur­beln und kur­beln und wei­ter erzäh­len, solan­ge ich noch erzäh­len kann. Da war ein däni­sches Fischer­boot, ich erin­ne­re mich, ein klei­nes däni­sches Fischer­boot. Und da waren kräf­ti­ge Män­ner, und wir fuh­ren vor­sich­tig vor­an. Noch ehe wir die Schat­ten der Seatown in der Däm­me­rung zu erken­nen ver­moch­ten, erreich­te uns ein Funk­spruch. Esta, Esta, hier spricht die Seatown, hier spricht die Seatown. Löschen Sie ihre Lich­ter. Kom­men Sie lang­sam näher. Wir wie­der­ho­len. Ach­tung, Ach­tung, hier spricht die Seatown, hier spricht die Seatown, löschen Sie ihre Beleuch­tung. Kom­men Sie lang­sam näher! —  Also lösch­ten wir unse­re Lich­ter und näher­ten uns. So hat das ange­fan­gen. Wir näher­ten uns lang­sam, fast geräusch­los. Ein kaum hör­ba­res Pum­pen vom Was­ser her, nichts sonst. Dann lag die Seatown plötz­lich direkt vor uns. Haus­hoch rag­te sie aus dem Was­ser, ein gewal­ti­ges Schiff. Kei­ne ihrer Posi­ti­ons­lam­pen leuch­te­te, kein Kabi­nen­licht, auch die Brü­cke ruh­te im Dun­keln. Über dem Vor­deck des Schif­fes war eine Qua­ran­tä­ne­flag­ge auf­ge­zo­gen. Sie wur­de, als ich sie ent­deck­te, gera­de von einem Matro­sen ein­ge­holt. Ich hat­te den Ein­druck als wir längs­seits gin­gen, dass die Seatown sich lang­sam um ihre eige­ne Ach­se dreh­te. ~

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3.30 a.m. Kei­ne Zei­chen von Bewe­gung auf dem Was­ser, aber der Him­mel kreis­te lang­sam über uns, die Ster­ne, ich erin­ne­re mich, sie tauch­ten jen­seits der Bord­wand unter, als wür­den sie in das Schiff gela­den. Indes­sen war unter den Fischern Erre­gung auf­ge­kom­men. Sie eil­ten von der einen Sei­te des Schif­fes zu ande­ren Sei­te, deu­te­ten zum Was­ser hin, und rie­fen immer wie­der: Mr. Ellis, look! Mr. Ellis, look! — Zunächst, ich hat­te mich weit über die Bord­wand hin­aus gebeugt, war nichts zu sehen. Dann aber konn­te ich hel­le Sche­men erken­nen, Kör­per, die unter uns auf und ab schweb­ten, gewal­ti­ge Kör­per, als wür­den Zep­pe­li­ne unter uns durchs Was­ser fah­ren. Ohne ein Geräusch zu hin­ter­las­sen, schweb­ten sie vor­über, als sei­en sie mit uns nicht ver­bun­den, als sei­en sie nur ein beweg­tes Bild ohne Ton. ~

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4.15 a.m. Einer der Matro­sen hielt eine Kame­ra in Hän­den. Er beug­te sich über die Reling, wäh­rend er von sei­nen Kame­ra­den an den Bei­nen fest­ge­hal­ten wur­de. Als er den Schein­wer­fer der Kame­ra ein­schal­te­te, war sofort ein gel­len­der Ruf vom Deck der Seatown her zu hören, eine schril­le Stim­me, die Stim­me eines Matro­sen, der uns befahl, das Licht unver­züg­lich zu löschen. Vor­sicht, schrie er, Vor­sicht! Ja, sind Sie noch bei Ver­stand! Dann trat er einen Schritt zurück und hielt sich den Kopf mit bei­den Hän­den, viel­leicht, weil er nicht mit anse­hen oder hören woll­te, was ohne jede Vor­war­nung sofort mit uns gesche­hen wür­de. Unser Boot wur­de von einem hef­ti­gen Schlag erschüt­tert, der uns um eini­ge Meter auf dem Was­ser zur Sei­te setz­te, das gan­ze Schiff mit Mann und Maus. Zwei Matro­sen waren über Bord gegan­gen. Wir beob­ach­te­ten, wie sie über wei­ßes Land roll­ten, glän­zen­des, nas­ses Land, das jen­seits unse­res Boo­tes aus dem Meer auf­ge­stie­gen war. ~

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5.15 a.m. Die Luft, ich erin­ne­re mich, roch nach Metall und nach Salz, und es war kühl, für einen Moment war es kühl gewor­den. Dann ver­schwand das wei­ße, glän­zen­de Land, und das Meer beru­hig­te sich. Wir zogen die Matro­sen aus dem Was­ser und ich bald zur Seatown über. Kaum hat­te ich das Deck des rie­si­gen Schif­fes betre­ten, wur­de die Flag­ge der Qua­ran­tä­ne wie­der hoch­ge­zo­gen. Ein selt­sa­mer Anblick, wie Zei­chen der Gefahr nach Belie­ben gelöscht und kurz dar­auf wie­der akti­viert wer­den konn­ten von der Hand eines Matro­sen, der mich mit einer läs­si­gen Hand­be­we­gung begrüß­te und nicht sehr glück­lich zu sein schien über mei­ne Ankunft, viel­leicht über mei­ne gan­ze Erschei­nung. ~

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5.40 a.m. Der klei­ne, schmäch­ti­ge Mann führ­te mich mittschiffs. Natür­lich woll­te ich wis­sen, wer oder was uns vor weni­gen Minu­ten noch atta­ckiert hat­te, auch wes­halb die Flag­ge wie­der gesetzt wor­den sei. Doch der Matro­se woll­te nicht spre­chen, nicht einen Satz. Er sah mich nur an und mach­te ein Zei­chen. Ich soll­te ihm schwei­gend fol­gen. Es war toten­still auf dem Schiff. Ich erin­ne­re mich, nicht das gerings­te Geräusch, kein Motor, kei­ne Stim­men, aber unser Atem, das Geräusch unse­rer Schrit­te. Ich bemerk­te, wie sich das däni­sche Schiff, das mich zu Seatown gebracht hat­te, lang­sam rück­wärts fah­rend ent­fern­te. Dann eine Trep­pe und noch eine Trep­pe, eine sehr stei­le Trep­pe, fast senk­recht führ­te sie in den Bauch des Schif­fes. ~

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5.55 a.m. Düs­te­res Not­licht. Da war Licht in Blau und in Rot. Da waren Wän­de von dunk­lem Holz, einem Holz, das Tie­fe zeig­te, das aus sei­nem Inne­ren zu leuch­ten schien wie das Holz der Pfei­fen­köp­fe. Und da war glän­zen­des Mes­sing und auf dem Boden zu Stein gelau­fe­ne Plan­ken. Die Luft im Bauch des Schif­fes duf­te­te nach Kaf­fee und bit­ter nach Öl und her­bem Wachs. Und da war eine Kabi­ne, eine geräu­mi­ge Kabi­ne auf Höhe der Was­ser­ober­flä­che. War­ten Sie hier, Mr. Ellis, sag­te der Matro­se lei­se. Er sag­te noch, ich soll­te jedes Licht ver­mei­den, das vom Meer her ein­zu­se­hen sei. Er sah mich indes­sen an, als sei ich bereits ver­lo­ren. Und er sag­te noch: Rau­chen Sie nicht, ver­dammt, rau­chen Sie nicht! Sei­ne Stim­me war rau gewor­den, eine Stim­me wie von Sand. ~

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6.35 a.m. Ich war­te­te, ich war­te lan­ge. Dann lösch­te ich das Licht wie befoh­len, öff­ne­te die Luke und sah auf das Meer hin­aus. Das Meer war wei­ter­hin ohne Bewe­gung. Glim­men­de Mol­lus­ken düm­pel­ten um das Schiff. Sie leuch­te­ten in Grün, aber ihre Augen, die sie aus dem Was­ser streck­ten, waren von einem kräf­ti­gen Zitro­nen­gelb. Unter die­ser Beob­ach­tung wur­de ich schwer und müde. ~

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ATLANTIK 6.55 a.m. Nach sechs Uhr. Ich bin zufrie­den. Ich habe gekur­belt, ich habe Strom erzeugt, habe vor­ge­le­sen, was ich geschrie­ben habe, habe mei­ne Stim­me auf­ge­zeich­net und gesen­det, was ich notier­te und vor­ge­tra­gen habe. Ich bin froh, obwohl ich nicht weiß, ob je ein Mensch lesen und hören wird, was ich erzäh­le. Ein groß­ar­ti­ger Him­mel schwebt über mir, wun­der­vol­le Stim­mung. Habe wie­der lei­se Hoff­nung. Ich den­ke, dass mei­ne Wor­te viel­leicht doch nicht ver­lo­ren gehen wer­den. Ich den­ke, dass ich gehört, dass ich doch viel­leicht gehört oder gele­sen wer­de. Wenn nicht in Lon­don, dann auf Island, das ist denk­bar, oder auf Neu­fund­land. Also wer­den wir wei­ter schrei­ben und wei­ter spre­chen. Wir wer­den Ruhe bewah­ren. Ruhe! ~

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7.20 am. — joe ellis hier — joe ellis — rufe lon­don — rufe lon­don — das ist ein not­ruf — may — day — may — day — rufe inter­na­tio­nal meta­mor­pho­sis obser­ver — may ‑day — may — day — seatown gesun­ken — befin­de mich auf ret­tungs­in­sel h/768 — posi­ti­on unbe­kannt — habe mit mrs. gin­ger cal­las gespro­chen. — notie­re bericht vom besuch im bauch der seatown. — set­ze nun fort. — bit­te mel­den. ~

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7.55 a.m. Ich habe mich beru­higt und auch die Wale haben sich beru­higt, wir glei­ten fast geräusch­los durchs Was­ser. Ob sie wohl bemer­ken, dass ich wie­der in voll­stän­di­gen Sät­zen zu den­ken ver­mag? Erneut hat­te ich mit dem Feu­er gespielt. Ich hat­te mit einer Lam­pe Zei­chen gegen den Hori­zont geschickt. Jetzt ist es wie­der still, auch der Him­mel über mir ist still. Der Wal, der gera­de eben noch tob­te, der das Was­ser teil­te, der in die Luft sprang, der das Licht der Lam­pe mit Tang und Salz und Was­ser zu löschen ver­such­te, schwebt seit­lich der Insel und beob­ach­tet mich. Sei­ne Her­de ist wie­der senk­recht zurück in den Schlaf gefal­len. Ich ver­mu­te, ich habe es mit einem Leit­tier zu tun. Ich spü­re, das Leit­tier ist ein weib­li­ches Tier. Habe ihr den Namen Jen­ni­fer Five gege­ben. ~

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8.15 a.m. Das Auge, das mich noch immer beob­ach­tet, erscheint groß wie ein Kuchen­tel­ler. Ich berüh­re die­ses hel­le, blaue Auge, das mich betrach­tet, mit mei­nem Blick, und ich den­ke, da ist nichts, was ich fürch­ten müss­te, da ist ein war­mer Aus­druck in die­sem Auge, ein herz­li­cher Aus­druck, sehr auf­merk­sam. Es kommt mir so vor, als wür­de mich die­ses Auge mit Sor­ge betrach­ten, wie ich hier sit­ze und mit mir selbst spre­che, auch mit Mrs. Ander­son spre­che, mit June, die etwas pfeift in der feucht­war­men Luft. Ent­fernt noch selt­sa­mes Licht, das aus dem Was­ser zu kom­men scheint, ein grü­nes Leuch­ten, Lumi­nes­zenz viel­leicht, Mol­lus­ken, kein Licht, das gelöscht wer­den muss­te. ~

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8.38 a.m. Wie ein Traum, dann wie­der kein Traum. Der Ein­druck, als wären Jah­re, nicht Stun­den ver­gan­gen seit dem Unter­gang der Seatown. Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht wel­chen Weg ich durch das Schiff genom­men hat­te, ob ich auf eige­nen Bei­nen ging oder getra­gen wur­de. Ich erin­ne­re mich, erwacht zu sein, als das Schiff noch ohne Beschä­di­gung auf dem Atlan­tik kreis­te. Ich hat­te geschla­fen, ich weiß nicht, wie lan­ge Zeit ich geschla­fen hat­te. Ich erin­ne­re einen Raum, der hell erleuch­tet gewe­sen war. Mein Kopf wog schwer und die Bei­ne waren von Blei und schmerz­ten und waren kraft­los und nicht wil­lens, mei­nen Anord­nun­gen zu fol­gen. ~

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8.52 a.m. Da waren medi­zi­ni­sche Gerä­te auf einem Tisch, ein wei­ßes Hemd und eine hel­le Hose über einen Stuhl gewor­fen, ein paar leich­te, gleich­falls hel­le Schu­he, eine Bah­re, zwei sich gegen­über­lie­gen­de, mas­si­ve Türen, nicht höl­zern, son­dern von Stahl, ein klei­nes, run­des Fens­ter, ver­nie­tet. Und da waren ein Moni­tor und da war ein Flüs­tern in mei­nem Kopf, ein flüs­tern­des Knis­tern, als wür­de ein Insekt sei­ne Flü­gel ent­fal­ten. Und da waren noch Schlä­ge gegen den Boden des Schif­fes, dumpf und rhyth­misch, schein­bar ohne Pau­se. Ich war nackt und von hel­lem Sand bedeckt, der bit­ter schmeck­te, der mir in Nase und Ohren gedrun­gen war, der sich beweg­te, der über mei­nen Kör­per zu has­ten schien. ~

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9.15 a.m. Vor­sich­tig setz­te ich mich auf. Ich beweg­te Arme und Bei­ne so lan­ge Zeit, bis ich wie­der über sie ver­fü­gen konn­te. Dann klei­de­te ich mich an, ging auf und ab noch auf unsi­che­ren Füßen. Ich spür­te, wie der Boden des Rau­mes zit­ter­te unter Schlä­gen, die das Schiff vom Meer her tra­fen. Auf dem Tisch klirr­te ein Glas. Jen­seits der klei­nen, kreis­för­mi­gen Fens­ter, die in Kopf­hö­he in die mas­si­ven Türen ein­ge­las­sen waren, war kein Mensch zu sehen. Dun­kel­heit hin­ter der einen, hin­ter der ande­ren Tür ein Raum von war­mem Licht. Ich konn­te durch das Glas hin­durch, das mas­siv zu sein schien wie die Tür selbst, einen blau leuch­ten­den Boden erken­nen. ~

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9.28 a.m. Da war noch etwas Tee auf dem Tisch. Da war eine Uhr, die Nacht längst vor­über. Und da war Ander­son, June, 32. Plötz­lich, wie aus dem Nichts gekom­men, war sie auf dem Moni­tor erschie­nen und lächel­te und war noch am Leben und sag­te mit ange­neh­mer Stim­me: Guten Tag, Mr. Ellis. Herz­lich will­kom­men an Bord der Seatown! Wie geht es Ihnen? Haben Sie gut geschla­fen? ~ 

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9.42 a.m. Dann kam Mr. Ful­ler ins Bild, ein Medi­zin­mann, des­sen Erschei­nung mich beun­ru­hig­te. Ich mein­te, erken­nen zu kön­nen, dass er sich fürch­te­te. Bei jedem der Hie­be gegen den Boden des Schif­fes, schloss er die Augen, als wür­de er per­sön­lich geschla­gen. Wäh­rend Ander­son, June, auf fes­ten Bei­nen stand, sie war tadel­los in ihrer gan­zen Erschei­nung, schien Mr. Ful­ler ohne jeden Halt zu sein. Er schwank­te und hat­te sich die Haa­re von hin­ten nach vor­ne über den Kopf gezo­gen und war betrun­ken in einer Wei­se, die nach Fort­set­zung ver­lang­te. Deut­lich, sehr deut­lich noch höre ich sei­ne Stim­me und ein feuch­tes Geräusch dazu, das Geräusch ent­wei­chen­der Luft, ein Flat­tern von Fleisch, das jeden sei­ner Sät­ze beglei­te­te. Ich erin­ne­re mich, gefragt zu haben, wo ich mich befin­den wür­de, und ich höre in die­sem Augen­blick Mr. Ful­lers unru­hi­ge Stim­me sagen: In der Druck­kam­mer eines Schif­fes, der Seatown!  Er setz­te hin­zu, dass er sich bei allem, was ihm hei­lig sei, von die­sen Walen da drau­ßen nie­mals fer­tig machen las­sen wür­de. Er sag­te: Sei­en Sie ein Mann, Ellis! Das war sein Schluss­wort. Das war das Letz­te, was ich von Mr. Ful­ler per­sön­lich hör­te. ~

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10.42 a.m. Mrs. Ander­son kam sofort zur Sache. Kei­ne Ton­auf­nah­men, sag­te sie, kei­ne Bild­auf­nah­men, wir haben ihr Dik­tier­ge­rät ein­ge­zo­gen. Para­si­ten, Mr. Ellis? Haben Sie Grip­pe? Ange­wohn­hei­ten, die Sie nicht kon­trol­lie­ren kön­nen? Rau­chen Sie? Trin­ken Sie? — Ich höre ihre hel­le, schö­ne Stim­me, nah, so nah, als wur­de sie gera­de in die­sem Augen­blick zu mir spre­chen, nüch­tern, sach­lich, die Ver­le­sung einer Check­lis­te, eines Pro­to­kolls, das sie nicht wirk­lich zu inter­es­sie­ren schien. Ich kann Ihnen nicht fol­gen!, sag­te ich, ich kann mich nicht erin­nern, wie ich hier her gekom­men sein könn­te. Mrs. Ander­son nick­te ver­ständ­nis­voll, flüs­ter­te, dass man mich getra­gen habe. Ich sei, fuhr sie vor fort, noch nie zuvor der­art gründ­lich von innen und außen gerei­nigt wor­den, wäh­rend ich schlief. ~

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10.58 a.m. Immer wie­der Ihre küh­le Stim­me in mei­nem Kopf. Ver­ste­hen Sie, Mr. Ellis! Wir haben Sie aus­ge­schal­tet, haben Ihr Bewusst­sein gelöscht. Wir muss­ten sehr tief gehen, ver­ste­hen Sie, Magen, Lun­ge, Mr. Ellis! Wes­we­gen, frag­te ich, wes­we­gen die­se Sorg­falt im Umgang mit Gäs­ten? Mrs. Ander­son erläu­ter­te, alle Mit­glie­der der Fami­lie Cal­las sei­en außer­or­dent­lich sen­si­bel. Hören Sie zu, Mr. Ellis. Sie sind gesund! Sie sind außer­dem zu einem nahe­zu ste­ri­len Mann gewor­den. Mrs. Cal­las wird Sie emp­fan­gen. Genie­ßen Sie die Zeit mit einem wun­der­ba­ren Wesen, es ist sel­ten, dass Mrs. Cal­las Besu­cher emp­fängt! ~

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11.15 a.m. Mrs. Ander­son, kurz vom Bild­schirm ver­schwun­den, kehr­te noch ein­mal zurück. Ob ich Opern­schau­spie­le lie­ben wür­de, woll­te sie wis­sen. ich erin­ne­re mich, wie ich mit hei­se­rer Stim­me ant­wor­te­te, dass ich nicht eigent­lich wis­sen wür­de, wer Mrs. Cal­las sei, nur soviel, dass sie ein­mal bedeu­tend gewe­sen sein muss, berühmt, sehr wert­voll für die Kul­tur der Mensch­heit. Da waren noch ein paar wei­te­re, schnel­le Fra­gen, und ich dach­te, wäh­rend ich Mrs. Ander­son lausch­te, dass sie rei­zend sei, hübsch und streng. Und da war das Häm­mern gegen den Boden des Schif­fes, das mich lei­se zu beun­ru­hi­gen begann. ~

 

Skiz­ze der Seatown. Druck­kam­mer­ab­tei­le,
die von Per­so­nen der Cal­las­se­rie bewohnt
wur­den, in dun­kel­grau­er Mar­kie­rung
.

 

11.52 a.m. Anstatt von der Ursa­che der häm­mern­den Geräu­sche zu erzäh­len, refe­rier­te Mrs. Ander­son über Was­ser­tie­fen und Druck­ver­hält­nis­se, über das Blut mensch­li­cher Wesen, über die Che­mie der Gase. Ich sei, dozier­te sie, seit Stun­den in einer Luft­druck­kam­mer, ich wür­de mich einer­seits noch immer an Bord der Seatown befin­den, ander­seits sei ich nur weni­ge Meter von ihr ent­fernt, in einem Tank, in einem Gehäu­se, das unter hohem Druck ste­he. Stel­len Sie sich vor, es ist als wür­den Sie tau­chen, Ellis, in 500 Metern Tie­fe tau­chen. Ach­ten Sie auf die Zeit, keh­ren Sie so schnell wie mög­lich zu mir zurück, damit Sie kei­nen Scha­den neh­men. Das ist eine Anwei­sung! ~ 

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ATLANTIK 3.05 p.m. Wie­der sind wir auf­ge­bro­chen, fah­ren nord­wärts. Ich habe zwei Stun­den geschla­fen, dann see­krank, dann wie­der sanft, auch das Meer sanft, wie Mrs. Ander­sons Haut sanft in mei­nen Gedan­ken, als sie noch leb­te. Ein­mal hiel­ten die Wale an, weiß der Him­mel war­um, ras­te­ten für eine Stun­de. Dann ging es wei­ter. ~

·

3.15 p.m. Ruhi­ge See, leich­ter Wind aus Süd­ost, etwas Bewöl­kung. 25 Kno­ten Fahrt, kein Schiff, kein Flug­zeug. Mrs. Ander­son intakt, kei­ner­lei Raub­fi­sche. Ich habe allen Mut auf­ge­bracht. Ich habe sie auf den Rücken gedreht. Da war flüch­tig der Gedan­ke, sie zu mir in die Insel zu holen. Aber die Luft ist zu warm, ist wär­mer als das küh­ler wer­den­de Was­ser des Mee­res. Habe ihren Kopf mit einer Ret­tungs­wes­te ver­zurrt, habe Wes­ten an Füßen und Hän­den ange­bracht, auch um den Bauch her­um, der eine blau­graue Far­be anzu­neh­men beginnt. Es ist eine ver­damm­te Geschich­te. Unlängst noch habe ich mit ihr gespro­chen, weni­ge Stun­den sind seit unse­res Gesprächs erst ver­gan­gen. Ich habe den Ein­druck, sie höre mir zu. Ellis, sage ich: Das ist eine Täu­schung! Das ist eine Täu­schung! ~

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3.25 pm. Nie zuvor habe ich an das Ende mei­nes Lebens gedacht. Nie zuvor habe ich einen Men­schen gese­hen, der nicht mehr. leb­te. Nie zuvor war ich gefan­gen gewe­sen. Ja, eine ver­damm­te Geschich­te. — joe ellis hier — joe ellis — rufe lon­don — rufe lon­don — das ist ein not­ruf — lon­don bit­te kom­men — rufe lon­don — rufe inter­na­tio­nal meta­mor­pho­sis obser­ver — may — day — may — day — seatown gesun­ken — befin­de mich auf ret­tungs­in­sel h/758 — auf­trag aus­ge­führt — habe gin­ger cal­las gespro­chen. — notie­re mei­nen bericht vom besuch der ms seat­won. — mrs. ander­son, June, ist tot. ~ 

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3.45 p.m. Mrs. Ander­son bewegt sich. Ich stel­le fest, Mrs. Ander­son bewegt sich im Rhyth­mus der Wel­len. Ich wer­de ihre Haut ver­tei­di­gen, so gut ich kann. Ich schwö­re, ich wer­de sie nach Hau­se brin­gen. Als sie noch spre­chen konn­te an Bord der Seatown, reg­te sie an, ich sol­le durch das Fens­ter der Druck­kam­mer­tü­re spä­hen, Mrs. Cal­las wür­de mich bereits erwar­ten. Und so späh­te ich unver­züg­lich durch das run­de Fens­ter. Ich begeg­ne­te Mrs. Cal­las rech­tem Auge. Und da war ein Rad­griff in der Mit­te der Tür, der sich dreh­te. Ich hör­te das Geräusch ent­wei­chen­der Luft, als wür­de eine Fla­sche geöff­net. Ein schwe­rer Wind ström­te mir ent­ge­gen, ein nach Blü­ten duf­ten­der Wind, warm und feucht. Dann eine Stim­me, Mrs. Cal­las spre­chen­de Stim­me, wun­der­voll, Wort für Wort, Satz für Satz. ~ 

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4.00 p.m. Kom­men sie doch mal her, Ellis, hel­fen sie mir! Also drück­te ich gegen das eiser­ne Schott, das schwer war, das sich nur wider­wil­lig bewe­gen ließ, als sei es eine lan­ge Zeit nicht geöff­net wor­den. Da war ein Raum, ein uner­war­tet gro­ßer Raum, und war­mes Licht, warm wie die Luft. Da waren der Schat­ten eines rotie­ren­den Ven­ti­la­tors und wie­der das dunk­le, leuch­ten­de Holz der Wän­de, von des­sen Glü­hen ich bereits erzähl­te. Und da war nun Mrs. Cal­las in mei­ner nächs­ten Nähe. Sie stand in der Mit­te des Rau­mes, noch etwas vor­sich­tig, wie mir schien, und betas­te­te mich von oben bis unten mit ihren dunk­len Augen. ~

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4.10 p.m. Plötz­lich streck­te sie bei­de Arme nach mir aus und rief: Wel­co­me, Mr. Ellis, Wel­co­me in Cal­las’ Box! Lang­sam kam sie auf mich zu. Sie war von gro­ßer Sta­tur und schlank und trug ein schwar­zes Som­mer­kleid, das bis zu ihren Knö­cheln reich­te. Mrs. Cal­las duf­te­te nach Teig, nach Made­lei­nes, nach Blü­ten, und sie schob die­sen Duft vor sich her, wie eine Wel­le. Mr. Ellis, wie füh­len Sie sich?, woll­te sie wis­sen, wie geht es Ihren Ohren? Ich bemerk­te, dass es noch etwas knis­te­re in mei­nem Kopf. Das geht bald vor­über, ant­wor­te­te sie, und dann doch mit erns­ter Stim­me, Uhren­ver­gleich, Mr. Ellis, Uhren­ver­gleich! Ich will Sie hier raus haben, lang ehe ihre Zeit abge­lau­fen sein wird. Haben Sie ver­stan­den, Ellis? ~

 

/   Joe Ellis atlan­ti­sche
Depe­schen Teil 2
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atlantische depeschen / teil 2

Fort­set­zung eines Berich­tes des Rei­se­jour­na­lis­ten
Joe Ellis, der sei­nen geplan­ten Besuch des Laborschif­fes
MS Seatown ver­wirk­li­chen konn­te. Sei­ne Zeug­nis­se wur­den
auf einer Funk­schreib­ma­schi­ne ent­deckt. Joe Ellis erzeug­te
Strom für sei­ne Schreib­ma­schi­ne mit­tels einer Kur­bel.

 

4.22 p.m. Das also war Mrs. Cal­las leib­haf­tig, groß­ar­ti­ge Erschei­nung, offen und herz­lich. Sie führ­te mich, als leb­te sie in einem Muse­um, durch ihre Räu­me, als lot­se sie Tag für Tag Besu­cher durch ihre per­sön­li­chen Zim­mer, um Fra­gen zu beant­wor­ten, die immer gleich und immer in der­sel­ben, zeit­lo­sen Ord­nung an sie gerich­tet wür­den. Wie lan­ge leben Sie bereits hier? Wie ist es nur mög­lich so vie­le Jah­re in die­sem engen Behäl­ter zu exis­tie­ren, ohne krank zu wer­den? Aber Mr. Ellis, höre ich Mrs. Cal­las scher­zen, das ist doch eine sehr gro­ße Woh­nung, in der ich lebe. Nur weni­ge Men­schen ver­fü­gen über eine Woh­nung, die geräu­mig ist wie die­se. Ich ver­fü­ge über einen rie­si­gen Gar­ten, fuhr sie fort, darf ich fra­gen, wie groß denn das Zim­mer ist, in dem Mr. Ellis sein pri­va­tes Leben fris­tet? Sie mach­te ein kräf­ti­ges Geräusch, hell, nicht schrill, ein Geräusch von Sand und Rauch . ~

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4.38 p.m. Wie wir so gin­gen, um von dem einen Zim­mer in ein ande­res Zim­mer zu gelan­gen, hak­te sie sich bei mir unter, sodass ich ihre Kör­per­grö­ße unmit­tel­bar zu spü­ren bekam, immer­hin über­rag­te sie mich um die Höhe eines hal­ben Kop­fes. Ich erin­ne­re mich, ihre Haut wirk­te kühl, als habe sie eine lan­ge Zeit in kal­tem Was­ser zuge­bracht. Da waren drei Eta­gen, die Mrs. Cal­las bewohn­te, und es wur­de frisch, wenn wir uns abwärts, und es wur­de warm und feucht, wenn wir uns auf­wärts beweg­ten. Da waren Auf­zü­ge, schmal wie Zigar­ren. Und da war das Schla­gen wie­der gegen den Boden des Schif­fes, ent­fernt an die­ser Stel­le, gedämpft, aber bestän­dig, immer und immer wie­der, ein gewal­ti­ger Herz­schlag so rhyth­misch. ~

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4.52 p.m. Zunächst fuh­ren wir abwärts. Wir fuh­ren den Schlä­gen ent­ge­gen, wir fuh­ren in das Maga­zin der Box, das tief im Inne­ren des Schif­fes gebor­gen lag. Dort war es kalt, wie in einem Kühl­schrank, kalt und düs­ter und ich begann zu frie­ren. Auch Mrs. Cal­las an mei­ner Sei­te war schmal gewor­den, ihr Gesicht, ihre kom­plet­te Erschei­nung, als hät­te sie nicht sicht­ba­re Flü­gel ange­legt. Da war ein Flur, eine Flucht, und da waren Kabi­nen und Türen von kräf­ti­gem Glas und Spu­ren von Eis an den Wän­den. ~

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5.01 p.m. Etwas summ­te oder brumm­te, und ich höre mich noch, wie ich mich vor­sich­tig nach der Ursa­che die­ses Geräu­sches und des Eises an den Wän­den erkun­dig­te. Was, frag­te ich, was Mrs. Cal­las, haben Sie hier ein­ge­fro­ren? Mrs. Cal­las ant­wor­te­te mit ruhi­ger Stim­me: Die Welt, Mr. Ellis, wenn sie so wol­len, die Welt, Men­schen, Tie­re und ande­re Din­ge des Lebens. Ver­ste­he, sag­te ich. Das glau­be ich nicht, Mr. Ellis, ent­geg­ne­te Mrs. Cal­las, ich glau­be nicht, dass Sie ver­ste­hen, was ich ihnen erzäh­len wer­de. Sie sah mich lächelnd an wie eine Mut­ter ihren Sohn. Ich glau­be, Sie haben kei­ne Vor­stel­lung davon, was hier auf­be­wahrt wird in unse­rer nächs­ten Nähe. Sehen Sie, in die­sem Gehäu­se haben wir Afri­ka sor­tiert, dort Asi­en und hier Euro­pa. ~

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5.15 p.m. Sie zog mich mit sich fort durch den Flur. Baum­we­sen, sag­te sie mit Stolz in der Stim­me, Ech­sen, Far­ne, Men­schen, Män­ner und Frau­en, Vögel, Beu­tel­rat­ten hier, Nas­hör­ner dort, und Spin­nen­tie­re, alle gefro­ren, ihr Code. Erstaun­lich, sag­te ich. So ist es, flüs­ter­te Mrs. Cal­las. Und wie sie so zu mir her­ab­sah, dach­te ich: Weiß Gott, ein Paar sehr schö­ne Augen. Sie sprach sanft und ihr Blick war plötz­lich dun­kel gewor­den, kurz, für einen Augen­blick nur, als woll­te sie auf der Stel­le noch ver­schwin­den. Das ist doch sehr unheim­lich hier, fin­den Sie nicht, Mr. Ellis? Die Welt fürch­tet sich vor uns, vor die­sem Schiff. Mrs. Cal­las räus­per­te sich. Sie sah mich prü­fend an. Ihre Augen tas­te­ten über mein Gesicht, als woll­te sie ein Ver­zeich­nis mei­ner Erschei­nung fer­ti­gen, jedes Merk­mal, um sich an mich erin­nern zu kön­nen. Ver­ste­hen Sie, Mr. Ellis, fuhr sie fort, wir haben unlängst das che­mi­sche Labor unse­rer Com­pa­ny über Bord gewor­fen. Wir haben nicht lan­ge gezö­gert. Wir haben Mikro­sko­pe, Kol­ben, Pin­zet­ten, Pul­ver und ande­re Essen­zen an den Indi­schen Oze­an über­ge­ben. Seit­her hof­fen wir auf Ver­ge­bung, auf Ret­tung. ~

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5.22 p.m. Alles haben wir über Bord gewor­fen, füg­te Mrs. Cal­las hin­zu, jedes ver­füg­ba­re Werk­zeug, Stück für Stück. Sie kam wie­der dicht an mich her­an, und der Duft von Made­lei­nes stieg mir in die Nase. Die Spei­cher haben wir erhal­ten, Codes und Pro­ben, natür­li­che Pro­ben und gestal­te­te Pro­ben, und Rechen­ma­schi­nen haben wir für uns gesi­chert. Wir haben sehr schnel­le Maschi­ne hier an Bord, ja, Mr. Ellis, das kön­nen Sie mir glau­ben. ~

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5.37 p.m. Unver­mit­telt setz­te das Schla­gen gegen den Boden des Schif­fes wie­der ein. Mrs. Cal­las beb­te. Ein Zit­tern, ein Flat­tern hat­te ihr lin­kes Auge befal­len, eine Bewe­gung, die sie nicht län­ger bän­di­gen konn­te, als habe sich ein Tier in ihrer Augen­hö­he ein­ge­nis­tet, wel­ches sich im Rhyth­mus der Stö­ße gegen die Bord­wand beweg­te. Erstaun­lich, sag­te ich, ganz erstaun­lich, Mrs. Cal­las! In die­sem Augen­blick spür­te ich Zorn auf­stei­gen, hef­ti­ge Wut, ich ver­such­te die­se Wut zu kon­trol­lie­ren, doch mit jedem Schlag gegen den Boden, wur­de sie neu ent­zün­det. Ich zisch­te: Mr. Ful­ler behaup­tet, das sei­en Wale, die­se Geräu­sche sei­en von Walen erzeug­te Geräu­sche? Tat­säch­lich, sag­te Mrs. Cal­las und lächel­te, behaup­tet Ful­ler das? ~

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5.58 p.m. Mrs. Cal­las trat einen Schritt zurück und betrach­te­te mich erneut, als wür­de sie mich foto­gra­fie­ren. Statt der schwe­ren Schu­he, die ich am Abend mei­ner Ankunft getra­gen hat­te, stand ich in leich­ten, hel­len Lei­nen­schu­hen vor ihr. Die Hose eines Her­ren­an­zu­ges, die ich neben Schu­hen und Hemd in der Schleu­se vor­ge­fun­den hat­te, war etwas zu lang, aber das Hemd saß tadel­los, die Ärmel waren bis zu den Ell­bo­gen hoch­ge­schla­gen, ein Strei­fen wei­ßer Haut leuch­te­te über mei­nem Hand­ge­lenk. Nichts trug ich bei mir, nichts von per­sön­li­cher Art, kei­nen Blei­stift, kein Notiz­buch, kei­ne Uhr. Ihre Leu­te sind ner­vös, sag­te ich. So, so, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las, sind sie das?  ~

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6.08 p.m. Lang­sam kam sie wie­der näher, wirk­te ent­schlos­sen. Sie sag­te: Was Sie hören, sind Geräu­sche der Zunei­gung. Sie spie­len mit uns. Unse­re Seatown-Wale spie­len mit uns. Kämp­fe­risch blick­te sie mich an. Unser Pro­blem ist, dass sie sehr groß gewor­den sind, Mr. Ellis, sehr groß sind sie gewor­den. Sie haben kei­ne Vor­stel­lung davon, was ich mei­ne, wenn ich sage, unse­re Wale sind groß gewor­den. Sie stieß etwas Luft durch ihre Nase aus und schloss die Augen so weit, dass sie nur noch Schlit­ze waren. ~

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6.12 p.m. Mrs. Cal­las Stim­me hat­te einen schar­fen Ton ange­nom­men, ihre Stim­me schep­per­te: Ich ken­ne die­se Wale da drau­ßen, da waren sie noch eine Über­le­gung, ein Ent­wurf, ein Vor­ha­ben. Ich sehe sie vor mir, Kin­der, fünf Metern in der Län­ge und dun­kel gefärbt und schlank. Sie sind gereift. Jetzt sind sie mög­li­cher­wei­se bald erwach­sen und ich mei­ne, dass sie sehr gut gelun­gen sind. Noch näher kam sie her­an und ich bemerk­te, dass Mrs. Cal­las behaart war, ein fei­ner Pelz, ein hel­les, feuch­tes Fell bedeck­te ihr Gesicht. Sie sind Mons­ter gewor­den, Mr. Ellis, Mons­ter, die uns lie­ben. Hören Sie, wie sehr sie uns lie­ben? Mrs. Cal­las schloss ihre Augen. Ich neh­me an, flüs­ter­te sie, die Wale hal­ten unser Schiff für ihre Mut­ter. Ich bemerk­te, dass die­se muti­ge, die­se tap­fe­re Frau sich beherr­schen muss­te, sie woll­te gehen, sofort woll­te sie gehen. Sie pack­te mich am Arm und zog mich mit sich fort durch den Flur in Rich­tung des Auf­zu­ges. ~

·

ATLANTIK 8.05 p.m. Wir sind lang­sa­mer gewor­den. Der Him­mel ist von einem wun­der­ba­ren, leuch­ten­den Blau. Eine fried­li­che Stim­mung um uns her. Die Wale haben Ret­tungs­in­sel h/758 in ihre Mit­te genom­men, schwim­men in dich­ter For­ma­ti­on, spre­chen in sin­gen­den Tönen, als ver­han­del­ten sie, als wür­den sie einen neu­en Kurs bera­ten.  Ihr Pfei­fen, so kräf­tig, dass es mir in den Magen fährt. Die Luft ist kühl gewor­den. ~

·

8.15 p.m. joe ellis — joe ellis — rufe lon­don — rufe lon­don — das ist ein not­ruf — may — day — may — day — das ist ein not­ruf  - lon­don — bit­te kom­men — rufe lon­don — rufe inter­na­tio­nal meta­mor­pho­sis obser­ver — may — day — may — day — seatown gesun­ken — befin­de mich auf Ret­tungs­in­sel h/758 — auf­trag aus­ge­führt — habe gin­ger cal­las gespro­chen. — notie­re mei­nen bericht vom besuch im bauch der seatown — bit­te mel­den. ~

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4.15 a.m. Nacht. Ich habe erschöpft geschla­fen, bald wie­der Däm­me­rung. Die Wale ruhen. Weit drau­ßen das Was­ser­at­men der Patrouil­le. Ich ver­zeich­ne seit einer Stun­de bereits Pos­tio­nen mei­ner Gedan­ken mit Fett­stift auch auf der Innen­sei­te der Insel. Ich schrei­be, um nicht zu ver­ges­sen. Ich schrei­be, um Zeit zu gewin­nen. Ich habe auf hal­ber Höhe ange­setzt, schrei­be eine Linie im Kreis her­um. Ich habe zunächst geschrie­ben: Auf­zug, dann Gar­ten, dann Kin­der­zim­mer. Ich habe den Kurs mei­ner Erzäh­lung vor­aus­ge­dacht. Ich habe Ruhe ver­ord­net: Ruhe Ellis! ~

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4.58 a.m. Ich bewe­ge mich so vor­sich­tig wie mög­lich. Ich schrei­be 10 Sät­ze, sehr lei­se und behut­sam schrei­be ich 10 Sät­ze, und schon ist mei­ne Schreib­ma­schi­ne zu schwach gewor­den, um wei­ter schrei­ben zu kön­nen. Dann kur­be­le ich. Ich kur­be­le so lan­ge, bis ich wie­der aus­rei­chend Strom erzeugt habe, um mei­ne Nach­richt sen­den zu kön­nen. Ich kur­be­le 5 Minu­ten für 10 kur­ze Sät­ze. Ich kur­be­le 3 Minu­ten, um die Nach­richt zu sen­den. Ich habe den Ein­druck, die Wale haben noch immer kei­nen Ver­dacht geschöpft. ~

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5.30 a.m. Nach und nach, wenn ich den­ke, wenn ich an Mrs. Cal­las den­ke, kom­me ich zu der Ein­sicht, eine Ret­tung wäre mög­lich gewe­sen. Noch vor dem Auf­zug ste­hend, wäre es mög­lich gewe­sen, sie von der Not­wen­dig­keit zu über­zeu­gen, das Schiff sofort zu ver­las­sen. Ich bemerk­te, dass sie unru­hig wur­de, sobald das Häm­mern der­art hef­tig durch den Kör­per des Schif­fes jag­te, dass wir selbst erschüt­tert wur­den. Dann such­te sie mei­ne Nähe, kurz dar­auf trat sie wie­der einen Schritt zurück und leuch­te­te und glüh­te vor Erre­gung und schien jede Furcht ver­lo­ren zu haben. Sie lach­te und zog mich mit sich fort durch den Flur: Sehen Sie, Mr. Ellis, sehen Sie, ist das nicht merk­wür­dig, ist das nicht wun­der­voll? Schau­en Sie, was Ful­ler fabri­zier­te! ~

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6.08 a.m. Wir war­te­ten gera­de vor dem Auf­zug. Mrs. Cal­las Hän­de gru­ben sich in mei­nen Unter­arm. Schau­en Sie sich das an, rief sie, kom­men Sie näher! Sie deu­te­te auf eine Wand. Da waren Schne­cken, win­zi­ge Schne­cken von grau­er Far­be, eine leben­de Tape­te, schil­lernd, Mil­lio­nen zar­ter Mol­lus­ken. Die Luft roch nach geschmol­ze­nem Zinn, als habe man die Tie­re fest an die Wand gelö­tet. Nein, nein, höre ich Mrs. Cal­las rufen, die­se Schne­cken sind die Wand, eine Wand von Schne­cken­kör­pern. Über­all, Mr. Ellis, sind die­se Wän­de von Mol­lus­ken um uns her, sie sind das inne­re Gehäu­se der Box, in der wir leben. ~

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6.22 a.m. Wenn Mrs. Cal­las je an Flucht gedacht haben soll­te, dann hat­te sie Flucht in die­sem Augen­blick ver­ges­sen. Sehen Sie, Mr. Ellis, sehen Sie sich das an. Sie fres­sen Stäu­be, Spo­ren, Pil­ze, auch Bak­te­ri­en und Viren. Ihre hin­te­ren Abtei­le sind nach außen gerich­tet. Sie sol­len sehr alt wer­den, sieb­zig Jah­re und älter, behaup­tet Mr. Ful­ler. Mrs. Cal­las schnalz­te mit der Zun­ge. Ich ver­traue Mr. Ful­ler, ich wer­de nie­mals glau­ben, dass wir sin­ken wer­den. Für einen Moment schwieg sie, dann flüs­ter­te sie, also woll­te sie mir ein Geheim­nis offen­ba­ren: Hören sie, Mr. Ellis, 1 Mal an jedem Tag wan­dert ein sono­res Geräusch, ein Brau­sen durch unse­re Zim­mer. In einer lang­sam rei­sen­den Wel­le bewegt sich die­ser Ton über alle Wän­de hin. Genau in jener Sekun­de, da der Ton hör­bar wird, ent­leert jedes der Tie­re sei­nen Darm, weiß der Teu­fel, wie Ful­ler das pro­gram­miert hat. Musik ist das, Mr. Ellis, reins­te Musik! ~

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6.45 a.m. Wir war­te­ten. Sei­te an Sei­te ste­hend war­te­ten wir und beb­ten unter dem Don­nern, das vom Rumpf des Schif­fes her zu hören war. Ein blau schil­lern­der Käfer saß vor uns an der Tür des Auf­zu­ges, auch der Käfer beb­te. Ich sehe Mrs. Cal­las Hand, ihre schnee­wei­ße Hand, die an dem Pan­zer des Käfers so lan­ge behut­sam dreh­te, bis das Tier, Fuß um Fuß sei­nen Halt auf­ge­ge­ben hat­te. Sie nahm den Käfern in bei­de Hän­de und wärm­te ihn mit ihrem Atem. Coleop­te­ra calo­so­ma bate­ra, dozier­te sie, eigent­lich ein schnel­ler Läu­fer. Es ist zu kalt hier. Manch­mal ver­ir­ren sie sich. ~

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7.05 a.m. War­um, Mrs. Cal­las, sind Ihre Leu­te so ner­vös, frag­te ich. Das ist des­halb, ant­wor­te­te sie, weil wir alle seit lan­ger Zeit sehr schlecht schla­fen. Ihre Stim­me war wie­der ernst gewor­den. Verste­hen Sie, Mr. Ellis, seit über einem Jahr sind wir unter­wegs. Mei­ne Leu­te kom­men nur sel­ten an Land. Und wenn sie an Land gehen, müs­sen sie sich ver­ste­cken. Wir ste­hen unter Qua­ran­tä­ne. Mrs. Cal­las schüt­tel­te den Käfer in ihren Hän­den vor­sich­tig hin und her. Nach wie vor sind wir staa­ten­los, geäch­tet, ver­folgt, aus­ge­sto­ßen, mei­ne Schwes­tern, unse­re Kin­der, mei­ne Besat­zung und ich. Ver­ste­he, ant­wor­te­te ich. Mrs. Cal­las rich­te­te eine ver­ächt­li­che Hand­be­we­gung gegen die Decke. Nichts ver­ste­hen Sie, Ellis, nichts ver­ste­hen Sie. Sie schwieg für einen kur­zen Moment, dann sag­te sie mit lei­ser Stim­me: Hören Sie zu. Unse­re Com­pa­ny wur­de eli­mi­niert. Wir haben jede For­schung ein­ge­stellt. Trotz­dem wer­den wir behan­delt als sei­en wir Elen­de. ~

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7.27 a.m. Mrs. Cal­las lief vor mir auf und ab. Ihre Stim­me war laut gewor­den. Es ist gestat­tet Nah­rung auf­zu­neh­men, Was­ser, Treib­stoff. Fins­ter sah sie mich an, schlug mit einer Faust gegen die Tür des Auf­zu­ges und fluch­te. Wenn wir uns ankün­di­gen, wenn wir uns nähern, um Was­ser, um Nah­rung, um Medi­ka­men­te auf­zu­neh­men, ist alles schon vor­be­rei­tet. Man geht sehr gewis­sen­haft vor. Man hat unse­re Ware auf einen Pon­ton gestellt und sich zurück­ge­zo­gen, nie­mals sehen wir ein mensch­li­ches Wesen per­sön­lich. Wenn wir dann gela­den haben und wei­ter­ge­fah­ren sind, zün­det man alles an, was von uns zurück­ge­las­sen wur­de. ~

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7.50 a.m. — Wir beob­ach­ten den Schein der Brän­de noch aus gro­ßer Ent­fer­nung, fuhr Mrs. Cal­las fort. Es ist schreck­lich, Mr. Ellis. Wir sind kei­ne Gefahr, und doch wer­den wir behan­delt, als wären wir sehr gefähr­lich. Mrs. Cal­las schwieg. Sie schien wie ver­stei­nert, kein Licht, nicht das gerings­te Licht, nicht der gerings­te Aus­druck eines Gefühls war an ihr noch zu fin­den. Kein Aus­weg, fuhr sie fort, es exis­tiert kein ande­rer Aus­weg, als der Aus­weg, uns zwangs­wei­se unter­su­chen zu las­sen. Das kommt nicht infra­ge! Wes­halb, woll­te ich wis­sen, wes­halb die­se Vor­sicht. Ich fürch­te, man wür­de Hand an uns legen, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las. Sie senk­te den Kopf. Und wie­der, ich erin­ne­re mich, zit­ter­te das klei­ne Tier in ihrer Augen­höh­le, Mrs. Cal­las muss­te sich beherr­schen, um ihre Fas­sung nicht zu ver­lie­ren. ~

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8.08 a.m. Erneut schlug sie mit einer geball­ten Faust gegen die Türe des Auf­zu­ges: Ver­dammt, wir sind alle sehr müde gewor­den. Wir kön­nen unse­re Rou­ten nicht län­ger frei bestim­men. Die Wale sind stär­ker gewor­den als unse­re Maschi­nen. Sehen Sie selbst, der Rumpf des Schif­fes ver­zieht sich, unse­re Türen klem­men. Die Pan­ze­rung ihrer Schä­del ist mas­siv, sodass sie uns bald gefähr­lich wer­den könn­ten. Nicht nur Ful­ler ist ängst­lich. Wir alle haben Angst. Wir ver­su­chen mit ihnen zu spre­chen. Sie ant­wor­ten nicht. ~

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ATLANTIK 9.15 a.m. Wie­der ras­ten wir. Einer der Wale, ein jün­ge­res Tier, reich­te mir soeben fri­schen Fisch, klei­ne­re Exem­pla­re, Sprot­ten viel­leicht. Ich ver­moch­te Zäh­ne im geöff­ne­ten Maul des Wals zu berüh­ren, zwei Rei­hen fla­cher, brei­ter Zäh­ne, küh­le Luft weh­te dem Wal aus dem Schlund. Auch die Haut des jun­gen Tie­res war kalt und hart. Dann ein wei­te­res jun­ges Tier. Noch ein­mal Sprot­ten, noch ein­mal Tang. Gehe sehr vor­sich­tig vor. Ließ ihre Geschen­ke, sobald sie abge­taucht waren, lei­se von der Insel glei­ten. ~

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9.27 a.m. Seit zwei oder drei Minu­ten haben wir wie­der Fahrt auf­ge­nom­men. Neu­er Kurs. Wir fol­gen einer nord­west­li­chen Linie. Am Hori­zont war kürz­lich ein Tan­ker zu sehen. Rie­si­ges Schiff. Die Wale haben Kon­fron­ta­ti­on ver­mie­den. Hof­fe auf ein Flug­zeug. Der Him­mel, bedeckt. Es ist noch küh­ler gewor­den, leich­ter See­gang. Das Was­ser, grau. Dun­kel­grau. Sal­zi­ge Luft. Gischt. War­te dar­auf, dass ich von Übel­keit ange­fal­len wer­de. Mrs. Ander­son intakt. Ich habe den Ver­dacht, sie könn­te bald in einen Zustand begin­nen­der Ver­we­sung fal­len. Habe Befes­ti­gun­gen geprüft. Etwas Was­ser getrun­ken. Auf Nah­rung ver­zich­tet. Habe mich fest ver­täut, um Not­durft ver­rich­ten zu kön­nen. Ich schöp­fe Hoff­nung. ~

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9.45 a.m. joe ellisjoe ellisrufe lon­donrufe lon­dondas ist ein not­rufmaydaymaydaydas ist ein not­ruflndonbit­te kom­menrufe lon­donrufe inter­na­tio­nal meta­mor­pho­sis obser­vermaydaymaydayseatown gesun­kenbefin­de mich auf ret­tungs­nse h/758 - auf­trag aus­ge­führthabe gin­ger cal­las gespro­chen. — notie­re mei­nen bericht vom besuch im bauch der seatownbit­te mel­den. ~

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9.55 a.m. Sobald ich an Mrs. Cal­las den­ke, schöp­fe ich Hoff­nung. Groß­ar­ti­ge Erschei­nung. Ich wer­de über­le­ben. Ja, das wer­de ich. Die Wale sind mir gewo­gen. Sie wol­len mich erhal­ten, sie füt­tern mich. Sie wer­den trink­ba­res Was­ser für mich aus der Tie­fe holen. Ich wer­de über­le­ben. Ich, Joe Ellis, wer­de über­le­ben. Wenn ich an Mrs. Cal­las den­ke, gewin­ne ich an Zuver­sicht. ~

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10.15 a.m. Mrs. Cal­las wie sie einen Käfer schüt­telt. Ich spü­re sie neben mir, als wäre sie hier. Ich spü­re ihre Hän­de, die mich vor den Auf­zug zie­hen. Ich kann nicht sagen, wie lan­ge wir dort unten waren im Maga­zin der Box. Ich habe für die Zeit jedes Gefühl ver­lo­ren. Irgend­wann fuh­ren wir auf­wärts, vom unte­ren Geschoss in die mitt­le­re Eta­ge des Schif­fes. Dort stie­gen wir um. Da war eine wei­te­re Ton­ne. Die Wän­de der Ton­ne waren warm, als wären sie beheizt. Käfer und Fal­ter saßen dort fest und beb­ten mit den Flü­geln. Die Luft roch bit­ter, und es war plötz­lich so schwül und so feucht, dass ich zu schwit­zen begann. ~

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10.25 a.m. Auch Mrs. Cal­las schwitz­te. Ich bemerk­te, wie sie mich aus der Nähe betrach­te­te, dass sie mei­nen Augen folg­te, wie sie über ihren Kör­per wan­der­ten, Augen, die ich nicht län­ger zu kon­trol­lie­ren ver­moch­te. Soll ich ihnen etwas ver­ra­ten?, frag­te Mrs. Cal­las, ich lie­be das Meer, Mr. Ellis, das küh­le Meer, aber das Meer ist für mich nicht erreich­bar. Nur weni­ge Meter ent­fernt, und doch ist es nicht erreich­bar. Ver­ste­hen Sie, Mr. Ellis? Sie kam so nahe her­an, dass ich ihren Atem auf mei­nem Gesicht spü­ren konn­te. Ich kann nicht schwim­men, Mr. Ellis, flüs­ter­te sie, was hal­ten Sie davon, dass ich nicht schwim­men kann? Das ist erstaun­lich, sag­te ich, Sie sind Grie­chin und kön­nen nicht schwim­men. So ist es, sag­te Mrs. Cal­las. Man erzählt, sag­te ich, Sie wür­den die­ses Schiff nie ver­las­sen. Eine ganz unglaub­li­che Geschich­te. Haben Sie Schwes­tern, Mrs. Cal­las? ~

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11.01 a.m. Ich habe vier Schwes­tern, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las. Ich lie­be mei­ne Schwes­tern. Sie lach­te mit glo­cken­hel­ler Stim­me und fuhr mit ihren Hän­den durch ihr kräf­ti­ges, dunk­les Haar. Wir haben alle das glei­che Alter. Als wir noch jung gewe­sen waren, als wir noch auf dem Ober­deck der Seatown in leich­ten Som­mer­kleid­chen Matro­sen hetz­ten, sahen wir ein­an­der sehr, sehr ähn­lich. Sie schwieg für einen kur­zen Moment, sah mich dann fra­gend an. Das woll­ten Sie doch wis­sen, Mr. Ellis? Hat­ten Sie eine Schu­le an Bord der Seatown?, erkun­dig­te ich mich. Eine Schu­le hat­ten wir, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las, eine har­te Schu­le. Die bes­te Schu­le, die man zu jener Zeit bekom­men konn­te. Ver­ste­hen Sie, Mr Ellis, man hielt uns für sehr kost­ba­re Ware. Wie­der schwieg Mrs. Cal­las. Wir stan­den Auge in Auge in der Enge der Kabi­ne. Das Licht begann zu fla­ckern, ein kur­zes Häm­mern, ein furcht­ba­rer Schlag. Dann plötz­lich Stil­le, dann das Pfei­fen von Vögeln. ~

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11.15 a.m. Ich erin­ne­re mich, wie sich die Türe des Auf­zu­ges öff­ne­te. Wir tra­ten in einen sub­tro­pi­schen Gar­ten hin­aus. Feuch­te, den Atem läh­men­de Luft. Ein paar krei­schen­de Sit­ti­che schos­sen auf uns zu, dreh­ten kurz vor uns ab und zer­sto­ben im Dickicht des Wal­des. Von den grö­ße­ren der Pflan­zen, deren Kro­nen sich dicht bis unter das Dach des hell aus­ge­leuch­te­ten Saa­les dräng­ten, tropf­te Was­ser. Zu unse­ren Füßen wan­der­te ein Volk rot­brau­ner Amei­sen über einen hel­len, san­di­gen Boden. ~

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11.22 a.m. Jen­seits des Auf­zu­ges, des­sen Tür sich sofort hin­ter uns schloss, war die Wand des Gehäu­ses dicht von Schne­cken bedeckt. Sie waren groß wie Eier einer Tau­be. Auch noch aus grö­ße­rer Ent­fer­nung, konn­te ich erken­nen, dass sie sich beweg­ten, dass sie mit fei­nen, gla­si­gen Ten­ta­keln die Luft betas­te­ten. Ich hat­te nicht das Gefühl einen Urwald betre­ten zu haben, befand ich mich doch im Inne­ren eines Schif­fes, des­sen Bord­wän­de jeden Wald nach oben und zur Sei­te hin begrenz­ten, aber ich dach­te, dass die­ser Gar­ten einem Urwald sehr ähn­lich sei und dass es sehr viel Muhe gekos­tet haben muss­te, ihn hier­her an Bord zu brin­gen. ~

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11.55 a.m. Mrs. Cal­las indes­sen war ein paar Schrit­te vor­aus gelau­fen. Dann dreh­te sie sich zu mir her­um, ver­beug­te sich, indem sie die Arme zu bei­den Sei­ten weit­hin öff­ne­te und rief: Mr. Ellis, voi­là, mein Gar­ten. Sie sah hin­rei­ßend aus, wie so vor ihrem trop­fen­den Dschun­gel stand, eine Grie­chin, die nicht schwim­men konn­te, eine Grie­chin, in einem lan­gen schwar­zen Som­mer­kleid. Da waren noch hel­le, fla­che Schu­he an ihren Füßen, und ein Vogel, der sich auf ihrem Kopf nie­der­ge­las­sen hat­te und an ihren Haa­ren nag­te. Ein paar präch­ti­ge Ech­sen hetz­ten über den Boden auf sie zu, als hät­ten sie Mrs. Cal­las bereits seit län­ge­rer Zeit ver­geb­lich erwar­tet. ~

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12.15 p.m. Ich rief: Erstaun­lich, Mrs. Cal­las, ganz erstaun­lich. Sind Sie oft hier?, woll­te ich wis­sen. Jawohl, sag­te Mrs. Cal­las, ich woh­ne hier, und ich schla­fe und ich esse hier. Von Zeit zu Zeit besu­che ich mei­ne Schwes­ter und mei­ne Kin­der, sie leben gleich unter uns, aber ich keh­re immer wie­der sehr ger­ne in mei­nen Gar­ten zurück, um mich zu erho­len. Der klei­ne Vogel war unter­des­sen an ihr her­ab­ge­klet­tert. Er saß auf dem Rücken ihrer lin­ken Hand. Mrs. Cal­las schau­kel­te ihn vor ihrem Gesicht auf und ab, der Vogel kreisch­te vor Ver­gnü­gen und stell­te einen Kamm aus roten Federn senk­recht auf den Kopf. Haben sie nicht Sor­ge, sie könn­ten sich infi­zie­ren, frag­te ich, Mrs. Ander­son behaup­te­te, Sie sei­en über­aus emp­find­lich, Sie alle hier unten, Sie ver­füg­ten über kei­ner­lei Abwehr­kräf­te? ~

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0.33 p.m. Mrs. Cal­las rech­te Hand voll­führ­te eine müde Ges­te, nahe­zu her­ab­las­send, als hät­te ich eine Fra­ge gestellt, die sie lang­weil­te, die sie ent­täusch­te. Mr. Ellis, sag­te sie, alles, was Sie hier sehen war für lan­ge Zeit  in Qua­ran­tä­ne gewe­sen, jede Flie­ge, jeder Käfer, die­ser Vogel hier und mei­ne Ech­sen, jede ein­zel­ne der Orchi­deen, jede der Pal­men, jedes Gramm des Bodens, alles war unter Qua­ran­tä­ne gewe­sen und mit Vor­sicht an den hohen Luft­druck unse­rer Box gewöhnt. Mr. Ellis, rief sie aus, indem die ihre Augen ver­dreh­te, wie glau­ben Sie wohl, wür­de die­ser Vogel hier aus­se­hen, wenn er ohne Druck­aus­gleich mei­ner Atmo­sphä­re aus­ge­setzt wor­den wäre. Mrs. Cal­las, sag­te ich, Uhren­ver­gleich! Dann schlu­gen wir uns Jen­seits des Pfa­des ins Dickicht. ~

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0.55 p.m. Glei­ßen­des Licht strahl­te in die Kro­nen der Bäu­me. Aber hier unten, auf den Wegen, über die wir wan­der­ten, war es schat­tig. Mrs. Cal­las ras­te­te da und dort, um ein paar kost­ba­re Blü­ten in ihrem Auf­bau zu erläu­tern. Da war eine Lau­be. Und da waren eine Hän­ge­mat­te, ein Kühl­schrank, ein Tisch, vier Stüh­le, ein paar Bücher, Cal­vi­no und Perec. Und da waren noch Glä­ser und Tas­sen, die klirr­ten, als wir uns set­zen. Was wol­len Sie trin­ken, Mr. Ellis? Tee, Kaf­fee, hei­ße Zitro­ne? Sie schlen­der­te zum Kühl­schrank, sah mich über ihre Schul­ter hin­weg an, oder Holun­der­blü­ten­tee viel­leicht? Wir haben star­ken Holun­der­blü­ten­tee! Und wie sie zurück­kehr­te, bemerk­te ich ihre unru­hi­gen Fin­ger, die über die damp­fen­de Karaf­fe tas­te­ten, als wären sie Tie­re, die vor der Hit­ze des Gefä­ßes flüch­te­ten. ~

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1.15 p.m. Der Vogel war nun doch die kur­ze Stre­cke von ihrer Schul­ter zu mir her­über­ge­flo­gen. Er knab­ber­te an mei­nen Ohren. Zwei Ech­sen ruh­ten bewe­gungs­los mit geschlos­se­nen Augen im Sand. Wis­sen Sie über­haupt, Mr. Ellis, dass ich eini­ge Ihrer Arbei­ten gele­sen habe?, frag­te Mrs. Cal­las. Ihre Geschich­ten aus der Waren­welt, hin­rei­ßen­de Geschich­ten. Ich beob­ach­te­te, wie sie gebückt vor dem Kühl­schrank stand. Und wäh­rend ich sie betrach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, mich in einem Traum zu befin­den. Von Zeit zu Zeit warf sie einen vor­sich­ti­gen Blick über Ihre Schul­ter, dann kam sie zurück und ließ sich in den Korb­stuhl auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te des Tisches sin­ken. Ich bemerk­te, dass ich mich wohl­fühl­te in ihrer Umge­bung, und ich dach­te, dass wir uns bald an die Arbeit machen soll­ten. Wo sind Ihre Kin­der, Mrs. Cal­las?, frag­te ich frei her­aus. Unter uns, ant­wor­te­te sie. Ich wür­de sie sehr ger­ne besu­chen, sag­te ich. Das wer­den Sie noch, beteu­er­te Mrs. Cal­las, auch mei­ne Schwes­ter Mika wer­den Sie ken­nen­ler­nen. Sie wer­den bald etwas Wun­der­vol­les über mei­ne Schwes­ter Mika schrei­ben, mei­ne Kin­der und mich per­sön­lich, nicht wahr? Noch etwas Tee, Mr. Ellis? ~

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1.42 p.m. Sie lehn­te sich zurück, fal­te­te ihre Hän­de vor dem Kinn und sah mich an. Wie wol­len wir vor­ge­hen?, frag­te sie. Klas­sisch, ant­wor­te­te ich. Gut, sag­te sie und droh­te den Vogel, der noch immer auf mei­ner Schul­ter weil­te. Ein schar­fer Pfiff war zu hören, dann schoss das Tier gegen die Decke und ver­schwand. Los, Mr. Ellis schie­ßen Sie end­lich los!, fauch­te Mrs. Cal­las, klas­sisch, Ellis, klas­sisch, wie wun­der­voll, wie lan­ge Zeit habe ich auf so etwas gewar­tet! Und so begann ich Mrs. Cal­las zu befra­gen. Wann sind Sie gebo­ren?, woll­te ich wis­sen. An einem 18. Novem­ber, einem Sonn­tag, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las. Sie sind also ein Sonn­tags­kind, bemerk­te ich, war das geplant, war das so ein­ge­rich­tet oder war das ein Zufall gewe­sen, Mrs. Cal­las? ~

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1.55 p.m. Ob ich als Sonn­tags­kind geplant wor­den bin, kann ich nicht mit Sicher­heit sagen, flüs­ter­te Mr. Cal­las, ich weiß nicht, wen ich fra­gen könn­te. Ihre Mut­ter könn­ten sie fra­gen, schlug ich vor. Mei­ne Mut­ter ken­ne ich nicht, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las. Hat­ten Sie denn eine Mut­ter? Ja, ich hat­te eine Mut­ter, natür­lich hat­te ich eine Mut­ter, rief Mrs. Cal­las. Sie schwieg für einen Moment und als ich fort­fah­ren woll­te zu spre­chen, unter­brach sie mich mit einer hef­ti­gen Bewe­gung ihrer Hän­de. Was mei­nen Sie genau, wenn Sie von mei­ner Mut­ter spre­chen?, frag­te sie. Die Frau, die Sie gebo­ren hat, ant­wor­te­te ich. Sie mei­nen eine Frau, die mich aus­ge­tra­gen und gebo­ren hat­te? Genau das mei­ne ich, Mrs. Cal­las. Mei­ne Mut­ter ken­ne ich nicht, sag­te Mrs. Cal­las. Ich frag­te unver­züg­lich nach: Ist die Frau, die Sie nicht ken­nen, auch die Mut­ter ihrer Schwes­tern. Nein, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las, da waren ande­re Müt­ter. Es gab also fünf Müt­ter für fünf Cal­las Schwes­tern? So ist es, sag­te Mrs. Cal­las und schloss ihre Augen. ~

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2.05. p.m. In aller Ruhe lausch­te Mrs. Cal­las mei­ner Stim­me. Nein, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las, ich weiß nicht, wo unse­re Müt­ter sind, und ich weiß nicht, wie viel ihnen dafür bezahlt wur­de, uns aus­zu­tra­gen. Ganz ohne Zwei­fel haben sie das gegen eine Ent­loh­nung getan, zisch­te Mrs. Cal­las. Wür­den Sie ihre Mut­ter ger­ne ken­nen­ler­nen? Das ist nicht von Bedeu­tung, erwi­der­te Mrs. Cal­las. Sie nahm einen gro­ßen Schluck aus ihrem Glas und sah mir kühl ent­ge­gen. Sie tra­gen einen legen­dä­ren Namen. Haben Sie jemals dar­an gedacht, einen ande­ren Namen anzu­neh­men? Nie­mals, rief Mrs. Cal­las, nie­mals! Ich ken­ne Maria Cal­las nicht, Mr. Ellis, aber ich bewun­de­re sie, ich habe sehr viel über sie gele­sen, ich habe ihre Stim­me gehört. Eine Schall­plat­te, aber natür­lich. ~

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2.15 p.m. Haben Sie Fil­me gese­hen, die Ihr Vor­bild zei­gen, frag­te ich. Ja, das habe ich, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las, vie­le Fil­me habe ich gese­hen. Haben Sie Gemein­sam­kei­ten ent­deckt. Ja, Mr. Ellis, das habe ich. Mrs. Cal­las lach­te. Wir sehen uns ähn­lich. Wir haben einen iden­ti­schen Code, Mr. Ellis, dann muss das so sein, dass wir uns ähn­lich sind! Tri­um­phie­rend setz­te sich Mrs. Cal­las auf ihrem Stuhl zurecht. Sie stütz­te das Kinn auf den Rücken ihrer Hand. Ich mei­ne auch Gemein­sam­kei­ten ihres Ver­hal­tens, ihrer Wün­sche, ihrer Hoff­nun­gen, ergänz­te ich. Ich esse sehr ger­ne Eis, Mr. Ellis, wenn Sie das mei­nen, sag­te Mrs. Cal­las. Ich kann auf den Tod kei­ne Hun­de ver­kraf­ten, wenn Ihnen das etwas sagt! Ver­ste­he, wie­der­hol­te ich, was wol­len Sie damit sagen, Mrs. Cal­las? Alles belie­big, Mr. Ellis, brumm­te sie vor sich hin. Sie sah mich über ihren Hand­rü­cken hin­weg an und zwin­ker­te mir zu, Mrs. Cal­las schien sich zu amü­sie­ren. ~

 

Ver­mut­li­che Rei­se­rou­te der
Seatown­wa­le nord­wärts
Rich­tung Grön­land­see

 

ATLANTIK 2.33 pm. Eine dün­ne Haut von Was­ser ist über den Him­mel auf­ge­zo­gen, das Meer in ein mil­des, gel­bes Licht getaucht. Ich habe den Ein­druck, auch die Wale wun­dern sich über die­sen Him­mel, über die­ses selt­sa­me Licht. Sie haben ange­hal­ten, sie lie­gen seit­wärts im Was­ser und schau­en nach oben. ~

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2.50 p.m. Ich kann nicht ver­heim­li­chen, es wird küh­ler. Habe nach Decken gesucht, ver­geb­lich. Habe zu den Walen gespro­chen. Ich habe gesagt: Freun­de, es geht nord­wärts, wir rei­sen nord­wärts, es wird kühl, Jen­ni­fer, bald wird es kalt wer­den, ich tra­ge nur leich­te Beklei­dung, es könn­te zu kalt wer­den für ein mensch­li­ches Wesen, ich könn­te erfrie­ren. Könn­ten wir, nicht viel­leicht umkeh­ren? — So habe ich gespro­chen. Und habe gewar­tet. Nicht die gerings­te Ände­rung des Kur­ses. ~

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3.05 p.m. Immer wie­der fra­ge ich mich, wie ich der­art ruhig und gelas­sen blei­ben konn­te bis­her. Kei­ne Ver­zweif­lung, aber leich­te Unru­he. Ich erhof­fe ein Flug­zeug, ein Schiff, einen Heli­ko­pter, viel­leicht wer­den mich die Wale ret­ten, viel­leicht haben sie nichts ande­res vor, als mich in Sicher­heit zu brin­gen. Viel­leicht wer­den sie mich recht­zei­tig nach Island gelei­ten, oder nach Grön­land, oder nach Neu­fund­land, das ist denk­bar. Also wer­de ich wei­ter hof­fen, wer­de hof­fen, die­se Geschich­te, von der ich berich­te, zu über­le­ben. Solan­ge ich lebe, schrei­be ich. Ich war zuletzt in Mrs. Cal­las Gar­ten. Ander­son, June, wei­ter­hin intakt. Was wur­de ich dafür geben, sie wecken zu kön­nen. Wir wür­den uns wär­men. ~

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3.15 p.m. joe ellisjoe ellisrufe lon­donrufe lon­dondas ist ein not­rufmaydaymaydaydas ist ein not­ruflndonbit­te kom­menrufe lon­donrufe inter­na­tio­nal meta­mor­pho­sis obser­vermaydaymaydayseatown gesun­kenbefin­de mich auf ret­tungs­nse h/758 - auf­trag aus­ge­führthabe gin­ger cal­las gespro­chen. — notie­re mei­nen bericht vom besuch im bauch der seatownbit­te mel­den. ~

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3.22 p.m. Mrs. Cal­las, groß­ar­ti­ge Erschei­nung. Wie­der erhob sie sich, schlen­der­te zum Kühl­schrank zurück, hol­te wei­te­ren Tee und erzähl­te, wäh­rend sie Tee und Eis in Glä­sern ver­rühr­te, dass drei ihrer Schwes­tern an Land gesetzt wur­den, weil sie Müt­ter gewor­den waren. War es denn nicht mög­lich alle Kin­der an Bord der Seatown groß zu zie­hen, frag­te ich. Nein, sag­te Mrs. Cal­las, das war voll­stän­dig unmög­lich, es wur­den zu vie­le, Mr. Ellis, es wur­de zu eng. Aber Sie haben doch ein gro­ßes Schiff, ant­wor­te­te ich. Nicht groß genug, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las. Sie sah mich fins­ter an und schwieg. Wie konn­ten Sie an Land gehen? Das hat Ander­son orga­ni­siert, fuhr Mrs. Cal­las fort, sie ist sehr talen­tiert, müs­sen Sie wis­sen. Seit 10 Jah­ren ist sie in mei­ner Nähe an Bord. Ich glau­be, ich lie­be die­se Frau. Wir haben vier gemein­sa­me Exkur­sio­nen unter­nom­men. ~

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3.32 p.m. Wir haben Exkur­sio­nen nur aus einem Grund unter­nom­men, wir muss­ten mei­ne Schwes­tern an Land brin­gen. Und wir muss­ten uns beei­len, ver­ste­hen Sie, Mr. Ellis, es war und ist denk­bar, dass wir sin­ken wer­den. Wie­der schwieg Mrs. Cal­las. Ich frag­te, war­um sie denn selbst zurück­ge­kehrt sei auf das Schiff. Erneut kehr­te ein Aus­druck schwe­rer Sor­gen in ihr Gesicht zurück. Mr. Ellis, hören Sie genau zu, auch ich habe Kin­der. Ich habe Töch­ter gebo­ren. Mei­ne Töch­ter sind beschä­digt. Ihr Code ist defekt. Mei­ne Kin­der altern rasend schnell, Mr. Ellis. Sie sind zu schwach. Sie sind zer­brech­li­che Wesen. Ich konn­te sie nicht allein zurück­las­sen. ~

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3.38 p.m. Mei­ne Töch­ter leben in einer ande­ren Zeit, Mr. Ellis, als wir sie ken­nen, flüs­ter­te Mrs. Cal­las. Wie­der ver­fins­ter­te sich ihr Blick. Mei­ne Töch­ter, fuhr Mrs. Cal­las fort, ver­fü­gen über kei­ner­lei Abwehr. Jede harm­lo­se Infek­ti­on wür­de sie töten. Ich habe fünf Töch­ter gebo­ren, zwei, drei, vier, sechs, und sie­ben Jah­re alt, alle haben sie das­sel­be Lei­den. Wer ist ihr Vater?, frag­te ich. Mei­ne Töch­ter haben kei­nen Vater, Mr. Ellis. Sehen Sie, sie beug­te sich über den Tisch und flüs­ter­te kaum noch wahr­nehm­bar, wir erle­di­gen das selbst. Sie tipp­te mit dem Fin­ger vor sich auf die Tisch­plat­te und lächel­te mich an. Was, frag­te ich, erle­di­gen Sie selbst, Mrs. Cal­las? Wir benö­ti­gen kei­ne Män­ner, sag­te Mrs. Cal­las, die Cal­las Schwes­tern erle­di­gen das alles ohne jeden Mann. Wir sind sehr gut kon­stru­ier­te Geschöp­fe; Män­ner brau­chen wir nicht! ~

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3.45 p.m. Leich­ter Regen hat­te ein­ge­setzt. Mrs. Cal­las saß vor mir, ruhig und gelas­sen saß sie da und hör­te den Vögeln zu. Sie hat­te ihre Bei­ne über­ein­an­der geschla­gen und ließ die Wür­fel des Eises bis dicht unter den Rand ihres Gla­ses krei­sen. Dann setz­te sie von neu­em an. Ver­ste­hen Sie, Mr. Ellis, wir brau­chen tat­säch­lich kei­ne Män­ner, um Kin­der zu gebä­ren. Das ist erstaun­lich, sag­te ich. So ist es, ant­wor­te Mrs. Cal­las. Sie strahl­te. Eine groß­ar­ti­ge Erschei­nung, tap­fer und leicht und selt­sam. ~

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3.51 p.m. Mrs. Cal­las griff nach ihrem Glas. Ich weiß natür­lich nicht, ob das so aus­ge­dacht war, als man uns plan­te. Nun, es ist wie es ist. Wir wer­den uns ver­meh­ren. Sie lächel­te. Ich erin­ne­re mich, dass ihr Gesicht zu schim­mern begann, als wäre etwas Strom durch ihren Kör­per gefah­ren, ein Schim­mern, kaum sicht­bar. Wir wer­den uns ver­meh­ren! Sie hob das Glas vom Tisch und leer­te es in einem Zug. Ich habe einen Auf­trag für Sie, Mr. Ellis. Hören Sie zu, Mr. Ellis, hören Sie genau zu, so wer­den Sie das auf­schrei­ben, genau­so, Mr. Ellis. Wir sind fried­li­che, ruhi­ge Frau­en und unse­re Töch­ter wer­den sehr ruhi­ge und fried­li­che Frau­en wer­den und sie wer­den eben­so ruhi­ge und fried­li­che Töch­ter zur Welt brin­gen. Haben Sie das ver­stan­den, Mr. Ellis, erzäh­len Sie das, schrei­ben Sie das auf! Ihre Augen wan­der­ten prü­fend über mein Gesicht! Sie haben noch eine Schwes­ter hier an Bord, frag­te ich. Ja, Mr. Ellis, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las, mei­ne Schwes­ter Mika, sie ist ein Wrack. ~

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4.16 p.m. Mrs. Cal­las nipp­te an ihrem Glas, sie fuhr sich über die Stirn, die gerö­tet war. Wo ist ihre Schwes­ter gera­de, Mrs. Cal­las?, frag­te ich lei­se. Sie wer­den sie bald sehen, Mr. Ellis. Mrs. Cal­las erhob sich seuf­zend. Sie bück­te sich zu einer der Ech­sen, die noch immer bewe­gungs­los zu unse­ren Füßen kau­er­ten, und fuhr ihr behut­sam über den Kopf. Sie war mir sehr nah in die­sem Moment. Ich sah zu ihrem Kopf hin, auf das dich­te Haar, das sie zu einem ein­fa­chen Kno­ten gebun­den hat­te. Ich mein­te, erken­nen zu kön­nen, dass Ihre Haut noch immer ein wenig leuch­te­te. Und ich sah, dass ihre Haut geal­tert war. Im grel­len Licht des Gar­tens war kein Zwei­fel mög­lich, auch Mrs. Cal­las, wie ihre Töch­ter, schien in einer ande­ren Zeit zu leben als ich selbst Sie erhob sich und schlen­der­te wie­der zum Kühl­schrank hin. Noch Tee?, Mr. Ellis. Melo­ne? ~

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4.21 p.m. Mrs. Cal­las stand sehr auf­recht vor mir, ihre Bei­ne fest auf den Boden gestellt, ver­mut­lich des­halb, weil sich die Bewe­gung des Schif­fes bei schwe­rem See­gang in ihren Kopf ein­ge­brannt hat­te. Dann kam sie zurück an den Tisch. Sie ließ Eis in die Kan­ne fal­len. Haben Sie noch Fra­gen, Mr. Ellis?, woll­te sie wis­sen. Groß, her­aus­for­dernd, fast dro­hend stand sie unmit­tel­bar vor mir. Sie wer­den doch noch Fra­gen haben, Mr. Ellis! Ich ant­wor­te­te, dass ich noch Fra­gen haben wür­de, vie­le Fra­gen. Na, dann schie­ßen Sie los, rief Mrs. Cal­las, die Zeit drängt. Sie sah auf ihre Uhr: Sie haben noch fünf­und­drei­ßig Minu­ten, Mr. Ellis. Sie könn­ten mich fra­gen, ob Mrs. Cal­las sin­gen kann. Das könn­te ich, ant­wor­te­te ich. Ja, inter­es­siert Sie denn nicht, ob Mrs. Cal­las sin­gen kann? Das ist doch ein bedeu­ten­de Fra­ge, Mr. Ellis! Sie schien belus­tigt zu sein, hielt ihr Glas, als sei sie betrun­ken, als habe sie vor, das Glas jeder­zeit in mei­ne Rich­tung zu wer­fen, sofort, wenn mir nur der gerings­te Feh­ler unter­lau­fen soll­te. ~

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4.28 p.m. Aber natür­lich kön­nen wir alle sin­gen, Mr. Ellis. Wir fünf ers­te Schwes­tern, die Cal­las Schwes­tern der 1. Genera­ti­on, wur­den dar­auf abge­rich­tet, zu sin­gen von früh bis spät. Ich sage Ihnen, wir waren ganz pas­sa­bel. Ich glau­be, man hat­te vor, uns auf­tre­ten zu las­sen. Von Zeit zu Zeit haben wir den Ange­stell­ten der Com­pa­ny ein klei­nes Kon­zert gege­ben und alle waren zufrie­den und dann haben wir ganz ein­fach das gan­ze Schiff über­nom­men. Das ist erstaun­lich, höre ich mich sagen. So ist es, ant­wor­te­te Mrs. Cal­las. Ein Cou­pé, sag­te ich. Jawohl, tri­um­phier­te Mrs. Cal­las, Mrs. Ander­son hat das ein­ge­fä­delt, mei­ne gute Ander­son. Sie hat­te über­haupt erst bekannt gege­ben, dass wir exis­tie­ren. Wir sind reich gewor­den, nur des­halb, weil wir exis­tie­ren. ~

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4.55 p.m. Wir haben das Schiff über­nom­men und auch die Wale haben wir über­nom­men, seufz­te Mrs. Cal­las, die Wale auch, jawohl! Waren Sie jemals in Gefahr gewe­sen?, woll­te ich wis­sen. Ich glau­be nicht, sag­te Mrs. Cal­las, das hier an Bord sind For­scher, kei­ne Ker­le. Sie haben das Schiff mit mei­nen Schwes­tern im ver­gan­ge­nen Jahr nach und nach ver­las­sen. Wo sind Ihre Schwes­tern jetzt, frag­te ich. In den Wäl­dern, flüs­ter­te Mrs. Cal­las. Sie schloss die Augen und wie­der has­te­ten ihre Fin­ger über das Glas. ~

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5.11 p.m. Als der Vogel auf ihren Kopf zurück­kehr­te, ließ Mrs. Cal­las ihn gewäh­ren. Tief atme­te sie ein und aus im Rhyth­mus der Don­ner­schlä­ge, die die spie­len­den Wale unter uns erzeug­ten. Von Zeit zu Zeit öff­ne­te eine der Ech­sen ein Auge und sah uns an, als woll­te sie sagen: Hört Ihr das, hört Ihr das? Mrs. Cal­las so nah, ein Auge, halb­wegs geschlos­sen, als ob sie durch ein Fern­rohr sehen wür­de, und das ande­re starrt mich an, kühl und unbe­wegt. Noch als ich mich nach ihrem Alter erkun­dig­te, sah sie mich in die­ser Wei­se an. Aber dann leg­te sie ihren Kopf in den Nacken und ließ Trop­fen fei­nen Regens auf ihr Gesicht fal­len. ~

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5.25 p.m. Mrs. Cal­las erhob sich sehr lang­sam. Sie leg­te eine Hand auf den Rücken ihres zit­tern­den Vogels ab. Mr. Ellis, ich alte­re, sag­te sie, in der Hälf­te der Zeit mei­ner Kin­der, unse­re Schwes­tern Care, Hele­na und Loui­sa sind unbe­schä­digt. Zwölf ihrer Töch­ter sind eben­so unbe­schä­digt. Aber mei­ne Kin­der, das ist sehr trau­rig, Mr. Ellis, sind sehr schnell geal­tert, alle, ohne Aus­nah­me. Mrs. Cal­las Augen waren hell gewor­den wie der Mee­res­him­mel in die­sen stil­len Momen­ten des Notie­rens über mir. Wir haben den Pro­zess der Alte­rung etwas ver­lang­samt, wir leben hier unter hohem Druck, das hilft. Wir leben hier, als exis­tier­ten wir in fünf­hun­dert Metern Was­ser­tie­fe. Ful­ler woll­te auf 1000 Meter erhö­hen, ich habe abge­lehnt. Und da sind nun die Wale, Sie erin­nern sich, die uns lang­sam zer­le­gen, als wären wir Spiel­zeug, das man ein­fach so erset­zen könn­te. ~

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5.45 p.m. Es hat­te kräf­tig zu reg­nen begon­nen, einen ange­neh­men, küh­len Regen, rasch waren wir nass bis auf die Haut. Wie füh­len Sie sich, Mr. Ellis?, frag­te Mrs. Cal­las. Und ich sag­te, dass ich mich sehr wohl­füh­len wür­de, sehr ange­nehm, die­ses Was­ser. Mrs. Cal­las berich­te­te, sie wür­de die­se Stun­de des Regens lie­ben. Jeden Tag zu die­ser Zeit wür­de sie in ihrem Gar­ten sit­zen. Sie rich­te­te ihr Gesicht wie­der gegen die Decke. Ver­ste­hen Sie, Mr. Ellis, sag­te sie lei­se, wir haben das alles unter Kon­trol­le, alles, nicht aber die Wale, die Wale sind sehr viel intel­li­gen­ter als vor­her­ge­se­hen. Sie beneh­men sich merk­wür­dig. ~

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6.01 pm. Mrs. Cal­las spa­zier­te in ihren fei­nen, hel­len Som­mer­schu­hen vor mir auf und ab, geräusch­los ihr Schritt, als hät­te sie geübt in die­ser Art und Wei­se zu gehen, um die Wale in der Nähe des Schif­fes nicht an ihre Exis­tenz zu erin­nern. Und wäh­rend sie so ging, erzähl­te sie von der Zeit, als sie alle noch über das gesam­te Schiff ver­teilt unter der Besat­zung leb­ten, wie sie Wal­jag­den beob­ach­te­ten. Man schoss mit Geweh­ren nach kon­stru­ier­ten Geschöp­fen. Mrs. Cal­las lach­te. Sie hat­ten kei­ne Chan­ce. Die Wale waren schon viel zu groß gewor­den und viel zu intel­li­gent. Stel­len Sie sich vor, Mr. Ellis, man hat­te nicht nur Wale, man hat­te auch Miros ver­sucht. Auch die Miros sind miss­lun­gen, wie Menu­hin. Ich weiß nicht, war­um sie es mit den Künst­lern hat­ten. Coco Cha­nel, auch die Cha­nel haben sie ernst­haft ver­sucht. Mrs. Cal­las fuhr wütend mit der Hand durch die Luft. Aber Mrs. Cha­nel war fürch­ter­lich schnell in der Zeit. Kaum ange­kom­men, war sie schon wie­der fort, ver­ste­hen Sie, Mr. Ellis, ein Tag, und schon war sie aus­ge­flo­gen. Sie machen sich kei­ne Vor­stel­lung, Mr. Ellis, Sie machen sich kei­ne Vor­stel­lung, was wir hier an Bord erleb­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Haben Sie noch Fra­gen, Mr. Ellis? ~

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ATLANTIK 9.30 p.m. Habe geruht. Es ist Dun­kel gewor­den, das Meer leuch­tet in einem hel­len Grün und die Luft stinkt nach Öl und nach Gas. Ich weiß nicht, wo ich mich befin­de. Ich habe den Ver­dacht, das ist denk­bar, wir könn­ten in ölver­seuch­te Gegend gera­ten sein. Mrs. Ander­son, June, ich bin trau­rig! Die Wale sind abge­taucht. ~

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joe ellisjoe ellisrufe lon­donrufe lon­dondas ist ein not­rufmaydaymaydaydas ist ein not­ruflndonbit­te kom­menrufe lon­donrufe inter­na­tio­nal meta­mor­pho­sis obser­vermaydaymaydayseatown gesun­kenbefin­de mich auf ret­tungs­in­sel h/758 - auf­trag aus­ge­führthabe gin­ger cal­las gespro­chen. — notie­re mei­nen bericht vom besuch im bauch der seatownbit­te mel­den. ~ Ich wer­de noch etwas scha­fen und war­ten. ~

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11.30 p.m. Groß­ar­ti­ger Aus­blick. Wäh­rend ich schlief, sind die Wale zurück­ge­kehrt. Ich notie­re mit klam­men Hän­den. Ich stel­le fest, ich ver­fü­ge über kei­ne Mit­tel, mich zu wär­men. Es ist denk­bar gewor­den, dass sich mei­ne Sen­de­zeit zu Ende neigt. Ich spü­re, dass ich müde wer­de. Habe Mrs. Ander­son bei­gesetzt. Gott sei ihr gnä­dig. Sie war eine treue Gefähr­tin, Mrs. Cal­las bes­te Wahl. Und doch war alles ver­geb­lich. Auch Mrs. Ander­son konn­te das Schiff nicht ret­ten. Nicht ein­mal sich selbst konn­te sie ret­ten. Allein Joe Ellis konn­te sich ret­ten. Ich weiß nicht, wie Joe Ellis sich ret­tet konn­te, ich erin­ne­re mich nicht. Wir stan­den im Auf­zug an Bord der Seatown, wir fuh­ren abwärts. Und da war das dämm­ri­ge Licht der ers­ten Eta­ge, ein paar Käfer saßen an den Wän­den und die Wale tob­ten, ein dump­fes Schla­gen und das Äch­zen der Wän­de. ~

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0.15 a.m. Ein Raum, groß und rund. Höl­zer­ne Wür­fel und Pup­pen und ein paar Krei­sel lagen acht­los her­um, auch Spiel­zeug­ma­schi­nen. Und da war das Licht künst­li­cher Ster­ne. Und eine Tür. Und ein Bett. Dort am Bett stand Mrs. Cal­las. Sie sprach mit lei­ser Stim­me. Sie sprach mit ihrer Schwes­ter Mika, einem blas­sen Wesen, das sie in den Arm genom­men hat­te und wieg­te, als sei Mika noch ein Kind. Da war kein Licht in den Augen der Schwes­ter, nur etwas Far­be, das Gelb der Zitro­ne, und Haut und Kno­chen. Und da war ein wei­te­res Zim­mer. Das Zim­mer leuch­te­te in einem wun­der­vol­len Blau. Dort war­te­ten zwei jun­ge Frau­en in wei­ßer Tracht, die uns freund­lich begrüß­ten. Ein Bett, ein Mons­trum von einem Bett. Auf dem Bett lagen fünf alte Frau­en. Sie beweg­ten sich nicht, sie sahen zu uns hin. Ich bemerk­te, dass sie lach­ten. Ein schar­fer Geruch hing in der Luft, ich erin­ne­re mich, ein schar­fer Geruch hing in der Luft über dem Bett der alten Frau­en. Und da waren Bal­lo­ne aus Glas mit Urin. Und eine Hand, die wink­te, eine uralte Hand, weiß und fle­ckig. Ich trat näher. Einen Schritt zunächst, dann noch einen Schritt. Die Frau­en waren sehr klein, sehr klein und zart. Sie lagen im Kreis zuein­an­der, und ihre Köpf­chen, Wer­ke der Zeit, waren von Kis­sen gestützt. Sie lagen der­art zurecht, dass sie sich gegen­sei­tig betrach­ten konn­ten. Sie waren nie­mals allein. ~

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Atlan­tik 0.55 am. joe ellis hierjoe ellises ist kalt gewor­den. ich wer­de müde. — ich wer­de selt­sam müdeich mel­de mich wie­derjoe ellis berich­tet von bord der ret­tungs­in­sel h/758 - nacht­licht

 

/   Spu­ren Joe Ellis
wer­den nahe
Uum­man­n­aq
ent­deckt.