sammlung

noe moritz pape berich­tet
zur polar­nacht­zeit aus
uum­man­n­aq

notizen aus uummannaq 1

Moritz Pape erreicht Uum­man­n­aq.
Es ist Dezem­ber, pola­re Nacht, dun­kel.
Unver­züg­lich beginnt er mit sei­ner
Arbeit des Notie­rens und War­tens.

 

15. DEZEMBER — 20:06 UTC / Im Licht mei­ner Stirn­lam­pe dreht sich ein getrock­ne­tes Sträuß­chen Blu­men im leich­ten Zug­wind. Das Sträuß­chen bau­melt an einem kaum sicht­ba­ren Faden kopf­über von der Decke. Da sind Fens­ter, zwei hin zum Fjord, der tief unter mir liegt, eines seit­wärts nach Wes­ten, nach hin­ten hin­aus kein Fens­ter, auch nicht nach Osten. Auf dem Fens­ter­brett rei­hen sich Eis­bä­ren, geschnitz­te Figu­ren, auch der Nach­bau eines Schlit­tens, knö­cher­nes Mate­ri­al und Fäden und Leder, sorg­fäl­tig ver­klebt, fili­gra­ne Arbeit, sowie eine Schnee­ku­gel, dort im Innern das Empi­re Sta­te Buil­ding. Eine Rol­le fes­ten schwar­zen Garns ist da noch, die nicht ange­tas­tet wur­de. Gleich neben der Tür, an zwei Holz­schrau­ben befes­tigt, eine Hose von Eis­bä­ren­fell, dar­un­ter zwei Paar Schu­he von Pelz, dunk­lem Pelz, viel­leicht vom Fell einer Rob­be. Der Die­len­bo­den, von Schrit­ten rau gewor­den, scheint gewärmt zu sein. Ein Regal ver­sam­melt eini­ge weni­ge Bücher, deren Schrift­zei­chen ich nicht ent­zif­fern kann, unter ihnen ein Atlas, sowie ein Heft mit Noten­blät­tern. Das Holz der Wän­de des Zim­mers wur­de unlängst weiß gestri­chen, das muss viel­leicht im zurück­lie­gen­den Som­mer gewe­sen sein, kaum wei­te­re Spu­ren an den Wän­den, aber die Mase­rung des Hol­zes, die sich durch die Far­be drückt. Da ist eine Foto­gra­fie, schwarz­weiß, sie zeigt eine Insel, ver­mut­lich jene Insel, auf der ich mich in die­sem Moment befin­de, eine Insel ohne Schnee und Eis von Meer­was­ser umge­ben, Uum­man­n­aq in einem Som­mer weit vor mei­ner Zeit. Eini­ge nied­ri­ge Holz­häu­ser, ein­ge­zäun­te Gär­ten, eine eben­so höl­zer­ne Kir­che mit Turm, Wäsche an einer Lei­ne vor Gras­land­schaft, vor Fel­sen, auf wel­chen Häu­ser befes­tigt sind, im Hin­ter­grund erhe­ben sich zwei mäch­ti­ge Insel­spit­zen. In der Mit­te des Bil­des, ein Mann und eine Frau, sie ste­hen still, sehen zur Kame­ra hin. Der Mann trägt fei­ne Sonn­tags­klei­dung, die Frau ein knö­chel­lan­ges Kleid, das Kleid scheint sich zu bewe­gen, eine leich­te Unschär­fe ist zu ver­zeich­nen. Die Frau hält einen Strauss hel­ler Blu­men in Hän­den. Zwi­schen Mann und der Frau war­tet ein Kind, das Kind greift fest nach der Hand der Frau. Fäs­ser lie­gen her­um, auch Ton­nen von ros­ti­gem Eisen, teil­wei­se beschä­digt. An einem Zaun lun­gern zwei Jun­gen, hin­ter dem Zaun arbei­tet ein Mann. Auf der Foto­gra­fie ist kein Baum zu sehen, viel­leicht weil auf der Insel nie­mals Bäu­me exis­tier­ten. Aber Gerüs­te von Holz zur Trock­nung von Fischen, karg, sehr karg. Ich über­leg­te, was sie dort wohl tun im Nor­den auf die­ser Insel. Plötz­lich dach­te ich: Sie tun nichts wei­ter, als zu leben.

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Des Wei­te­ren im Zim­mer: Zwei Paar Schnee­schu­he, sie war­ten neben einem Petro­le­um­ofen, der kalt ist. Auf einem Tisch­chen ruhen ein Tran­sis­tor­ra­dio, außer­dem eine klei­ne Funk­sta­ti­on mit Mikro­phon und eini­ge zer­frans­te Hef­te, und Blei­stif­te, die lan­ge Zeit in Hän­den gedreht wor­den sind. In der Abla­ge unter dem Tisch fin­den sich Glä­ser, Tel­ler, Bestecke, ein Schleif­stein. Da ist noch ein Schrank, im Schrank sorg­fäl­tig gesta­pelt Hem­den und Hand­schu­he eines Man­nes, Fäust­lin­ge von kräf­ti­gem Leder, wenn nicht das Radio wäre und das Funk­ge­rät, möch­te ich mei­nen mich in einem Muse­um auf­zu­hal­ten. Das Kind, wel­ches auf der Foto­gra­fie zu sehen ist, wird ver­mut­lich längst gestor­ben sein. Viel­leicht ist es ein­mal in die­ses Zim­mer getre­ten, das ist denk­bar. Das Zim­mer ist mei­ne Zuflucht und Werk­statt für ein oder zwei Mona­te Zeit.

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15. DEZEMBER — 22:12 UTC / Wind, der durch die Fugen des Hau­ses pfeift. Noch nie bin ich so weit im Nor­den gewe­sen. Ich könn­te mich in die­sem Augen­blick, da ich zu notie­ren begin­ne, in der Stadt Uum­man­n­aq befin­den, weni­ge Meter über dem Mee­res­spie­gel in Höhe 80 viel­leicht. Es ist Abend, stock­fins­ter drau­ßen vor den Fens­tern, auch als ich gegen Mit­tag zu aus dem Schlaf erwach­te, war es stock­fins­ter gewe­sen, Polar­nacht­dun­kel­heit, nur ein hel­les ein­sa­mes Leuch­ten in grö­ße­rer Ent­fer­nung drau­ßen auf dem Fjord. Still sitz ich auf einer höl­zer­nen Bank und notie­re im Licht der Stirn­lam­pe von Hand in mein Notiz­buch. Noch immer ist es warm, eine wun­der­ba­re Wär­me, die mich wie ein Man­tel umhüllt, seit wir in der Nacht ein­ge­trof­fen sind in Uum­man­n­aq, ein selt­sa­mes Wort, Uum­man­n­aq, das ich lang­sam buch­sta­bie­rend aus­spre­chen, aber nicht zu mer­ken ver­mag. 14 Stun­den Fahrt nach Hub­schrau­ber­flug zunächst auf einem Hun­de­schlit­ten von Sar­qaq durch die Dun­kel­heit über das ver­eis­te Meer. Eine Spur, ich erin­ne­re mich, war zu erken­nen gewe­sen auf dem Eis, als wären wei­te­re Men­schen vor uns bereits genau auf die­ser Rou­te gefah­ren.

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Ein Mann stand hin­ter mir auf dem Schlit­ten, ich selbst hock­te auf einer Mat­te, mei­ne Bei­ne waren von Fel­len bedeckt. Das Licht unse­rer Kopf­lam­pen, wie her­um­ir­ren­des Radar­licht. Die Hun­de vor uns eil­ten fast laut­los dahin, ein hel­les Rau­schen von den Kufen der Schlit­ten her, har­ter Schnee flog durch die Luft, wel­cher von den Pfo­ten der Tie­re in die Luft gewir­belt wur­de. Es war kei­ne Zeit zu spre­chen wäh­rend der Fahrt Stun­de um Stun­de durch das Schnee­ge­stö­ber. Zwei oder drei Male hiel­ten wir an. Der klei­ne Mann, der den Schlit­ten lenk­te, wag­te sich vor auf das Eis, indes­sen kau­er­ten sei­ne Hun­de auf ihren Hin­ter­bei­nen und schau­ten ihm kon­zen­triert und ohne auch nur ein­mal den Blick von ihm zu neh­men hin­ter­her. Bald war nur noch das Licht auf sei­nem Kopf sicht­bar, ein schein­bar kör­per­lo­ses Licht in der Dun­kel­heit. Nach weni­gen Minu­ten kam der Mann zurück, hock­te sich auf sei­ne Bären­fell­schu­he, ent­blöß­te sei­ne Hän­de, und leg­te sie auf das Eis, als wür­de er nach etwas tas­ten. Er sag­te, kaum Wei­te­res war von ihm bis dahin zu hören gewe­sen, das Eis sei unsi­cher gewor­den, nichts fürch­te er so sehr wie Eis, das nicht zuver­läs­sig tra­ge. Als unse­re Fahrt nach vie­len Stun­den end­lich ende­te, durch­such­te mich der Mann, mei­ne Jacke, mei­ne Hose, mei­ne Schu­he, auch mein Gepäck, und ver­schwand in der Dun­kel­heit. — Seit 15 Stun­den bin ich nun allein. Ich war­te.

 

 

Posi­ti­on Grön­land. Ein Punkt dort wo
sich die dra­ma­ti­sche Geschich­te
zur Polar­nacht­zeit ereig­ne­te.
Noe Moritz Pape berich­tet.

 

 

16. DEZEMBER — 0 :12 UTC / Was sich zu die­sem Zeit­punkt notie­ren lässt, ist fol­gen­des: Ich ver­fü­ge über kei­nen Strom, aber das Zim­mer, in dem ich mich befin­de, ist warm. Das Haus wird ver­mut­lich von einem ein­hei­mi­schen Jäger bewohnt, das ist denk­bar, der Jäger scheint abwe­send zu sein, viel­leicht ist er wäh­rend der Polar­nacht­zeit nie an die­sem Ort. Ich sit­ze auf einem Stuhl und war­te und notie­re. In einer Ecke des Zim­mers, sche­men­haft, der Lauf eines Gewehrs. Nah eines Schran­kes, den ich bereits gründ­lich durch­such­te, füh­ren in Fels gehaue­ne Stu­fen in einen küh­len Raum, dort lagern getrock­ne­tes Fleisch und Fisch, Gas­kar­tu­schen, Ros­ma­rin, Öle und ein Salz­fäss­chen in Rega­len, auch Was­ser in Fla­schen. Eine hal­be Stun­de lang such­te ich ver­geb­lich nach Muni­ti­on für das Gewehr. Ich trat vor das Haus, es war abso­lut still, nicht ein­mal der Wind, der im Haus noch zu hören gewe­sen war, gab Laut. Es war, als ob die Welt an die­sem Ort die Luft anhielt, als ob man beson­de­re Stil­le prob­te. Auch von einem grel­len Licht her, das auf dem Fjord unter mir in gro­ßer Ent­fer­nung flim­mernd leuch­te­te, war nichts zu hören. Ich mein­te dort unten undeut­lich Bewe­gun­gen zu erken­nen. Kaum wag­te ich vor dem Haus ste­hend zu atmen, hat­te ich doch kurz vor mei­ner Abrei­se Anwei­sung erhal­ten, mich abso­lut still zu ver­hal­ten: Kein Laut außer­halb des Hau­ses: Rufen Sie nicht!

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16. DEZEMBER — 4:28 UTC / Vor weni­gen Minu­ten war ein leich­tes Erd­be­ben zu spü­ren, ein Zit­tern, wenig spä­ter, ich war zunächst wie­der ein­ge­schla­fen, eine schlin­gern­de Bewe­gung, als wür­de das Haus lang­sam über die Fel­sen der Insel wan­dern. Ich hat­te zunächst gedacht, mich geirrt zu haben, da sich die selt­sa­me Bewe­gung wei­te­re zwei Male wie­der­hol­te, ver­zeich­ne ich nun: Die Erde unter mei­nen Füßen beb­te. Die Schei­ben der Fens­ter klirr­ten, und das Bett, auf dem ich nach mei­ner Ankunft bereits erschöpft ein­ge­schla­fen war, hat­te sich leicht von der Wand fort­be­wegt. In die­sem Moment, da ich auf dem Boden sit­zend in mein Notiz­buch notie­re, steigt vom Fjord eine rot glü­hen­de Signal­fa­ckel in den Him­mel, schwebt lan­ge Zeit am Him­mel, leuch­tet hin­über zu einem Berg­rü­cken, der bis­her für mich unsicht­bar gewe­sen war, sinkt lang­sam, als wäre sie an einem Fall­schirm befes­tigt, wie­der gegen den Boden zu, ein Licht ohne Laut. Ich stand kurz vor dem Haus. Die Luft flim­mert.

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16. DEZEMBER — 6:28 UTC / Unru­hi­ge Nacht. Zwei Stun­den geschla­fen, dann immer wie­der wach, das Haus knis­tert. Vom Bett aus beob­ach­te­te ich im Halb­schlaf ein klei­nes Tier, das den Raum durch­quer­te, dann wie­der Signal­leuch­ten, das Tier has­te­te unter den Schrank. Kaum war ich am Fens­ter, stieg ein wei­te­rer Licht­ball geräusch­los gegen den Him­mel. Eis­blu­men, die auf den Fens­ter­schei­ben gewach­sen waren wäh­rend ich schlief, bra­chen das Licht, ein wun­der­vol­ler Anblick. Es scheint sehr kalt gewor­den zu sein.

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16. DEZEMBER — 8:45 UTC / Seit einer hal­ben Stun­de ver­fü­ge ich über Strom. Die Lam­pe an der Decke fla­ckert, als sei noch nicht ent­schie­den, ob sie wei­ter leuch­ten wird, auch das Wand­licht nahe der Tür unru­hig. Ich war kurz drau­ßen vor der Tür, schau­te mich um. Kein Licht, kein Mensch zu sehen, kein Hund, nie­mand scheint hier zu sein, aber Sche­men der umlie­gen­den Ber­ge und Häu­ser, der Him­mel über dem Hori­zont leuch­tet in dun­kels­tem Blau, kei­ne Wol­ken, Ster­ne, wun­der­bar, und wie ich so in den Him­mel spä­he, bemerk­te ich, dass mein Augen­licht nach­zu­las­sen scheint, Unschär­fe zu den Rän­dern mei­nes Blick­fel­des hin. Unten auf dem Fjord, das Eis hell erleuch­tet. Es kommt mir so vor, als habe sich das Licht genä­hert, als wäre die Luft kla­rer als ges­tern noch. Schein­wer­fer, wie rie­sen­haf­te Licht­blu­men da und dort. Wie­der mein­te ich Schat­ten von Men­schen zu erken­nen, flim­mern­de Struk­tu­ren, die sich wie unter Glä­sern eines Mikro­skops beweg­ten. Spu­ren von Schlit­ten­ku­fen füh­ren aus dem Licht­ke­gel ins Dun­kel in Rich­tung der klei­nen Stadt auf den Fel­sen. Vor mei­nem Haus stei­gen aus der Dun­kel­heit höl­zer­ne Trep­pen, hin­ter dem Haus stei­gen sie wei­ter. Ein stei­les Gebiet, kaum Schnee auf den Fel­sen, leich­ter Wind, Schnee jedoch auf dem Dach und an einer Sei­te des Hau­ses hoch. Das Holz des Hau­ses, feu­er­rot, das ist denk­bar. Viel­leicht ‑10 °Cel­si­us, schwer zu sagen, es ist kalt.

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16. DEZEMBER — 12:02 UTC / Ich war­te, gehe auf und ab, schaue aus dem Fens­ter. Es ist Mit­tag. Ich prüf­te mei­ne Uhr, ich habe mei­ne Uhr vor der Abrei­se auf Welt­zeit ein­ge­stellt. Ich habe mir außer­dem vor­ge­nom­men, zu schla­fen, wenn Nacht­zeit ist ab 23 Uhr. Auf­ste­hen will ich um 7 Uhr in der Früh, nur nicht mei­nen Rhyth­mus ver­lie­ren. Stock­fisch und Wal zum Früh­stück, gesal­zen, geräu­chert. Es ist nicht mein Haus, dach­te ich, als ich im Hau­se neu­gie­rig zu suchen begann. Ich nahm ein Buch aus dem Regal und ein Blatt Papier vom Tisch. Ich öff­ne­te einen Schrank auf der Suche nach Papie­ren, ich öff­ne­te eine Schub­la­de auf der Suche nach Stift­werk­zeu­gen. Da war auf einem Blatt Papier die Schrift eines Man­nes, zu dem die­ses Zim­mer gehö­ren mag, exakt gezeich­ne­te Wör­ter in latei­ni­schen Buch­sta­ben, unbe­kann­te Wör­ter. Eine Schnee­bril­le aus Kno­chen eines Tie­res gear­bei­tet, wer könn­te sie ange­fer­tigt haben? Getrock­ne­te Blu­men da und dort, die von der Decke bau­meln, Fin­ger­kraut, wil­de Rosen und Blau­bee­ren, auch Haken und Net­ze, Har­pu­nen von uraltem Holz mit knö­cher­nen Spit­zen, eine Samm­lung von Foto­gra­fien in einer Schach­tel, die ich unter mei­nem Schlit­ten­bett ent­deck­te. Es ist nicht dein Haus, dach­te ich, und schau­te doch in die Schach­tel hin­ein, leg­te Foto­gra­fien auf den Tisch, es ist als wür­de plötz­lich Licht vor den Fens­tern auf­ge­hen, so könn­te die Welt um mich her­um beschaf­fen sein, Häu­ser, das Eis, der Schnee, Blu­men, Grä­ser, Schlit­ten, Men­schen, Wale.

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16. DEZEMBER — 17:12 UTC / Abend. Bald zwei Tage sind ver­gan­gen, seit ich hier ange­kom­men bin in Uum­man­n­aq. Ich suche, ich war­te, ich arbei­te. Ich arbei­te gern in der Vor­stel­lung, ein Mensch, der nicht ich bin, wür­de mir zuse­hen, beob­ach­ten was ich tue, ich könn­te eine Erfin­dung sein, eine Vor­stel­lung, wie mei­ne Schreib­ma­schi­ne eine Erfin­dung und mei­ne Rechen­ker­ne, Bild­schir­me, Tas­ta­tu­ren, Sen­so­ren, Mikro­sko­pe und feins­te Licht­fang­ma­schi­nen, auch Mei­ßel und Häm­mer­chen, Löt­kol­ben und Schrau­ben­zie­her, wie jene fei­ne Lupe, die zu leuch­ten ver­mag. Das alles liegt nun bereit auf dem Tisch in der Mit­te des Rau­mes gleich unter der Decken­lam­pe. Ich war nahe­zu blind ohne Elek­tri­zi­tät. Ohne Strom wür­de ich an die­sem Ort voll­kom­men nutz­los sein. Wie ange­nehm mein Com­pu­ter plötz­lich summ­te, wie sein Bild­schirm sich erhell­te, ver­trau­te Pro­zes­se, und doch, es ist selt­sam, kei­ne Ver­bin­dung in die digi­ta­le Sphä­re mög­lich. Mei­ne Schreib­ma­schi­ne vor mir auf dem Tisch, ist in die­sem Moment tat­säch­lich nur eine Schreib­ma­schi­ne mit Gedächt­nis, kein Tele­fon, kei­ne Zei­tung, kein Fern­sicht­ge­rät, eine Schreib­ma­schi­ne, die geräusch­los ohne Pau­se nach wei­te­ren Schreib­ma­schi­nen sucht. Bis­her kein Kon­takt.

 


Rei­se­weg in der Nacht
zum 15. Dezem­ber 2018
auf einem Schlit­ten
von Heli­port Saq­qaq
über das Eis nach
Uum­man­n­aq

 

16. DEZEMBER — 18:58 UTC / Auf einem Schlit­ten auf dem Eis eines Fjor­des hocken. Angel­ru­te, Stühl­chen, Tee und eine Schnur, die im Licht der Son­ne glit­zert. Die Schnur senkt sich in das Eis­loch zu mei­nen Füßen. Ich habe das Loch von eige­ner Hand in das Eis getrie­ben habe, Meer­was­ser ist sicht­bar, dunk­les Was­ser, Eis­schin­deln dar­auf, die sich dre­hen. Ich habe nicht die gerings­te Ahnung, wie es wäre, in die­ser Wei­se Fisch zu fan­gen. — Ich sit­ze vor dem Fens­ter und sehe hin­un­ter auf den Fjord, noch immer etwas Licht über dem Hori­zont, ein dun­kel­blau­es Schim­mern. Auf dem Eis wei­ter­hin ein Nest von Licht, Bewe­gung dort, die vor mei­nen Augen ver­schwimmt, je län­ger ich sie fest­zu­hal­ten suche. Dann ste­he ich still im Glüh­bir­nen­licht unter einem Schirm von rot­weiß karier­tem Stoff. Ich habe noch immer kei­ne eigent­li­che Vor­stel­lung von der Per­son, die die­ses Haus bewoh­nen mag. Ein Mann ver­mut­lich, ein Mann ohne Frau.

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16. DEZEMBER — 22:01 UTC / Schnee fällt. Die Luft ist hell von Flo­cken. Kein Blick mög­lich hin­un­ter zum Fjord, kein Licht von dort. Der Schnee, weich und warm. Ich erin­ne­re mich, an Geräu­sche, die der Schnee macht. Der Schnee knurrt, knus­tert, gur­pt, lur­pt, gurrt, gnurzt, murrt, drumbt unter den Schu­hen, wenn Nacht ist. Der Schnee girrt, lirpt, knirrt, knirzt, knit­tert, knat­tert, knis­tert unter den Schu­hen, wenn Tag ist. Es war heut tat­säch­lich Dun­kel von mor­gens bis abends so wie vor­her­ge­sagt dun­kel, eine Dun­kel­heit mit etwas Licht, einem Saum von Licht und einem Farb­leuch­ten, das über das Eis wan­der­te. Aber jetzt ist es tat­säch­lich voll­stän­dig dun­kel da drau­ßen, die Welt könn­te unbe­wohnt sein. Ich wer­de bald schla­fen, in mei­nem Zim­mer ein Geruch streng von auf­tau­en­dem Fisch. Ich habe im Kel­ler Kon­ser­ven ent­deckt, Leber, auch Mar­me­la­de, kaum Brot. Nach wie vor kei­ne Ver­bin­dung zu wei­te­ren Schreib­ma­schi­nen, das Funk­ge­rät still, aber es leuch­tet ein grü­nes Licht, zwei­fach war ein Piep­sen zu ver­neh­men, je ein Ton. Ich saß sofort vor dem Mikro­fon und über­leg­te, ob ich etwas äußern soll­te: Hier spricht Noe Moritz Pape. Ich befin­de mich, das ist denk­bar, in Uum­man­n­aq. Ich war­te, ich notie­re, Schnee fällt. Die Luft ist hell von Flo­cken. Kein Blick mög­lich hin­un­ter zum Fjord.

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17. DEZEMBER — 2:55 UTC / Plötz­lich wach gewor­den. Stim­men in der Stil­le. Die Stim­men spra­chen die eng­li­sche Spra­che, undeut­lich, Wel­len­funk. Wie durch ein Blatt Papier gespro­chen aus gro­ßer Ent­fer­nung. Ich hör­te Anwei­sun­gen und Namen: Ohl­son, Ken­tao, Geral­di­ne. Auch Codes: Hil­la­rys­tep, Medu­sen­au­ge, Jennifer.five, Feder­li­bel­le, Ish­mael­knopf. Ich lag eine Wei­le wach, erin­ner­te mich an die Stim­men der Astro­nau­ten, wie sie erzäh­lend den Mond umrun­de­ten. Konn­te nicht wie­der schla­fen. Nun sit­ze ich am Tisch und koche Tee. Selbst über das Kochen kann man hier notie­ren, nichts scheint selbst­ver­ständ­lich. Ich wür­de ger­ne tele­fo­nie­ren. Ich schrei­be von Hand, es ist gut, dass ich von Hand schrei­be. In einem Moment ohne Strom, habe ich ange­fan­gen, von Hand auf Papier zu notie­ren, und ich wer­de wei­ter mit der Hand notie­ren, falls, das ist vor­stell­bar, der Strom wie­der aus­fal­len wird. Das Gefühl, ein Kind zu sein, wie ein Kind zu schrei­ben, unge­lenk, ohne jede Übung über vie­le Jah­re hin. — Noch kei­ne Anwei­sung, mei­ne Arbeit auf­zu­neh­men, kein Funk­spruch, kein Bote. Küh­ler Fisch auf der Zun­ge, fein, nahe­zu durch­sich­tig wie von Eis, wie von Schnee, zunächst kaum eine Wahr­neh­mung, dann aber, auf­flam­mend, groß­ar­ti­ger Geschmack, Gewür­ze: Wachol­der­bee­ren, Salz, Pfef­fer und Wind, und Son­ne.

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17. DEZEMBER — 10:22 UTC / Drit­ter Tag Nord. Prä­zi­se Lage mei­ner Posi­ti­on nach wie vor nicht bekannt. Nie­mand ist bis­her gekom­men, um Kon­takt auf­zu­neh­men. Ich soll­te das Licht aus­schal­ten, soll­te nach Licht vor den Fens­tern suchen, viel­leicht ist das ein oder ande­re Haus mei­ner Umge­bung doch bemannt, das ist denk­bar, und je län­ger ich in die Dun­kel­heit spä­he, des­to inten­si­ver der Ein­druck selbst beob­ach­tet zu wer­den. Stern­schim­mern heu­te. Sobald ich das Eis von den Fens­tern krat­ze, wird das Licht­nest auf dem Fjord sehr deut­lich sicht­bar. Dann wie­der star­ker Schnee­fall wie ein Tuch, das noch das letz­te Licht ver­hüllt. — Wovon ich noch nicht notier­te: Ich bin glück­lich, in der ver­gan­ge­nen Nacht schlaf­los, habe ich auf der Suche nach Neu­ig­kei­ten im Zim­mer, ein Fern­rohr ent­deckt in einem der Schrän­ke hin­ter Jacken, die nach Öl rochen und Staub. Ich habe geahnt, dass im Haus ein Fern­rohr oder ein emp­find­li­ches Objek­tiv zu fin­den sein könn­ten. Unter Foto­gra­fien, die ich ent­deck­te, waren Auf­nah­men aus gro­ßer Ent­fer­nung. Der Mann, der die­ses Haus zu bewoh­nen scheint, beob­ach­tet das Meer und die Ber­ge und den Him­mel, auch Men­schen, die auf dem Fjord mit Kanu­schif­fen fah­ren oder Wan­de­rer. Da waren Auf­nah­men von Schif­fen, die vor der Insel vor Anker lagen, Auf­nah­men von Men­schen an der Reling, wie sie in die Son­ne schau­en oder auf das Was­ser zei­gen. Lei­der nur ein Fern­rohr, kein Foto­ap­pa­rat, aber ein Sta­tiv. Ich war in dem Moment, da ich das Fern­rohr ent­deck­te, glück­lich. Nach wie vor dich­tes Schnee­trei­ben.  Habe das Fern­rohr auf den Fjord hin aus­ge­rich­tet. Leich­ter Nebel. Auch ein schwa­ches Leuch­ten vom Eis her, das ich zunächst bereits wäh­rend der lan­gen Anfahrt über das Eis bemerk­te. Ich erin­ne­re mich an mei­ne Müdig­keit, und ich dach­te die­se Müdig­keit spiel­te mir Bil­der vor, die nicht exis­tier­ten, pul­sie­ren­des Licht, grün und gelb und oran­ge, zar­te Far­ben, als wür­de das Polar­licht vom Eis zurück­ge­ge­ben, als wür­de das Eis über ein Gedächt­nis ver­fü­gen.

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Sobald ich still sit­ze, pum­pen­de Geräu­sche in mei­nen Ohren. Und das Knis­tern des Eises auf dem Dach unter dem Schnee. Das Haus scheint zu spre­chen, knarzt, auch der Wind scheint zu spre­chen. Sobald ich vor die Türe tre­te, ver­mag ich das Eis zu hören von unten vom Fjord her, ein dunk­les fla­ckern­des Geräusch zu die­sem Zeit­punkt. Es ist denk­bar, dass ich Geräu­sche ver­neh­me, die, wie die Wahr­neh­mung der Far­ben des Eises, nur in mei­ner Vor­stel­lung exis­tie­ren. Dann wie­der Stim­men aus dem Funk, manch­mal nur ein Satz, nicht jeder Satz ver­ständ­lich. Die Stim­men wir­ken besorgt, kur­ze Kom­man­dos, pro­fes­sio­nel­le Per­so­nen, das ist vor­stell­bar, Ana­to­men, Foren­si­ker, Kri­mi­na­lis­ten, Polar­for­scher, alle dort unten in die­ser Licht­nuss gebor­gen seit fünf oder sechs Tagen rund um die Uhr. Das Eis, hör­te ich, soll an Stär­ke wie­der zuge­nom­men haben, kaum Ris­se. Ich war­te.

 

/  Noe Moritz Pape berich­tet
aus Uum­man­n­aq.
Teil 2
>

notizen aus uummannaq 2

Noe Moritz Pape erlebt Polar­nacht­dun­kel­heit
in Uum­man­n­aq. Er träumt von Eis­bä­ren
und beginnt mit der Unter­su­chung der
Auf­zeich­nun­gen des Rei­se­jour­na­lis­ten
Joe Ellis.

 

17. DEZEMBER — 16:33 UTC / Kurz war ich ein­ge­schla­fen, träum­te Eis­bä­ren, die mir Sor­gen berei­ten, nicht die Käl­te, nicht die Dun­kel­heit, nicht das War­ten, aber Eis­bä­ren, ich wäre wehr­los, ich wür­de ver­schwin­den. Ich wach­te auf. Eine Stil­le in die­sem Augen­blick wie ich sie nie zuvor hör­te. Ich trat vor die Tür. Es war kalt gewor­den. Der Him­mel ist jetzt wol­ken­los. Mond steht über einem Berg­rü­cken jen­seits des ver­eis­ten Fjor­des. Die Luft klar. Der Licht­kern auf dem Eis sehr deut­lich zu erken­nen. Wie eine Wal­nuss in der Fer­ne, scharf begrenzt, als wür­de das Licht in der Käl­te eine prä­zi­se vor­be­stimm­te Stre­cke weit durch den Äther flie­gen, um jäh zu enden. Kaum Funk.

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17. DEZEMBER — 17.16 UTC / Der Wind zeich­net in den Schnee, Fur­chen und Kan­ten, da und dort das Gestein der Insel, frei und grau, und Flech­ten, die trotz Käl­te zu leben schei­nen. Das Holz der Trep­pen, die vom Haus in die Dun­kel­heit füh­ren, scheint frisch zu sein, stei­le Trep­pen, soli­de mit dem Boden ver­bun­den, ich wür­de mich die­sen Trep­pen, wenn ich mich frei bewe­gen könn­te, anver­trau­en. Es ist noch immer kalt, es ist, neh­me ich an, so kalt, wie ich es noch nie erleb­te, die Luft ganz klar. Seit bald einer Stun­de beob­ach­te ich das Licht auf dem Fjord durch das Fern­rohr, groß­ar­ti­ge Aus­sicht. Zwei Dut­zend Kup­pel­zel­te. Ich ver­mag Men­schen zu erken­nen, wie sie sich vor­sich­tig über das Eis bewe­gen. Kei­ne Hun­de. Zel­te und Men­schen in der Nähe eines rie­si­gen Kör­pers. Ein Wal­fisch ruht dort unten, ein Wesen von enor­men Aus­ma­ßen, nicht groß wie ein Haus, bedeu­tend grö­ßer als ein Haus, groß wie ein Schiff, wie ein sehr gro­ßes Schiff. Die Schwanz­flos­se des Wals ruht flach auf dem Eis, Men­schen bewe­gen sich dort über die Flos­se des Wals hin als wür­den sie einen Strand spa­zie­ren. Sie tra­gen hel­le Mon­tu­ren und rote Arm­bin­den und Kopf­hö­rer, viel­leicht weil sie über Funk zuein­an­der spre­chen, das ist denk­bar. Die Zel­te schei­nen auf höl­zer­nem Grund errich­tet, auf Schif­fen oder Flö­ßen. Auch spa­zie­ren Men­schen auf dem Rücken des Wals, ande­re sei­len sich über den glit­zern­den Kör­per abwärts. Eine Lei­ter lehnt vom Eis her senk­recht an dem Kör­per, der gefro­ren zu sein scheint. Auf hal­ber Höhe arbei­ten Men­schen, ich habe den Ver­dacht, dass sie einen Zugang suchen in den Kör­per des Wals. Dort steigt Rauch auf oder Dampf, ein Mann rührt in der Nähe des Wal­mun­des in einem Kes­sel, etwas ent­fernt lie­gen zwei Per­so­nen auf dem Eis, sie schei­nen zu schla­fen oder zu lau­schen.

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17. DEZEMBER — 18.22 UTC / Abend. Noch immer war­te ich. Erin­ner­te ein Buch. Das Buch erzählt von unsicht­ba­ren Städ­ten, auch von der Stadt Bau­ci, die hoch über einer Wald­land­schaft auf Stel­zen wie auf Fla­min­gob­ei­nen ruht. Die Bewoh­ner der Stadt beob­ach­te­ten die Welt weit unter ihnen mit gro­ßem Inter­es­se, jedes kleins­te Detail, lie­be­voll, Amei­sen, Blät­ter, ins­be­son­de­re auch ihre per­sön­li­che Abwe­sen­heit. Ich dach­te, ich selbst könn­te mich in die­sem Augen­blick in einer pola­ren Stadt Bau­ci in der Dun­kel­heit befin­den. Wie ich die Welt dort unten auf dem Was­ser auf dem Eis mit Neu­gier von der Anhö­he aus betrach­te, in dem ste­ti­gen Ver­dacht, dass ich selbst unter Beob­ach­tung ste­he. Auch immer wie­der der Ein­druck, in einem der nahen oder fer­nen Häu­ser könn­ten sich eine oder meh­re­re Per­so­nen befin­den, das ist denk­bar.

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17. DEZEMBER — 22.01 UTC / Etwas Außer­or­dent­li­ches ist gesche­hen. Vor weni­gen Minu­ten wur­de ich besucht. Ein Mann, der im Fens­ter plötz­lich sicht­bar wur­de, wird viel­leicht noch immer in mei­ner Nähe sein. Beob­ach­tet, wie ich in die­sem Augen­blick sein plötz­li­ches Erschei­nen ver­zeich­ne, denkt, dass ich nur des­halb schrei­be, um so zu tun, als wür­de ich ihn nicht ent­deckt haben. Wie ich mei­nen Kopf von den Papie­ren hob, füll­te sei­ne Gestalt das Fens­ter voll­stän­dig aus, eine kräf­ti­ge Gestalt, Fell­müt­ze tief ins Gesicht gezo­gen, Nase und Mund von einem eisi­gen Tuch bedeckt, Eis schim­mer­te gleich­wohl an sei­nen Wan­gen, Wim­pern, Brau­en, im dich­ten Gewächs über hel­len Augen, die mich auf­merk­sam beob­ach­te­ten. Ich erschrak. Kaum hat­te ich eine Hand zum Gruß geho­ben, war der Mann ver­schwun­den. Ich öff­ne­te die Tür, folg­te sei­nen Fuß­spu­ren weni­ge Meter weit bis zu Schnee­we­hen jen­seits einer höl­zer­nen Trep­pe hin, die auf­wärts führ­te. Da waren sei­ne Spu­ren deut­lich zu erken­nen, wei­te Schrit­te, als wür­de er flie­hen. In der Dun­kel­heit kei­ne Bewe­gung, kein Laut, nur der Wind, der seit Stun­den vom Fjord her kom­mend auf­wärts strömt. Ich wer­de ein wenig schla­fen.

 

Rou­te der Wal­grup­pe im Win­ter
von Süden nach Nor­den so wie sie
aus Sonar­or­tun­gen vor­sich­tig
abge­lei­tet wer­den
kann.

 

17. DEZEMBER — 6.15 UTC / Gegen drei Uhr klopf­te ein wei­te­rer Mann an die Tür mei­nes Hau­ses, ein Mann, in Fel­le gehüllt und kreuz­wei­se von Leder­rie­men besetzt. Der Mann füll­te das Zim­mer mit Käl­te. Er trug einen Alu­mi­ni­um­kof­fer vor sich her, stell­te ihn auf den Boden neben Tisch, reich­te mir eine Hand, die in roten Leder­hand­schu­hen steck­te. Er lach­te mich freund­lich an, das war ein unver­gess­li­cher Anblick, sein gebräun­tes, unra­sier­tes Gesicht, blitz­blaue Augen, Schnee und Eis auf Wagen und Haar. Kurz dar­auf war er wie­der ver­schwun­den. — Es ist noch früh am Mor­gen, den­noch habe ich mei­ne Arbeit unver­züg­lich auf­ge­nom­men. Seit drei Stun­den sit­ze ich vor mei­nem Zim­mer­tisch, der zu einer Werk­bank gewor­den ist. Im trü­ben Licht eines Eis­blocks, zeich­net sich sche­men­haft eine robus­te Appa­ra­tur ab, über deren Sinn und Zweck zu die­sem Zeit­punkt noch kei­ne prä­zi­se Aus­kunft mög­lich ist. Es han­delt sich ver­mut­lich um eine Maschi­ne zur Auf­zeich­nung und Ver­wirk­li­chung von Kom­mu­ni­ka­ti­on. Des Wei­te­ren sind im Eis zwei mensch­li­che Hän­de zu erken­nen, sie hal­ten sich an der Appa­ra­tur fest. Bei­de Hän­de fin­den ein jähes Ende an der Ober­flä­che des Eis­wür­fels, je ein sau­be­rer Schnitt, ver­mut­lich ver­wirk­licht mit­tels einer fei­nen Säge oder einem Laser­werk­zeug. Kein Blut ist zu sehen, aber Seh­nen, Mus­keln, Kno­chen und eben kräf­ti­ge Hän­de, die die Appa­ra­tur umschlie­ßen. Im ers­ten Moment ein Gefühl leich­ter Panik, dann wie­der Ruhe. Ich hal­te fest: Das Eis, das ich zu unter­su­chen habe, ist von selt­sa­mer Far­be, oran­ge und rot und braun, ein stren­ger Geruch steigt von ihm auf, noch nie habe ich einen Geruch, noch nie einen Gestank wie die­sen ver­nom­men. Es soll­te jetzt alles sehr schnell gehen. Fol­gen­des wer­de ich unter­neh­men: Skiz­ze fer­ti­gen, Gewicht des Eis­wür­fels bestim­men, Pro­ben ent­neh­men mit­tels Pipet­te, dann zügig in das Eis vor­sto­ßen, Hand­prä­pa­ra­te ber­gen, so wie das Gerät, dem sie zu die­sem Zeit­punkt noch immer fest ver­bun­den sind.

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18. DEZEMBER — 10.02 UTC / Ich arbei­te­te ent­spannt, leich­te Anflü­gen von Übel­keit. Habe drei Arte­fak­te aus dem Eis gebor­gen. Wenn ich eini­ge Schrit­te vom Tisch zurück­tre­te, bie­tet sich ein merk­wür­di­ger Anblick. Ein moder­nes Ton­auf­nah­me­ge­rät, gesäu­bert und getrock­net liegt auf dem Tisch, das Eis ist voll­stän­dig getaut. Auf einem Tuch ruhen zwei Hän­de, die Hän­de eines Man­nes, der hart gear­bei­tet haben muss. Schwie­len da und dort, Ver­let­zun­gen, die zum Zeit­punkt sei­nes Todes noch nicht geheilt gewe­sen waren, außer­dem zahl­rei­che Nar­ben frü­he­rer Wun­den. Die­se ver­letz­ten Hän­de waren dem Ton­auf­nah­me­ge­rät in gro­ßer Kraft­an­stren­gung, viel­leicht gar mit letz­ter Kraft, ver­bun­den. Ich neh­me an, sie woll­ten das Gerät um jeden Preis für sich behal­ten, sie woll­ten das Gerät nicht ver­lie­ren, das Gerät ver­mut­lich sichern für eine Per­son, wie ich eine Per­son bin, die das Gerät frü­her oder spä­ter ent­de­cken wür­de. Ich habe bei­de Hän­de unter Anwen­dung von Gewalt von dem Ton­band­ge­rät ent­fernt. Sie sind noch immer starr, wir­ken ein­sam, wie sie dort auf dem Tisch Sei­te an Sei­te lie­gen. Ich wer­de sie in ein Tuch wickeln, wer­de sie in den küh­len Kel­ler legen, ja, das wer­de ich tun, wei­te­res kann ich nicht unter­neh­men. Es ist jetzt kurz vor 11 Uhr.

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18. DEZEMBER — 12.18 UTC / Wenn ich nicht wüss­te, dass es genau­so ist, weil es vor­sich­tig ange­kün­digt wor­den war, wür­de ich nie­mals ver­mu­tet haben, dass jene Auf­zeich­nungs­ma­schi­ne, die vor mir auf dem Tisch ruht, dem Magen eines Wales ent­nom­men wor­den sein könn­te. Es sol­len im Tier wei­te­re Gegen­stän­de ent­deckt wor­den sein: Zwei Kof­fer, eine Plat­ten­ka­me­ra und eine Sauer­stoff­fla­sche, außer­dem metal­le­ne Tei­le einer Ret­tungs­in­sel, Kunst­stoff­ge­gen­stän­de unbe­stimm­ba­ren Ursprungs. Ich bin zufrie­den. Es ist warm und hell. Ich weiß, was zu tun ist. Es riecht noch immer erbärm­lich, ein schar­fer Geruch, auch süß­lich. Ich wer­de das gebor­ge­ne Gerät nun öff­nen. Das Gerät ist ohne Span­nung.

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18. DEZEMBER — 16.03 UTC /  Noch immer leich­te Übel­keit, ich bin durs­tig. Ich stel­le fest: Das Magnet­band der Auf­zeich­nungs­ma­schi­ne scheint intakt. Ich habe die Maschi­ne mit Strom ver­sorgt. Ihr Dis­play leuch­tet. Ich ver­mag ihren Vor­lauf in Gang zu set­zen und ihren Rück­lauf, ein soli­des Gerät, auch Sen­der und Emp­fän­ger schei­nen intakt zu sein, Kom­pass und Tem­pe­ra­tur­an­zei­ge, kei­ne Feuch­tig­keit im Gehäu­se, kein Staub. Die Hand­kur­bel, die der Not­strom­ver­sor­gung des Gerä­tes dien­te, fehlt. Ich wer­de in Kür­ze eine digi­ta­le Tran­skrip­ti­on jener Auf­nah­men vor­neh­men, die auf dem Gerät mög­li­cher­wei­se zu fin­den sein wer­den.

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Wel­len. Wel­len, die gegen einen Boots­kör­per schla­gen, hör­te Wind, hör­te das Atmen einer Per­son, hör­te kur­beln­de Geräu­sche. Dann eine Stim­me, eine ruhi­ge Stim­me, die Stim­me eines Man­nes. Ich notier­te, spul­te zurück, setz­te von neu­em an, notier­te Wort für Wort, Zei­chen für Zei­chen in das Note­book: > Seit es hell gewor­den ist, hal­te ich Aus­schau nach Über­le­ben­den. Leich­ter Wind von Nord­west. Kein Kopf. Kei­ne Bewe­gung. Kein Schiff. Kein Flug­zeug. Nachts geschla­fen. Kurz, wie aus­ge­schal­tet. Dann geru­fen, eine Stun­de oder zwei geru­fen. Kei­ne Ant­wort. Habe eine Signal­fa­ckel gezün­det. Kein Ton. Kein Zei­chen. Kein Gegen­feu­er. Aber die Wale sind zurück­ge­kehrt. Da waren noch Trüm­mer auf dem dunk­len Was­ser, lee­re Wes­ten, etwas Holz, Matrat­zen, Kis­sen, Öl. Dann Ander­son, June, 32, Mrs. Cal­las rech­te Hand, Kopf unter. Zwei Matro­sen, glei­che Hal­tung. Von Zeit zu Zeit Fla­schen, Tor­pe­dos: Bour­bon, Absinth, Man­del­bar­be­ro, wie Vögel aus der Tie­fe. Habe Ander­son, June, hin­ter Ein­stiegs­lu­ke 2 fest­ge­macht, habe vor Ein­stiegs­lu­ke 1 Posi­ti­on bezo­gen. Ich beob­ach­te den Hori­zont, den Him­mel, das Was­ser. 13 Stun­den seit Unter­gang der MS Seatown. ~

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Stun­de um Stun­de, klar und deut­lich, die Stim­me eines Man­nes, dann wie­der das Tosen des Mee­res. Der Mann berich­tet von sei­ner Rei­se auf einer Ret­tungs­in­sel, ein guter Erzäh­ler, ich höre ihn ger­ne, er spricht in eng­li­scher Spra­che, ich hof­fe, jedes sei­ner Wor­te kor­rekt iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen. Bald Nacht­zeit. Immer wie­der unter­bre­che ich mei­ne Arbeit und lau­sche, tre­te ans Fens­ter, schaue hin­un­ter zum Eis auf dem Fjord. Der Ein­druck, mich in einem Nacht­haus zu befin­den, einem Haus, das Nacht erzeugt. Jede Stun­de eine Abend- oder Nacht­stun­de, das ist selt­sam, bald Weih­nach­ten, bald Weih­nach­ten hier oben im Nor­den. Nach wie vor kei­ne Ver­bin­dung zu wei­te­ren Schreib­ma­schi­nen. Ich habe den Ver­dacht, abge­schirmt wor­den zu sein. Vor einer Stun­de beob­ach­te­te ich eine Grup­pe von Eis­bä­ren, die sich der Ber­gungs­stel­le näher­ten. Kein Schuss war zu hören, Män­ner lie­fen auf die Eis­bä­ren zu, wink­ten mit Signal­fa­ckeln. Einer der Män­ner wur­de von einem Eis­bä­ren umge­ris­sen und in die Dun­kel­heit gezerrt, Per­so­nen sehr auf­ge­regt, rann­ten hin und her.

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19. DEZEMBER — 10.22 UTC / Kaum wach, etwas Dorsch gebra­ten zum Früh­stück, Heil­butt und Wal­fleisch. Mein Magen scheint sich beru­higt zu haben. Ich füh­le mich gut. Ich schaue auf Flo­cken, die sich im Licht vor dem Fens­ter tan­zend bewe­gen. Lau­sche Joe Ellis, wie­der­ho­le tran­skri­bier­te Abtei­le sei­nes Tex­tes, prü­fe und fah­re lang­sam fort in klei­nen Etap­pen. Sei­ne Stim­me merk­wür­dig lei­se. Es ist, als ob Joe Ellis bemüht gewe­sen war, nie­man­den zu wecken, der sich in sei­ner Nähe auf­ge­hal­ten haben könn­te. Ver­zwei­fel­te Ver­su­che, Panik zu ver­mei­den. Berüh­ren­de Auf­zeich­nun­gen. Zwei Jah­re sind ver­gan­gen, seit die­se Schreib­ma­schi­ne, die vor mir auf dem Tisch liegt, auf­hör­te zu sen­den, das ist denk­bar. Fünf Tage von Auf­zeich­nung, dann Stil­le, eine Stil­le wie nichts. Es ist wahr­schein­lich, dass Joe Ellis sei­ne Hand­kur­bel ver­lor. Unhör­bar all das Wei­te­re. Das Gespräch viel­leicht mit den Walen, Bit­ten, Flü­che, Hoff­nung, doch noch bemerkt zu wer­den. Sei­ne Sor­ge, Schif­fe, die sich in einem Ret­tungs­ver­such näher­ten, könn­ten sin­ken, sein unbe­ding­ter Wunsch, das vor mir lie­gen­de Auf­nah­me­ge­rät wür­de recht­zei­tig gebor­gen. Immer wie­der spu­le ich vor und zurück, suche Wör­ter und Sät­ze: > ATLANTIK 2.33 pm. Eine dün­ne Haut von Was­ser ist über den Him­mel auf­ge­zo­gen, das Meer in ein mil­des, in ein gel­bes Licht getaucht. Ich habe den Ein­druck, auch die Wale bewun­dern die­sen Him­mel, die­ses selt­sa­me Licht. Sie haben ange­hal­ten, sie lie­gen seit­wärts im Was­ser und schau­en nach oben. Da ist wie­der der Gedan­ke, alles um mich und auch ich selbst könn­te nur eine Erfin­dung sein.

 

/ Noti­zen aus
Uum­man­n­aq.
Teil 3
>

notizen aus uummannaq 3

Vor­sich­tig son­diert Noe Moritz Pape
sei­ne nächs­te Umge­bung. Er fer­tigt
Zeich­nun­gen eines Wal­kör­pers, so wie
er Jennifer.five mit eige­nen Augen
wahr­ge­nom­men haben will.

 

19. DEZEMBER10.22 UTC / Frü­her Vor­mit­tag. Seit weni­gen Minu­ten schwebt eine Droh­ne vor mei­nem Fens­ter, blickt in mein hel­les Zim­mer, Satel­lit, das ist denk­bar, einer künst­li­chen Son­ne, die noch immer bestän­dig das Fjor­deis beleuch­tet. Ich wer­de beob­ach­tet, wie ich hier sit­ze und in ein Notiz­buch schrei­be.

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19. DEZEMBER15.28 UTC / Erneut wan­dern Bären über das Eis, nähern sich nun ring­för­mig der Ber­gungs­stel­le, von weit­her schei­nen sie zu kom­men, wie ver­ab­re­det, als könn­ten sie mit­ein­an­der tele­fo­nie­ren. Sie sind der­art zahl­reich gewor­den, dass sie das Lager der For­scher sofort ein­neh­men könn­ten. Immer wie­der wei­chen sie zurück, sprin­gen vom Eis hoch in die Luft, schei­nen ver­un­si­chert zu sein, ver­schwin­den für eine Wei­le in der Dun­kel­heit, um dann wie­der her­an­zu­kom­men. Ihre leuch­ten­den Augen, wenn ich das Fern­rohr in die Dun­kel­heit rich­te, sehr selt­sam. Der locken­de Duft des ver­en­de­ten Wals auf dem Eis, das ist denk­bar, und Men­schen, lang­sa­me Wesen, da und dort Kämp­fe, sie grei­fen ein­an­der an, auch jun­ge Eis­bä­ren sind gekom­men im Schat­ten ihrer Müt­ter.

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19. DEZEMBER — 18.08 UTC / Lösch­te das Licht, um in die Dun­kel­heit zu spä­hen. Ein wei­te­res Nest nun von Dun­kel­heit, wie in allen Häu­sern an den Berg­hän­gen, Nes­ter von Dun­kel­heit, ver­las­sen oder nicht. — Zum ers­ten Mal, seit ich den­ken kann, habe ich den Ein­druck, das Schrei­ben von Hand sei siche­rer als das Schrei­ben mit einer elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne, nie­mand wird aus der Fer­ne in der Lage sein zu lesen, was ich von Hand notie­re. Ich bin geschmei­dig gewor­den in der Arbeit hand­schrift­li­chen Notie­rens. Ich  beob­ach­te mei­ne schrei­ben­den Hän­de. Mei­ne Rei­se in den Nor­den lehrt mich das Schrei­ben von Hand, und wie sich das Den­ken ver­än­dert, wenn ich mit  Hän­den schrei­be mit einem Blei­stift und nicht auf einer Tas­ta­tur. Sobald ich sage: Mei­ne schrei­ben­den Hän­de, spre­che ich von Hän­den, die ich lan­ge Zeit nicht wahr­ge­nom­men habe. Von Dun­kel­heit umge­ben ver­mag ich sehr gut zu den­ken. Es ist sehr selt­sam in die­sem Zim­mer zu sit­zen in der Nähe der Hän­de eines Man­nes, des­sen Stim­me ich höre, des­sen gespro­che­ne Wör­ter, die ich in Schrift über­tra­ge, so sorg­fäl­tig es mir mög­lich ist. Ich wer­de Joe Ellis Hän­de mit mir neh­men, ich wer­de sie bestat­ten.

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19. DEZEMBER — 22.17 UTC / Habe einen Spa­zier­gang unter­nom­men, dann einen wei­te­ren Spa­zier­gang, Exkur­sio­nen in mei­ne nächs­te Nähe. Ich stieg weni­ge Meter auf­wärts. Eini­ge Stu­fen waren morsch. Der Schnee fein wie Sand, ein leich­ter Wind ging, der den Schnee beweg­te, Wir­bel bil­de­te und klei­ne­re Lawi­nen lös­te. Hel­les Stein­werk da und dort, feu­er­rot, auch blau von Flech­ten, die sich in der eisi­gen Wind­käl­te wohl zu füh­len schei­nen. Links und rechts der Stei­ge, lager­ten Stahl­fäs­ser und Plan­ken von Schif­fen. Da war ein Röh­ren­fern­seh­ge­rät, Bild­schirm zer­bro­chen, ein Fahr­rad und ein Kin­der­wa­gen. Ich bemerk­te, dass ich mei­ne Ori­en­tie­rung ver­lie­ren könn­te und kehr­te zurück. Ich stieg abwärts, es war ein lan­ger Abstieg, kein wei­te­res Haus als ein Haus, das ich bereits im Licht der Signal­fa­ckeln wahr­ge­nom­men hat­te. Eine sehr stei­le Trep­pe, ich stieg wei­ter und erreich­te die Flä­che des Fjor­dei­ses, tie­fer Schnee dort, Wehen, die sich meter­hoch türm­ten. Der Wind hat­te mei­ne eige­nen Spu­ren längst von den Holz­boh­len gefegt. Ich könn­te an die­sem Ort spur­los ver­schwin­den, das ist denk­bar, ein tief­ge­fro­re­ner Zeu­ge wer­den.

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20. DEZEMBER — 6.55 UTC / Bewe­gung an die­sem Mor­gen drau­ßen vor dem Fens­ter auf dem Fens­ter­brett. Ich beob­ach­te­te Eis­kä­fer, blau und grün und schnee­weiß, tat­säch­lich schein­bar voll­kom­men von Eis, beweg­ten sich die Käfer flink, wun­der­ba­re Erfin­dun­gen in der Gestalt mit­tel­eu­ro­päi­scher Pil­len­dre­her. Die Käfer dreh­ten kugel­för­mi­ge Gebil­de von feins­ten Grä­sern und Stäu­ben, Kunst­stoff­fa­sern, die der Wind her­an­schlepp­te, Petro­le­um, Asche, Kno­chen, all das für einen Käfer im Schnee auf­find­ba­re Mate­ri­al, das nicht von gefro­re­nem Was­ser ist. Ich habe noch wei­te­re selt­sa­me Din­ge geträumt.

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20. DEZEMBER — 9.33 UTC / Wie­der ohne Strom. Fal­len­de Tem­pe­ra­tur im Zim­mer, sehr plötz­lich. Es ist stock­fins­ter, der Him­mel bedeckt, kein Schnee­fall. Auch das Licht auf dem Fjord ist nahe­zu unsicht­bar. Nur ein Nach­leuch­ten in mei­nen Augen, viel­leicht weil ich tage­lang durch die Lin­se mei­nes Fern­roh­res starr­te. Stirn­lam­pen zahl­rei­cher Men­schen undeut­lich, die sich zu Grup­pen ver­sam­mel­ten. Sonst kei­ner­lei Licht über dem Eis, aber ein sehr schwa­ches Leuch­ten, das durch das Eis selbst zu drin­gen scheint, oran­ge und grün und blau, als wür­den Wol­ken kleins­ter Licht­teil­chen sich unter dem Eis bewe­gen, sich mit Licht infi­zie­ren, das ist denk­bar, oder Meer­wal­nüs­se, die vom Süden in den Nor­den zie­hen.

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20. DEZEMBER12.05 UTC / Es wird immer käl­ter. Ich mache mir Sor­gen. Dun­kel­blau­es Leuch­ten über den Ber­gen jen­seits des Fjor­des, sanft. Der Schnee scheint wäh­rend der ver­gan­ge­nen Nacht von hef­ti­gen Win­den davon gefegt wor­den zu sein, Fäden gefan­ge­ner Luft zie­hen sich längs über den Fjord durch das Eis, kaum sicht­bar im Licht der Däm­me­rung. Auch sind Spal­ten und Ris­se zu erken­nen, die Umris­se eines Berg­rü­ckens jen­seits des Fjor­des, so undeut­lich, dass mei­ne Augen ihn erfun­den haben könn­ten. Eine Kara­wa­ne von Stirn­lich­tern bewegt sich abwärts zum Fjord hin. Kei­ne Eis­bä­ren, sehr selt­sam, alle sind ver­schwun­den, trotz bes­ter Bedin­gun­gen zur Jagd. Denk­bar, dass sie noch in der Nähe sind, nicht län­ger auf dem Eis, aber viel­leicht auf dem Fest­land, auch viel­leicht auf der Insel. Bald wird es wie­der stock­fins­ter gewor­den sein. Ich habe mei­ne Hand­schu­he prä­pa­riert, ihre Spit­zen ent­fernt, mit klam­men Fin­ger notie­re ich, kaue auf etwas Fett her­um, das beru­higt, das beru­higt nicht wirk­lich gründ­lich.

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20. DEZEMBER — 17.03 UTC / Seit einer Stun­de wie­der Licht, es wird wär­mer im Haus. Auch auf den Fjord ist das Licht zurück­ge­kehrt, Licht, das kräf­ti­ger zu sein scheint als je zuvor. Groß­ar­ti­ge Licht­blu­men blü­hen über dem Kada­ver des Wals. Men­schen glei­ten über das Eis dahin als, als trü­gen sie Schlitt­schu­he. Ich habe den Ein­druck, die Zahl der Men­schen in der Umge­bung des Kada­vers nimmt zu. Lei­tern leh­nen da und dort an den hoch auf­ra­gen­den Kör­per­wän­den, man scheint nach Zugän­gen zu suchen, Haut wur­de ent­fernt. Men­schen zie­hen mit aller Kraft in grö­ße­ren Grup­pen an Sei­len, die Haut des Wales löst sich tat­säch­lich, stei­fe, scha­len­för­mi­ge Gebil­de glei­ten oder fal­len auf das Eis und das Fleisch des Wales tritt dun­kel zuta­ge. Auch auf der nicht sicht­ba­ren Sei­te des Wal­kör­pers scheint gear­bei­tet zu wer­den. Unter dem Eis glei­ten hel­le Schat­ten hin und her, Schat­ten, die ein­mal ost­wärts, dann wie­der west­wärts sich krei­send bewe­gen, mäch­ti­ge Tie­re.

Ent­wurf : Jen­ni­fer. five nach einer Zeich­nung
die von Noe Moritz Pape in sei­nem Notiz­buch
mit­tels Blei­stift ange­fer­tigt
wur­de. 

 

21. DEZEMBER — 4.15 UTC / Tran­skrip­ti­on der Berich­te Joe Ellis abge­schlos­sen. Ich hör­te letz­te Sät­ze, wel­chen kei­ne wei­te­ren Sät­ze folg­ten. Das Magnet­band scheint ohne nach­fol­gen­de Infor­ma­ti­on zu sein, läuft stumm und ste­tig vor sich hin. Stil­le, kein Wort, auch kein Mee­res­ge­räusch. Aber ein Sturm, ein neu­er Sturm, als wäre er gera­de wie aus dem Nichts erfun­den, tost um das Haus. Schnee fällt und der Wind pfeift über das Dach, als wür­de er üben. Mein Note­book mit mei­ner Tran­skrip­ti­on der Berich­te Joe Ellis ruht noch immer auf dem Tisch in der Mit­te des Zim­mers. Nach einer Stun­de Magnet­band­stil­le, habe ich das Signal gesen­det, dass ich mei­ne Arbeit been­det habe. Ich weiß nicht, ob man mich wahr­neh­men wird. Ich war­te.

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21. DEZEMBER — 11.06 UTC / Ich war ein­ge­schla­fen. Ohne es bemerkt zu haben, wur­de ich schläf­rig. Träum­te Ele­fan­ten, wie sie über Eis wan­der­ten, eine Rei­he von Ele­fan­ten, ein Ele­fant hielt einen wei­te­ren Ele­fan­ten an sei­nem Schwanz, und so schrit­ten sie gemäch­lich über den tief­ge­fro­re­nen Fjord. Sie waren zier­lich, ihrer Erschei­nung vor der Sil­hou­et­te eines rie­si­gen auf dem Eis lie­gen­den Wales. Sie leuch­te­ten in Blau und Rot, ein wun­der­ba­res Bild, ein Mann schritt vor ihnen her, schien sie zu füh­ren, kein Laut, aber das Knis­tern und Grol­len des Eises. — Der Funk ist zurück­ge­kehrt. Spär­li­che Nach­rich­ten aus nächs­ter Nähe, es blei­be nicht mehr viel Zeit, das Eis bewe­ge sich, Sturm weit drau­ßen auf dem Meer. Auch sind wie­der Stim­men zu ver­neh­men von der Son­de unter dem Eis, ver­mut­lich Geräu­sche des Eises, aber auch Stim­men der Wale, die unter dem Fjor­deis krei­sen, freund­li­che Stim­men. Welch wun­der­ba­re Vor­stel­lung dort unten in der Dun­kel­heit in einem Tau­cher­an­zug Luft per­lend vor einem Wal zu schwe­ben und zu war­ten und zu wis­sen, dass er gleich, nach ein wenig Denk­zeit, ent­we­der mich ver­zeh­ren oder zu mir spre­chen wird. Etwas also sagen oder sin­gen, das nur für mich bestimmt ist. Viel­leicht eine Fra­ge: Wie heißt Du, mein Freund? Oder: Ich hör­te von Bäu­men!

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21. DEZEMBER — 14.37 UTC / Noch kei­ne Stun­de ist ver­gan­gen, seit ich im Licht­schein mei­nes Fens­ters einen Hund bemerk­te, der wild im Schnee grub. Er sah mich kurz an, dann mach­te er wei­ter. Ich dach­te, er baue viel­leicht ein Schnee­nest, um zu schla­fen, aber der Hun­de leg­te sich nicht nie­der, er schien viel­mehr nach etwas zu suchen. Ein­mal hob er sei­nen Kopf in die Luft und heul­te wie ein Wolf. Sofort leuch­te­te ein star­ker Schein­wer­fer vom Fjords aus in Rich­tung des Dor­fes, tas­te­te sich suchend von Haus zu Haus. Ich mein­te im grel­len Licht Far­ben der höl­zer­nen Haus­wän­de zu erken­nen, gelb, grün, oran­ge, blau und rot. Auch dut­zen­de Kanis­ter und Sei­le, an wel­chen gefro­re­ne Fisch­kör­per im Wind flat­ter­ten, sie hat­ten sich nahe­zu auf­ge­löst, waren in Tei­len davon geflo­gen, da und dort Pla­nen, von Stei­nen beschwert, auch zwei klei­ne Boo­te auf dem Kopf. Ruhig streif­te der Licht­fin­ger Minu­te um Minu­te hin und her..

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21. DEZEMBER — 20.14 UTC / Der Funk berich­tet, Spal­ten sei­en sicht­bar gewor­den. Auch berühr­ten Rücken der krei­sen­den Wale die Unter­flä­che des Eises. Habe Joe Ellis Ton­auf­nah­me­ge­rät in Foli­en luft­dicht ver­packt, wie sei­ne Hän­de. Schutz­klei­dung ist vor­be­rei­tet, Werk­zeu­ge und Note­book sind ver­staut, ich könn­te jeder­zeit auf­bre­chen.

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22. DEZEMBER — 8.21 UTC / Schweiß­nass erwacht. Licht vor dem west­li­chen Fens­ter. Zwei Per­so­nen näher­ten sich, Kapu­zen tief ins Gesicht gezo­gen. Sie dampf­ten aus dem Mund, beweg­ten sich lang­sam, unter­such­ten jede ein­zel­ne Stu­fe der Trep­pe, fuh­ren mit Sen­so­ren über das Holz und die Stei­ne. Sie kamen bald näher her­an, bemerk­ten, dass ich sie beob­ach­te­te, schau­ten mich freund­lich an, unter­such­ten nun auch das Mau­er­werk mei­nes Hau­ses, Türen und Fens­ter­rah­men. Eine wei­te­re Stun­de waren sie zu sehen, das Licht ihrer Lam­pen. — Tosen­der Wind wie­der seit eini­gen Minu­ten. Der Wind kam sehr plötz­lich, zerr­te am Haus und feg­te Schnee gegen das Fens­ter zum Fjord. Kein Blick mög­lich zu die­sem Zeit­punkt. Kein Licht aus der Tie­fe unter mir. Dann plötz­lich wie­der Stil­le. Kla­re Luft. Über den Rücken des Wales, der weit­hin sei­ne Haut ver­lor, lau­fen Men­schen, Lawi­nen sau­sen über das gefro­re­ne Fleisch, eine Seil­win­de, die ges­tern nahe des Kada­vers im Eis ver­schraubt wor­den war, ist ver­schwun­den. Habe eine Sup­pe gekocht, eine Sup­pe früh am Mor­gen, es riecht streng im Zim­mer, auch von mir selbst.

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22. DEZEMBER — 12.01 UTC / Dampf steigt auf, schwe­re Wol­ken wei­ßen Damp­fes, die weni­ge Meter über dem Wal sich in Eis­g­rau­pel zu ver­wan­deln schei­nen. Mehr­fach näher­ten sich Schlit­ten der Ber­gungs­stel­le, sie kamen, von Men­schen gezo­gen, aus der Dun­kel­heit. 16° Cel­si­us unter null. Vor dem Haus ste­hend, ver­neh­me ich vom Fjord her nicht ein ein­zi­ges Geräusch, ein Labor vol­ler Licht, aber ohne Geräusch, Stumm­film­sze­nen. Vor die­sen Bil­dern ste­hend, möch­te ich mei­nen, taub gewor­den zu sein. Wie­der groß­ar­ti­ge Licht­spie­le am Him­mel, die die Land­schaft beleuch­ten, auch Häu­ser mei­ner Nach­bar­schaft, einen Berg von Schu­hen etwas wei­ter rechts, den Turm einer Kir­che, eini­ge Fäs­ser, ver­ros­tet, und Schlit­ten, gesta­pelt, gebors­te­ne Kufen, alles, als wäre es bemalt von den Far­ben des Him­mels, die über die Fel­sen, den Schnee, die Häu­ser, über das Eis des Fjor­des wan­dern, als wären sie Mil­lio­nen leuch­ten­der Pig­men­ta­mei­sen, die der Dun­kel­heit wider­spre­chen.

Wal­ge­sprä­che
auf­ge­nom­men nahe
Grön­land.

 

22. DEZEMBER — 15.12 UTC / Plötz­lich war der Hund wie­der da. Ich hör­te zunächst, wie er an der Tür schnüf­fel­te, ein Krat­zen, ich sah aus dem Fens­ter, öff­ne­te die Tür und der Hund kam her­ein. Der Hund war ver­letzt, ein schnee­wei­ßer Hus­ky, der sich unter den Tisch leg­te, und sofort ein­zu­schla­fen schien. Ich such­te nach Pflas­tern, ent­deck­te eine Blech­box mit Fisch­kö­dern, getrock­ne­te Libel­len, die ihre schil­lern­den hauch­zar­ten Flü­gel über eiser­ne Haken fal­te­ten.  Zwei Stun­den spä­ter schlich sich der Hund davon.

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23. DEZEMBER — 0.12 UTC / Ich war­te. Sit­ze Stun­de um Stun­de am Fens­ter und schaue gegen den Him­mel. Zwei­mal schlief ich ein. Ich schlief nur kur­ze Zeit. Wei­ter­hin Schat­ten der krei­sen­den Wale unter dem Eis, Funk­stim­men spär­lich, Stim­men, die vom Wet­ter berich­ten, auch Namen, die auf­ge­ru­fen wer­den, Stim­men jun­ger Män­ner und Frau­en, die sich, das ist denk­bar, gegen­sei­tig ihrer Gegen­wart ver­ge­wis­sern, als könn­ten sie jeder­zeit ver­schwun­den sein. Ber­ge gefro­re­nen Wal­flei­sches tür­men sich auf dem Eis.

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23. DEZEMBER — 2.12 UTC / Es ist inmit­ten der Nacht, ein Zeit­ort, da ich eigent­lich zu schla­fen wünsch­te. Sobald ich mich selbst befra­ge, bemer­ke ich, dass ich mich zu fürch­ten begin­ne. Noch immer erhal­te ich kei­ne Mel­dung, ob mei­ne Arbeit für gut befun­den wur­de. Ich habe einen ers­ten Blei­stift zu Ende geschrie­ben, ich begin­ne nun mit einem zwei­ten Blei­stift, ich habe einen drit­ten Blei­stift, über einen vier­ten Blei­stift ver­fü­ge ich nicht. Ich fürch­te, bald wird das elek­tri­sche Licht wie­der ver­schwin­den, und auch die Wär­me.   

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23. DEZEMBER — 5.27 UTC / Hör­te Flos­sen auf Stein und Holz. Ein Geräusch, das ich nicht erklä­ren konn­te, Geräu­sche, als wür­de ein Vogel­schwarm wie­der und wie­der gegen den Him­mel stei­gen, tau­sen­de flat­tern­der Tau­ben. Was ich hör­te, waren flie­hen­de Rob­ben, hun­der­te, die sich im Fjord viel­leicht in Ufer­nä­he ver­sam­mel­ten hat­ten. Sie flo­hen ins Dorf, ein Rob­ben­schwarm, leuch­ten­de Augen. Sie kämpf­ten sich über Trep­pen auf­wärts, wie von Schnee gepu­dert, dampf­ten, umflu­te­ten kräch­zend und hupend das Haus, um wei­ter hin­auf­zu­stei­gen. Kurz dar­auf kamen sie zurück, stürz­ten, eine Woge grau­er Kör­per über Trep­pen und Fel­sen, über­schlu­gen sich, schnapp­ten nach Luft, gaben lei­se röh­ren­de Lau­te von sich, die schmerz­ten, die­se Ver­zweif­lung.

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23. DEZEMBER — 9.06 UTC / Frü­her Mor­gen, Eis­bä­ren nähern sich. Hun­der­te Eis­bä­ren, wie mir scheint, kom­men vom offe­nen Meer kämp­fend her­an. Auch schei­nen sie sich nicht nur für die Ber­gungs­stel­le auf dem Eis zu inter­es­sie­ren, son­dern auch für das Dorf, sind kaum wei­ter als ein oder zwei Kilo­me­ter ent­fernt. Ich habe in Panik nach Muni­ti­on gesucht für das Gewehr in mei­nem Zim­mer, zunächst ver­geb­lich. Ich war hin­über zum Nach­bar­haus gekro­chen und durch­such­te im Licht mei­ner Stirn­lam­pe Zim­mer für Zim­mer. In der Küche hin­ter Kon­ser­ven ent­deck­te ich Waf­fen, eine Signal­pis­to­le, Patro­nen.

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23. DEZEMBER — 10.08 UTC / Wie­der habe ich eine Erkun­dung mei­ner nächs­ten Nähe unter­nom­men. Ich bin unter dem Ein­druck man­geln­den Schla­fes viel­leicht mutig gewor­den, stieg eini­ge Meter auf­wärts. Im Licht mei­ner Stirn­lam­pe Stu­fen einer Trep­pe, zahl­rei­che Stu­fen sind zer­bors­ten, Fäs­ser und Plan­ken lie­gen über das fel­si­ge Gelän­de ver­teilt. Da waren drei tote Rob­ben, tief­ge­fro­re­ne Augen, schwe­re Tie­re, ich beweg­te mich gebückt, jeder­zeit bereit eine Signal­fa­ckel zu zün­den, jeder­zeit bereit zu flüch­ten.

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23. DEZEMBER — 14.58 UTC / Zwei Stun­den lang arbei­te­te ich kon­zen­triert an der Vor­stel­lung, die­ses Haus, die­ses Dorf, die­sen Fjord sofort zu ver­las­sen. Ich könn­te zum Meer hin abstei­gen, dach­te ich, könn­te ver­su­chen in der Dun­kel­heit den Fjord zu über­que­ren. Ich besit­ze einen Ruck­sack voll Wal­fleisch und getrock­ne­tem Dorsch, zwei Behäl­ter Was­ser, außer­dem eine Eis­bä­ren­fell­ho­se, Joe Ellis Hän­de und sein Ton­auf­nah­me­ge­rät, mein Notiz­buch und zwei Blei­stif­te. Ich erwar­te den Moment, da ich spü­ren wer­de, dass ich auf­zu­bre­chen habe. In der Däm­mer­zo­ne des künst­li­chen Lichts unter mir spie­len Bären. Auf dem Eis, in unmit­tel­ba­rer Nähe des Kada­vers, ruht das Herz eines Wales.

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23. DEZEMBER — 22.12 UTC / Der Schuss hall­te weit­hin über das Eis, brach sich an den Fel­sen des gegen­über­lie­gen­den Lan­des, und kehr­te wie­der zurück. Ein wun­der­ba­res hell­blau­es Licht stieg über mir auf, das den Fjord weit­hin erhell­te. Der Eis­bär, er war dicht an das Haus her­an­ge­kom­men, hat­te sich vor mir hoch auf­ge­rich­tet, er gab einen tie­fen röh­ren­den Ton von sich und sprang mit einem Satz in die Dun­kel­heit zurück. Der Don­ner, den ich aus­ge­löst hat­te in mei­ner Not, war noch zu hören als der Eis­bär längst ver­schwun­den gewe­sen war. Zit­ternd kehr­te ich in das Haus zurück. Im Funk auf­ge­reg­te Stim­men, Rufe, Fra­gen, Flü­che. Es ist nun fol­gen­des tra­gi­scher­wei­se zu berich­ten: Das Eis nahe des Wal­ka­da­vers war gebors­ten, der Kopf eines Wales rag­te aus dem Was­ser. Kurz dar­auf erschien im Nor­den, weit von der Ber­gungs­stel­le ent­fernt, ein wei­te­rer Wal, der mit hoher Geschwin­dig­keit über das Eis hin rutsch­te, er brach ein, um erneut an der­sel­ben Stel­le anzu­grei­fen, ein Fias­ko, ein Infer­no, dem ich bei­woh­nen durf­te. Ich beob­ach­te­te Men­schen, wie sie über das Eis flüch­te­ten, Funk­ge­räu­sche bra­chen ab. Auch wur­den Ber­gungs­zel­te ins dunk­le Was­ser geris­sen und ver­schwan­den in rie­si­gen Mäu­lern. Ich zähl­te acht oder neun Angrei­fer. Dann wur­de es still, das Eis war weit­hin auf­ge­bro­chen, eine rie­si­ge dunk­le Flä­che. Ich stand ganz still, das Auge ohne Unter­bre­chung an das Fern­rohr gepresst, kaum noch Licht. Ein Mann tor­kel­te an mei­nem Haus vor­bei, ein Arm war abge­ris­sen, er blu­te­te. Das Licht im Haus erlosch.

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23. DEZEMBER — 3.15  UTC / Funk­stil­le, nicht ein­mal Knis­tern oder Pfei­fen. Kalt ist es gewor­den und wird immer käl­ter. Ich rei­be mir die Hän­de, gehe auf und ab. Ich wer­de bald auf­bre­chen nach Süd­wes­ten. Ich wer­de das Eis über­que­ren zum Fest­land hin. Ich wer­de mich fürch­ten. Ich fürch­te mich bereits in die­sen Minu­ten in unbe­kann­ter Wei­se. Vor etwa zwei Stun­den sind Droh­nen­vö­gel zurück­ge­kehrt, schwe­ben über dem Fjord, beleuch­ten suchend das Eis, das geschlos­sen ist, kein Mensch, kein Gegen­stand zu sehen. Es ist als wäre nie etwas dort gewe­sen. Weder Men­schen, noch Eis­bä­ren, noch Wale. Ich habe ver­geb­lich Zei­chen gege­ben. Ich wer­de nun das Haus ver­las­sen. Es ist der 24. Dezem­ber kurz nach Mit­ter­nacht. Im Licht mei­ner Kopf­lam­pe notie­re ich in mein Notiz­heft. Ich wer­de mei­ne Auf­zeich­nun­gen zurück­las­sen. Viel­leicht wer­de ich zurück­keh­ren, weil ich kei­nen Aus­weg fin­de, das ist denk­bar, dann wer­de ich wei­ter schrei­ben. Ich hof­fe, dass ich wei­ter­schrei­ben wer­de. Ich spü­re wie es käl­ter wird. Vor den Fens­tern nun abso­lu­te Dun­kel­heit. Ich bre­che auf, leb­lo­se Schreib­ma­schi­nen, Joe Ellis Ton­auf­nah­me­ma­schi­ne und sei­ne Hän­de im Gepäck. Ich wer­de, solan­ge mög­lich, auf Notiz­zet­teln notie­ren, die ich dem Wind über­ge­be. Noe Moritz Pape, 24. Dezem­ber 2018

/ Die­se Zei­len wur­den
in Uum­man­n­aq ent­deckt.

 

/ Atlan­ti­sche Depe­schen.
Joe Ellis berich­tet über
sei­nen Besuch an Bord
der MS Seatown.
Tran­skrip­ti­on von
Noe Moritz Pape
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