persönlichkeiten

° januar / februar 2020

Zu einer Zeit, da ich häu­fig an Mrs. Cal­las dach­te, stell­te ich mir vor, ich wür­de mit ihr spa­zie­ren gehen. Es war Win­ter, es schnei­te, als wäre noch wirk­lich Win­ter wie zu einer Zeit als ich noch Kind gewe­sen war. Mrs. Cal­las und ich besuch­ten einen Park. Ich beob­ach­te wie sie Schnee­flo­cken zähl­te, wie sie ver­such­te jede Flo­cke, die vom Him­mel schau­kel­te, für sich mit ihren Zei­ge­fin­gern berüh­ren. Aus der Ent­fer­nung betrach­tet, moch­te man mei­nen, Mrs. Cal­las wür­de sich mit nicht sicht­ba­ren Flie­gen oder Schmet­ter­lin­gen unter­hal­ten, oder mit Engeln, die so klein waren, dass sie selbst im Tages­licht nicht sicht­bar gewe­sen wären. Ich dach­te, sobald Mrs. Cal­las Schnee­flo­cken zu zäh­len wünscht, spricht sie mit ihren Hän­den. Sie war sehr schnell in die­ser Bewe­gung des Spre­chens, und sie war glück­lich und auf­ge­regt wie ein Mäd­chen, wie sie auf Zehen­spit­zen stand und so herz­lich lach­te, dass selbst scheue Rei­her ange­flo­gen kamen, um nach­zu­se­hen, wer das sein könn­te da am Ufer eines klei­nen Sees.

 

Maria Cal­las 1958. Für die­se Foto­gra­fie,
so wird erzählt, wur­de kein
Copy­right je regis­triert.

 

Mrs. Gin­ger Cal­las selbst lern­te vor eini­gen Jah­ren Joe Ellis ken­nen, als er das Laborschiff Seatown besuch­te, ein muti­ger Jour­na­list, der kurz nach sei­nem Besuch, unter dra­ma­ti­schen Bedin­gun­gen auf hoher See Depe­schen von Bord einer Ret­tungs­in­sel sen­de­te. Ich weiß nicht wie das gekom­men ist, aus irgend­ei­nem Grund dach­te ich, wäh­rend ich notier­te, an Jack Kerou­ac, wie er an sei­ner Schreib­ma­schi­ne sitzt und fie­ber­haft sei­nen Roman On the Road auf eine nahe­zu 40 Meter lan­ge Papier­rol­le tippt. Ich neh­me an, Joe Ellis wür­de sehr ger­ne in die­ser unge­stü­men Wei­se gear­bei­tet haben. Lei­der sah er sich gezwun­gen in kür­ze­ren Abstän­den an der Kur­bel sei­ner elek­tri­schen Auf­zeich­nungs­ma­schi­ne zu dre­hen, um Strom zu erzeu­gen, je eine abrup­te Unter­bre­chung sei­ner kon­zen­trier­ten schrei­ben­den Arbeit.

 

Jack Kerou­ac um 1956
auf­ge­nom­men von
Tom Pal­um­bo

 

Das Ver­schwin­den eines Man­nes auf hoher See, eine tra­gi­sche Geschich­te, eine Geschich­te, die nur des­halb in ihrer Sub­stanz für uns sicht­bar wur­de, da an einem win­ter­li­chen Tag, es herrsch­te Polar­nacht, vor der ver­eis­ten west­li­chen Küs­te Grön­lands, eine Grup­pe wei­ßer Wale einem Schwarm von Meer­wal­nüs­sen folg­te, der zau­ber­haft leuch­te­te und wun­der­bar schmeck­te. Einer der Wale durch­brach ver­se­hent­lich die Decke des Eises, wel­ches von Mee­res­wär­me ange­grif­fen, nahe­zu trans­pa­rent gewor­den war. Der Wal, ein Weib­chen namens Jennifer.five, wird ver­mut­lich weit hin über das Eis des Fjor­des gefah­ren sein wie auf einem Schlit­ten, um sich dann jen­seits des Was­sers auf dem Eis gefan­gen zu sehen. Sie erfror. Das war weni­ge Jah­re, nach­dem Joe Ellis ver­schwun­den war. Genau an die­ser Stel­le, dort auf dem Fjord vor der west­li­chen Küs­te Grön­lands wur­den Spu­ren Joe Ellis wie­der­ent­deckt. Noe Moritz Papes Berich­te aus Uum­man­n­aq, er wohn­te der Unter­su­chung des gestran­de­ten Wal­kör­pers aus grö­ße­rer Ent­fer­nung bei, soll­ten dem muti­gen Jour­na­lis­ten Joe Ellis gewid­met sein.

 

Jennifer.five auf dem Eis.
Men­schen arbei­ten an und auf
ihrem mäch­ti­gen Kör­per. Die­se
Skiz­ze beleuch­tet Polar­nacht.
Eigent­lich ist es dun­kel.

 

Da war noch etwas gewe­sen. Noe Moritz Pape scheint wäh­rend der Tage, die er in Uum­man­n­aq ver­brach­te, einen per­sön­li­chen Beschüt­zer gehabt zu haben, eine Per­son, die nur sel­ten sicht­bar wur­de. Ein­mal, im Dezem­ber, spa­zier­te ich in einem Park her­um. Es war eben genau jener Park, in dem ich mit Mrs. Cal­las wan­der­te. Plötz­lich erin­ner­te ich mich deut­lich an die Foto­gra­fie eines äußerst ver­we­gen wir­ken­den Man­nes, eines Pilo­ten, der Luft­post­flug­zeu­ge in die Wild­nis flog, so prä­zi­se könn­te Noe Moritz Papes per­sön­li­cher Beschüt­zer aus­ge­se­hen haben, das ist denk­bar.

 

U.S. Air­mail Service Pilot Bill Hop­son
1926. Er starb zwei Jah­re spä­ter
bei einem Flug­zeug­ab­sturz

 

So ist gewor­den: Zwei weib­li­che und zwei männ­li­che Wesen. Von jenem Mann, von Noe Moritz Pape, der an die­ser Stel­le eine Geschich­te notiert aus gro­ßer Ent­fer­nung einer Polar­nacht­zeit, exis­tiert weder Zeich­nung noch Foto­gra­fie, er ist frei, er könn­te von Ihnen noch belich­tet wer­den.

 

/  Moritz Pape berich­tet
aus Uum­man­n­aq. Es
herrscht Polar­nacht >