notizen aus uummannaq 1

° januar / februar 2020

Moritz Pape erreicht Uummannaq.
Es ist Dezem­ber, pola­re Nacht, dunkel.
Unver­züg­lich beginnt er mit seiner
Arbeit des Notie­rens und Wartens.

 

15. DEZEMBER — 20:06 UTC / Im Licht mei­ner Stirn­lam­pe dreht sich ein getrock­ne­tes Sträuß­chen Blu­men im leich­ten Zug­wind. Das Sträuß­chen bau­melt an einem kaum sicht­ba­ren Faden kopf­über von der Decke. Da sind Fens­ter, zwei hin zum Fjord, der tief unter mir liegt, eines seit­wärts nach Wes­ten, nach hin­ten hin­aus kein Fens­ter, auch nicht nach Osten. Auf dem Fens­ter­brett rei­hen sich Eis­bä­ren, geschnitz­te Figu­ren, auch der Nach­bau eines Schlit­tens, knö­cher­nes Mate­ri­al und Fäden und Leder, sorg­fäl­tig ver­klebt, fili­gra­ne Arbeit, sowie eine Schnee­ku­gel, dort im Innern das Empi­re Sta­te Buil­ding. Eine Rol­le fes­ten schwar­zen Garns ist da noch, die nicht ange­tas­tet wur­de. Gleich neben der Tür, an zwei Holz­schrau­ben befes­tigt, eine Hose von Eis­bä­ren­fell, dar­un­ter zwei Paar Schu­he von Pelz, dunk­lem Pelz, viel­leicht vom Fell einer Rob­be. Der Die­len­bo­den, von Schrit­ten rau gewor­den, scheint gewärmt zu sein. Ein Regal ver­sam­melt eini­ge weni­ge Bücher, deren Schrift­zei­chen ich nicht ent­zif­fern kann, unter ihnen ein Atlas, sowie ein Heft mit Noten­blät­tern. Das Holz der Wän­de des Zim­mers wur­de unlängst weiß gestri­chen, das muss viel­leicht im zurück­lie­gen­den Som­mer gewe­sen sein, kaum wei­te­re Spu­ren an den Wän­den, aber die Mase­rung des Hol­zes, die sich durch die Far­be drückt. Da ist eine Foto­gra­fie, schwarz­weiß, sie zeigt eine Insel, ver­mut­lich jene Insel, auf der ich mich in die­sem Moment befin­de, eine Insel ohne Schnee und Eis von Meer­was­ser umge­ben, Uum­man­n­aq in einem Som­mer weit vor mei­ner Zeit. Eini­ge nied­ri­ge Holz­häu­ser, ein­ge­zäun­te Gär­ten, eine eben­so höl­zer­ne Kir­che mit Turm, Wäsche an einer Lei­ne vor Gras­land­schaft, vor Fel­sen, auf wel­chen Häu­ser befes­tigt sind, im Hin­ter­grund erhe­ben sich zwei mäch­ti­ge Insel­spit­zen. In der Mit­te des Bil­des, ein Mann und eine Frau, sie ste­hen still, sehen zur Kame­ra hin. Der Mann trägt fei­ne Sonn­tags­klei­dung, die Frau ein knö­chel­lan­ges Kleid, das Kleid scheint sich zu bewe­gen, eine leich­te Unschär­fe ist zu ver­zeich­nen. Die Frau hält einen Strauss hel­ler Blu­men in Hän­den. Zwi­schen Mann und der Frau war­tet ein Kind, das Kind greift fest nach der Hand der Frau. Fäs­ser lie­gen her­um, auch Ton­nen von ros­ti­gem Eisen, teil­wei­se beschä­digt. An einem Zaun lun­gern zwei Jun­gen, hin­ter dem Zaun arbei­tet ein Mann. Auf der Foto­gra­fie ist kein Baum zu sehen, viel­leicht weil auf der Insel nie­mals Bäu­me exis­tier­ten. Aber Gerüs­te von Holz zur Trock­nung von Fischen, karg, sehr karg. Ich über­leg­te, was sie dort wohl tun im Nor­den auf die­ser Insel. Plötz­lich dach­te ich: Sie tun nichts wei­ter, als zu leben.

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Des Wei­te­ren im Zim­mer: Zwei Paar Schnee­schu­he, sie war­ten neben einem Petro­le­um­ofen, der kalt ist. Auf einem Tisch­chen ruhen ein Tran­sis­tor­ra­dio, außer­dem eine klei­ne Funk­sta­ti­on mit Mikro­phon und eini­ge zer­frans­te Hef­te, und Blei­stif­te, die lan­ge Zeit in Hän­den gedreht wor­den sind. In der Abla­ge unter dem Tisch fin­den sich Glä­ser, Tel­ler, Bestecke, ein Schleif­stein. Da ist noch ein Schrank, im Schrank sorg­fäl­tig gesta­pelt Hem­den und Hand­schu­he eines Man­nes, Fäust­lin­ge von kräf­ti­gem Leder, wenn nicht das Radio wäre und das Funk­ge­rät, möch­te ich mei­nen mich in einem Muse­um auf­zu­hal­ten. Das Kind, wel­ches auf der Foto­gra­fie zu sehen ist, wird ver­mut­lich längst gestor­ben sein. Viel­leicht ist es ein­mal in die­ses Zim­mer getre­ten, das ist denk­bar. Das Zim­mer ist mei­ne Zuflucht und Werk­statt für ein oder zwei Mona­te Zeit.

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15. DEZEMBER — 22:12 UTC / Wind, der durch die Fugen des Hau­ses pfeift. Noch nie bin ich so weit im Nor­den gewe­sen. Ich könn­te mich in die­sem Augen­blick, da ich zu notie­ren begin­ne, in der Stadt Uum­man­n­aq befin­den, weni­ge Meter über dem Mee­res­spie­gel in Höhe 80 viel­leicht. Es ist Abend, stock­fins­ter drau­ßen vor den Fens­tern, auch als ich gegen Mit­tag zu aus dem Schlaf erwach­te, war es stock­fins­ter gewe­sen, Polar­nacht­dun­kel­heit, nur ein hel­les ein­sa­mes Leuch­ten in grö­ße­rer Ent­fer­nung drau­ßen auf dem Fjord. Still sitz ich auf einer höl­zer­nen Bank und notie­re im Licht der Stirn­lam­pe von Hand in mein Notiz­buch. Noch immer ist es warm, eine wun­der­ba­re Wär­me, die mich wie ein Man­tel umhüllt, seit wir in der Nacht ein­ge­trof­fen sind in Uum­man­n­aq, ein selt­sa­mes Wort, Uum­man­n­aq, das ich lang­sam buch­sta­bie­rend aus­spre­chen, aber nicht zu mer­ken ver­mag. 14 Stun­den Fahrt nach Hub­schrau­ber­flug zunächst auf einem Hun­de­schlit­ten von Sar­qaq durch die Dun­kel­heit über das ver­eis­te Meer. Eine Spur, ich erin­ne­re mich, war zu erken­nen gewe­sen auf dem Eis, als wären wei­te­re Men­schen vor uns bereits genau auf die­ser Rou­te gefahren.

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Ein Mann stand hin­ter mir auf dem Schlit­ten, ich selbst hock­te auf einer Mat­te, mei­ne Bei­ne waren von Fel­len bedeckt. Das Licht unse­rer Kopf­lam­pen, wie her­um­ir­ren­des Radar­licht. Die Hun­de vor uns eil­ten fast laut­los dahin, ein hel­les Rau­schen von den Kufen der Schlit­ten her, har­ter Schnee flog durch die Luft, wel­cher von den Pfo­ten der Tie­re in die Luft gewir­belt wur­de. Es war kei­ne Zeit zu spre­chen wäh­rend der Fahrt Stun­de um Stun­de durch das Schnee­ge­stö­ber. Zwei oder drei Male hiel­ten wir an. Der klei­ne Mann, der den Schlit­ten lenk­te, wag­te sich vor auf das Eis, indes­sen kau­er­ten sei­ne Hun­de auf ihren Hin­ter­bei­nen und schau­ten ihm kon­zen­triert und ohne auch nur ein­mal den Blick von ihm zu neh­men hin­ter­her. Bald war nur noch das Licht auf sei­nem Kopf sicht­bar, ein schein­bar kör­per­lo­ses Licht in der Dun­kel­heit. Nach weni­gen Minu­ten kam der Mann zurück, hock­te sich auf sei­ne Bären­fell­schu­he, ent­blöß­te sei­ne Hän­de, und leg­te sie auf das Eis, als wür­de er nach etwas tas­ten. Er sag­te, kaum Wei­te­res war von ihm bis dahin zu hören gewe­sen, das Eis sei unsi­cher gewor­den, nichts fürch­te er so sehr wie Eis, das nicht zuver­läs­sig tra­ge. Als unse­re Fahrt nach vie­len Stun­den end­lich ende­te, durch­such­te mich der Mann, mei­ne Jacke, mei­ne Hose, mei­ne Schu­he, auch mein Gepäck, und ver­schwand in der Dun­kel­heit. — Seit 15 Stun­den bin ich nun allein. Ich warte.

 

 

Posi­ti­on Grön­land. Ein Punkt dort wo
sich die dra­ma­ti­sche Geschichte
zur Polar­nacht­zeit ereignete.
Noe Moritz Pape berichtet.

 

 

16. DEZEMBER — 0 :12 UTC / Was sich zu die­sem Zeit­punkt notie­ren lässt, ist fol­gen­des: Ich ver­fü­ge über kei­nen Strom, aber das Zim­mer, in dem ich mich befin­de, ist warm. Das Haus wird ver­mut­lich von einem ein­hei­mi­schen Jäger bewohnt, das ist denk­bar, der Jäger scheint abwe­send zu sein, viel­leicht ist er wäh­rend der Polar­nacht­zeit nie an die­sem Ort. Ich sit­ze auf einem Stuhl und war­te und notie­re. In einer Ecke des Zim­mers, sche­men­haft, der Lauf eines Gewehrs. Nah eines Schran­kes, den ich bereits gründ­lich durch­such­te, füh­ren in Fels gehaue­ne Stu­fen in einen küh­len Raum, dort lagern getrock­ne­tes Fleisch und Fisch, Gas­kar­tu­schen, Ros­ma­rin, Öle und ein Salz­fäss­chen in Rega­len, auch Was­ser in Fla­schen. Eine hal­be Stun­de lang such­te ich ver­geb­lich nach Muni­ti­on für das Gewehr. Ich trat vor das Haus, es war abso­lut still, nicht ein­mal der Wind, der im Haus noch zu hören gewe­sen war, gab Laut. Es war, als ob die Welt an die­sem Ort die Luft anhielt, als ob man beson­de­re Stil­le prob­te. Auch von einem grel­len Licht her, das auf dem Fjord unter mir in gro­ßer Ent­fer­nung flim­mernd leuch­te­te, war nichts zu hören. Ich mein­te dort unten undeut­lich Bewe­gun­gen zu erken­nen. Kaum wag­te ich vor dem Haus ste­hend zu atmen, hat­te ich doch kurz vor mei­ner Abrei­se Anwei­sung erhal­ten, mich abso­lut still zu ver­hal­ten: Kein Laut außer­halb des Hau­ses: Rufen Sie nicht!

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16. DEZEMBER — 4:28 UTC / Vor weni­gen Minu­ten war ein leich­tes Erd­be­ben zu spü­ren, ein Zit­tern, wenig spä­ter, ich war zunächst wie­der ein­ge­schla­fen, eine schlin­gern­de Bewe­gung, als wür­de das Haus lang­sam über die Fel­sen der Insel wan­dern. Ich hat­te zunächst gedacht, mich geirrt zu haben, da sich die selt­sa­me Bewe­gung wei­te­re zwei Male wie­der­hol­te, ver­zeich­ne ich nun: Die Erde unter mei­nen Füßen beb­te. Die Schei­ben der Fens­ter klirr­ten, und das Bett, auf dem ich nach mei­ner Ankunft bereits erschöpft ein­ge­schla­fen war, hat­te sich leicht von der Wand fort­be­wegt. In die­sem Moment, da ich auf dem Boden sit­zend in mein Notiz­buch notie­re, steigt vom Fjord eine rot glü­hen­de Signal­fa­ckel in den Him­mel, schwebt lan­ge Zeit am Him­mel, leuch­tet hin­über zu einem Berg­rü­cken, der bis­her für mich unsicht­bar gewe­sen war, sinkt lang­sam, als wäre sie an einem Fall­schirm befes­tigt, wie­der gegen den Boden zu, ein Licht ohne Laut. Ich stand kurz vor dem Haus. Die Luft flimmert.

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16. DEZEMBER — 6:28 UTC / Unru­hi­ge Nacht. Zwei Stun­den geschla­fen, dann immer wie­der wach, das Haus knis­tert. Vom Bett aus beob­ach­te­te ich im Halb­schlaf ein klei­nes Tier, das den Raum durch­quer­te, dann wie­der Signal­leuch­ten, das Tier has­te­te unter den Schrank. Kaum war ich am Fens­ter, stieg ein wei­te­rer Licht­ball geräusch­los gegen den Him­mel. Eis­blu­men, die auf den Fens­ter­schei­ben gewach­sen waren wäh­rend ich schlief, bra­chen das Licht, ein wun­der­vol­ler Anblick. Es scheint sehr kalt gewor­den zu sein.

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16. DEZEMBER — 8:45 UTC / Seit einer hal­ben Stun­de ver­fü­ge ich über Strom. Die Lam­pe an der Decke fla­ckert, als sei noch nicht ent­schie­den, ob sie wei­ter leuch­ten wird, auch das Wand­licht nahe der Tür unru­hig. Ich war kurz drau­ßen vor der Tür, schau­te mich um. Kein Licht, kein Mensch zu sehen, kein Hund, nie­mand scheint hier zu sein, aber Sche­men der umlie­gen­den Ber­ge und Häu­ser, der Him­mel über dem Hori­zont leuch­tet in dun­kels­tem Blau, kei­ne Wol­ken, Ster­ne, wun­der­bar, und wie ich so in den Him­mel spä­he, bemerk­te ich, dass mein Augen­licht nach­zu­las­sen scheint, Unschär­fe zu den Rän­dern mei­nes Blick­fel­des hin. Unten auf dem Fjord, das Eis hell erleuch­tet. Es kommt mir so vor, als habe sich das Licht genä­hert, als wäre die Luft kla­rer als ges­tern noch. Schein­wer­fer, wie rie­sen­haf­te Licht­blu­men da und dort. Wie­der mein­te ich Schat­ten von Men­schen zu erken­nen, flim­mern­de Struk­tu­ren, die sich wie unter Glä­sern eines Mikro­skops beweg­ten. Spu­ren von Schlit­ten­ku­fen füh­ren aus dem Licht­ke­gel ins Dun­kel in Rich­tung der klei­nen Stadt auf den Fel­sen. Vor mei­nem Haus stei­gen aus der Dun­kel­heit höl­zer­ne Trep­pen, hin­ter dem Haus stei­gen sie wei­ter. Ein stei­les Gebiet, kaum Schnee auf den Fel­sen, leich­ter Wind, Schnee jedoch auf dem Dach und an einer Sei­te des Hau­ses hoch. Das Holz des Hau­ses, feu­er­rot, das ist denk­bar. Viel­leicht ‑10 °Cel­si­us, schwer zu sagen, es ist kalt.

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16. DEZEMBER — 12:02 UTC / Ich war­te, gehe auf und ab, schaue aus dem Fens­ter. Es ist Mit­tag. Ich prüf­te mei­ne Uhr, ich habe mei­ne Uhr vor der Abrei­se auf Welt­zeit ein­ge­stellt. Ich habe mir außer­dem vor­ge­nom­men, zu schla­fen, wenn Nacht­zeit ist ab 23 Uhr. Auf­ste­hen will ich um 7 Uhr in der Früh, nur nicht mei­nen Rhyth­mus ver­lie­ren. Stock­fisch und Wal zum Früh­stück, gesal­zen, geräu­chert. Es ist nicht mein Haus, dach­te ich, als ich im Hau­se neu­gie­rig zu suchen begann. Ich nahm ein Buch aus dem Regal und ein Blatt Papier vom Tisch. Ich öff­ne­te einen Schrank auf der Suche nach Papie­ren, ich öff­ne­te eine Schub­la­de auf der Suche nach Stift­werk­zeu­gen. Da war auf einem Blatt Papier die Schrift eines Man­nes, zu dem die­ses Zim­mer gehö­ren mag, exakt gezeich­ne­te Wör­ter in latei­ni­schen Buch­sta­ben, unbe­kann­te Wör­ter. Eine Schnee­bril­le aus Kno­chen eines Tie­res gear­bei­tet, wer könn­te sie ange­fer­tigt haben? Getrock­ne­te Blu­men da und dort, die von der Decke bau­meln, Fin­ger­kraut, wil­de Rosen und Blau­bee­ren, auch Haken und Net­ze, Har­pu­nen von uraltem Holz mit knö­cher­nen Spit­zen, eine Samm­lung von Foto­gra­fien in einer Schach­tel, die ich unter mei­nem Schlit­ten­bett ent­deck­te. Es ist nicht dein Haus, dach­te ich, und schau­te doch in die Schach­tel hin­ein, leg­te Foto­gra­fien auf den Tisch, es ist als wür­de plötz­lich Licht vor den Fens­tern auf­ge­hen, so könn­te die Welt um mich her­um beschaf­fen sein, Häu­ser, das Eis, der Schnee, Blu­men, Grä­ser, Schlit­ten, Men­schen, Wale.

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16. DEZEMBER — 17:12 UTC / Abend. Bald zwei Tage sind ver­gan­gen, seit ich hier ange­kom­men bin in Uum­man­n­aq. Ich suche, ich war­te, ich arbei­te. Ich arbei­te gern in der Vor­stel­lung, ein Mensch, der nicht ich bin, wür­de mir zuse­hen, beob­ach­ten was ich tue, ich könn­te eine Erfin­dung sein, eine Vor­stel­lung, wie mei­ne Schreib­ma­schi­ne eine Erfin­dung und mei­ne Rechen­ker­ne, Bild­schir­me, Tas­ta­tu­ren, Sen­so­ren, Mikro­sko­pe und feins­te Licht­fang­ma­schi­nen, auch Mei­ßel und Häm­mer­chen, Löt­kol­ben und Schrau­ben­zie­her, wie jene fei­ne Lupe, die zu leuch­ten ver­mag. Das alles liegt nun bereit auf dem Tisch in der Mit­te des Rau­mes gleich unter der Decken­lam­pe. Ich war nahe­zu blind ohne Elek­tri­zi­tät. Ohne Strom wür­de ich an die­sem Ort voll­kom­men nutz­los sein. Wie ange­nehm mein Com­pu­ter plötz­lich summ­te, wie sein Bild­schirm sich erhell­te, ver­trau­te Pro­zes­se, und doch, es ist selt­sam, kei­ne Ver­bin­dung in die digi­ta­le Sphä­re mög­lich. Mei­ne Schreib­ma­schi­ne vor mir auf dem Tisch, ist in die­sem Moment tat­säch­lich nur eine Schreib­ma­schi­ne mit Gedächt­nis, kein Tele­fon, kei­ne Zei­tung, kein Fern­sicht­ge­rät, eine Schreib­ma­schi­ne, die geräusch­los ohne Pau­se nach wei­te­ren Schreib­ma­schi­nen sucht. Bis­her kein Kontakt.

 


Rei­se­weg in der Nacht
zum 15. Dezem­ber 2018
auf einem Schlitten
von Heli­port Saqqaq
über das Eis nach
Uummannaq

 

16. DEZEMBER — 18:58 UTC / Auf einem Schlit­ten auf dem Eis eines Fjor­des hocken. Angel­ru­te, Stühl­chen, Tee und eine Schnur, die im Licht der Son­ne glit­zert. Die Schnur senkt sich in das Eis­loch zu mei­nen Füßen. Ich habe das Loch von eige­ner Hand in das Eis getrie­ben habe, Meer­was­ser ist sicht­bar, dunk­les Was­ser, Eis­schin­deln dar­auf, die sich dre­hen. Ich habe nicht die gerings­te Ahnung, wie es wäre, in die­ser Wei­se Fisch zu fan­gen. — Ich sit­ze vor dem Fens­ter und sehe hin­un­ter auf den Fjord, noch immer etwas Licht über dem Hori­zont, ein dun­kel­blau­es Schim­mern. Auf dem Eis wei­ter­hin ein Nest von Licht, Bewe­gung dort, die vor mei­nen Augen ver­schwimmt, je län­ger ich sie fest­zu­hal­ten suche. Dann ste­he ich still im Glüh­bir­nen­licht unter einem Schirm von rot­weiß karier­tem Stoff. Ich habe noch immer kei­ne eigent­li­che Vor­stel­lung von der Per­son, die die­ses Haus bewoh­nen mag. Ein Mann ver­mut­lich, ein Mann ohne Frau.

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16. DEZEMBER — 22:01 UTC / Schnee fällt. Die Luft ist hell von Flo­cken. Kein Blick mög­lich hin­un­ter zum Fjord, kein Licht von dort. Der Schnee, weich und warm. Ich erin­ne­re mich, an Geräu­sche, die der Schnee macht. Der Schnee knurrt, knus­tert, gur­pt, lur­pt, gurrt, gnurzt, murrt, drumbt unter den Schu­hen, wenn Nacht ist. Der Schnee girrt, lirpt, knirrt, knirzt, knit­tert, knat­tert, knis­tert unter den Schu­hen, wenn Tag ist. Es war heut tat­säch­lich Dun­kel von mor­gens bis abends so wie vor­her­ge­sagt dun­kel, eine Dun­kel­heit mit etwas Licht, einem Saum von Licht und einem Farb­leuch­ten, das über das Eis wan­der­te. Aber jetzt ist es tat­säch­lich voll­stän­dig dun­kel da drau­ßen, die Welt könn­te unbe­wohnt sein. Ich wer­de bald schla­fen, in mei­nem Zim­mer ein Geruch streng von auf­tau­en­dem Fisch. Ich habe im Kel­ler Kon­ser­ven ent­deckt, Leber, auch Mar­me­la­de, kaum Brot. Nach wie vor kei­ne Ver­bin­dung zu wei­te­ren Schreib­ma­schi­nen, das Funk­ge­rät still, aber es leuch­tet ein grü­nes Licht, zwei­fach war ein Piep­sen zu ver­neh­men, je ein Ton. Ich saß sofort vor dem Mikro­fon und über­leg­te, ob ich etwas äußern soll­te: Hier spricht Noe Moritz Pape. Ich befin­de mich, das ist denk­bar, in Uum­man­n­aq. Ich war­te, ich notie­re, Schnee fällt. Die Luft ist hell von Flo­cken. Kein Blick mög­lich hin­un­ter zum Fjord.

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17. DEZEMBER — 2:55 UTC / Plötz­lich wach gewor­den. Stim­men in der Stil­le. Die Stim­men spra­chen die eng­li­sche Spra­che, undeut­lich, Wel­len­funk. Wie durch ein Blatt Papier gespro­chen aus gro­ßer Ent­fer­nung. Ich hör­te Anwei­sun­gen und Namen: Ohl­son, Ken­tao, Geral­di­ne. Auch Codes: Hil­la­rys­tep, Medu­sen­au­ge, Jennifer.five, Feder­li­bel­le, Ish­mael­knopf. Ich lag eine Wei­le wach, erin­ner­te mich an die Stim­men der Astro­nau­ten, wie sie erzäh­lend den Mond umrun­de­ten. Konn­te nicht wie­der schla­fen. Nun sit­ze ich am Tisch und koche Tee. Selbst über das Kochen kann man hier notie­ren, nichts scheint selbst­ver­ständ­lich. Ich wür­de ger­ne tele­fo­nie­ren. Ich schrei­be von Hand, es ist gut, dass ich von Hand schrei­be. In einem Moment ohne Strom, habe ich ange­fan­gen, von Hand auf Papier zu notie­ren, und ich wer­de wei­ter mit der Hand notie­ren, falls, das ist vor­stell­bar, der Strom wie­der aus­fal­len wird. Das Gefühl, ein Kind zu sein, wie ein Kind zu schrei­ben, unge­lenk, ohne jede Übung über vie­le Jah­re hin. — Noch kei­ne Anwei­sung, mei­ne Arbeit auf­zu­neh­men, kein Funk­spruch, kein Bote. Küh­ler Fisch auf der Zun­ge, fein, nahe­zu durch­sich­tig wie von Eis, wie von Schnee, zunächst kaum eine Wahr­neh­mung, dann aber, auf­flam­mend, groß­ar­ti­ger Geschmack, Gewür­ze: Wachol­der­bee­ren, Salz, Pfef­fer und Wind, und Sonne.

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17. DEZEMBER — 10:22 UTC / Drit­ter Tag Nord. Prä­zi­se Lage mei­ner Posi­ti­on nach wie vor nicht bekannt. Nie­mand ist bis­her gekom­men, um Kon­takt auf­zu­neh­men. Ich soll­te das Licht aus­schal­ten, soll­te nach Licht vor den Fens­tern suchen, viel­leicht ist das ein oder ande­re Haus mei­ner Umge­bung doch bemannt, das ist denk­bar, und je län­ger ich in die Dun­kel­heit spä­he, des­to inten­si­ver der Ein­druck selbst beob­ach­tet zu wer­den. Stern­schim­mern heu­te. Sobald ich das Eis von den Fens­tern krat­ze, wird das Licht­nest auf dem Fjord sehr deut­lich sicht­bar. Dann wie­der star­ker Schnee­fall wie ein Tuch, das noch das letz­te Licht ver­hüllt. — Wovon ich noch nicht notier­te: Ich bin glück­lich, in der ver­gan­ge­nen Nacht schlaf­los, habe ich auf der Suche nach Neu­ig­kei­ten im Zim­mer, ein Fern­rohr ent­deckt in einem der Schrän­ke hin­ter Jacken, die nach Öl rochen und Staub. Ich habe geahnt, dass im Haus ein Fern­rohr oder ein emp­find­li­ches Objek­tiv zu fin­den sein könn­ten. Unter Foto­gra­fien, die ich ent­deck­te, waren Auf­nah­men aus gro­ßer Ent­fer­nung. Der Mann, der die­ses Haus zu bewoh­nen scheint, beob­ach­tet das Meer und die Ber­ge und den Him­mel, auch Men­schen, die auf dem Fjord mit Kanu­schif­fen fah­ren oder Wan­de­rer. Da waren Auf­nah­men von Schif­fen, die vor der Insel vor Anker lagen, Auf­nah­men von Men­schen an der Reling, wie sie in die Son­ne schau­en oder auf das Was­ser zei­gen. Lei­der nur ein Fern­rohr, kein Foto­ap­pa­rat, aber ein Sta­tiv. Ich war in dem Moment, da ich das Fern­rohr ent­deck­te, glück­lich. Nach wie vor dich­tes Schnee­trei­ben.  Habe das Fern­rohr auf den Fjord hin aus­ge­rich­tet. Leich­ter Nebel. Auch ein schwa­ches Leuch­ten vom Eis her, das ich zunächst bereits wäh­rend der lan­gen Anfahrt über das Eis bemerk­te. Ich erin­ne­re mich an mei­ne Müdig­keit, und ich dach­te die­se Müdig­keit spiel­te mir Bil­der vor, die nicht exis­tier­ten, pul­sie­ren­des Licht, grün und gelb und oran­ge, zar­te Far­ben, als wür­de das Polar­licht vom Eis zurück­ge­ge­ben, als wür­de das Eis über ein Gedächt­nis verfügen.

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Sobald ich still sit­ze, pum­pen­de Geräu­sche in mei­nen Ohren. Und das Knis­tern des Eises auf dem Dach unter dem Schnee. Das Haus scheint zu spre­chen, knarzt, auch der Wind scheint zu spre­chen. Sobald ich vor die Türe tre­te, ver­mag ich das Eis zu hören von unten vom Fjord her, ein dunk­les fla­ckern­des Geräusch zu die­sem Zeit­punkt. Es ist denk­bar, dass ich Geräu­sche ver­neh­me, die, wie die Wahr­neh­mung der Far­ben des Eises, nur in mei­ner Vor­stel­lung exis­tie­ren. Dann wie­der Stim­men aus dem Funk, manch­mal nur ein Satz, nicht jeder Satz ver­ständ­lich. Die Stim­men wir­ken besorgt, kur­ze Kom­man­dos, pro­fes­sio­nel­le Per­so­nen, das ist vor­stell­bar, Ana­to­men, Foren­si­ker, Kri­mi­na­lis­ten, Polar­for­scher, alle dort unten in die­ser Licht­nuss gebor­gen seit fünf oder sechs Tagen rund um die Uhr. Das Eis, hör­te ich, soll an Stär­ke wie­der zuge­nom­men haben, kaum Ris­se. Ich warte.

 

/  Noe Moritz Pape berichtet
aus Uummannaq.
Teil 2
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