walgespräche

° januar / februar 2020

Noe Moritz Pape berich­tet von sei­ner Beob­ach­tung eines Fjor­des. Polar­nacht herrscht. Er blickt durch ein Fern­rohr hin zu einem Ort, der von elek­tri­schem Licht hell aus­ge­leuch­tet wird. Dort lie­gen eini­ge Frau­en und Män­ner auf dem Eis. Sie schei­nen, aus gro­ßer Ent­fer­nung betrach­tet, zu lau­schen. Auch sind Tun­nels durch das Eis getrie­ben, Mikro­fo­ne zeich­nen auf, was unter dem Eis im Meer zu hören ist.

Ein­mal notier­te ich Fol­gen­des: Seit ich erfah­ren habe, dass Buckel­wa­le zur Paa­rungs­zeit über eine Spra­che gebie­ten, die ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­chen ähn­lich sein soll, immer wie­der die Fra­ge, was ich unter einer ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­che ver­ste­hen könn­te, die atem­lo­se Spra­che der Lust viel­leicht oder die Spra­che der Chat­räu­me? Ob eine die­ser mensch­li­chen Spra­chen viel­leicht geeig­net wäre, sich mit­tels einer Pro­ze­dur der Über­set­zung von Wal zu Mensch zu ver­stän­di­gen? Wir könn­ten uns vom Land und von der Tief­see erzäh­len. Eine gran­dio­se Vor­stel­lung, auf hoher See Luft per­lend vor einem Wal zu schwe­ben und zu war­ten und zu wis­sen, dass er gleich, nach ein wenig Denk­zeit, zu mir spre­chen wird. Etwas also sagen oder sin­gen. Viel­leicht eine Fra­ge: Wie heißt Du, mein Freund? Oder : Ich hör­te von Bäu­men! — Es ist 2 Uhr 10 und ich bin sehr gut gelaunt, weil ich etwas Lich­ten­berg gele­sen habe. Er schreibt um das Jahr 1774 her­um: “Eine Fle­der­maus könn­te als eine nach Ovids Art ver­wan­del­te Maus ange­se­hen wer­den, die, von einer unzüch­ti­gen Maus ver­folgt, die Göt­ter um Flü­gel bit­tet, die ihr auch gewährt wer­den.” – Wie aber soll­te ich einem Wal­freund Abu-Ghraib, Gros­ny, Dar­fur, Sim­bab­we, Tibet und Bur­ma erklä­ren, das Fol­tern, das Okku­pie­ren, das offe­ne und das heim­li­che Töten von Men­schen­hand? Und wie den Hun­ger? Und wie das Schweigen?

Fol­gen­de Auf­nah­men wur­den am 22. April 2014 um 22.43 Uhr UTC nahe Grön­land von einer nor­we­gi­schen Ölplatt­form aus auf­ge­nom­men. Ich habe die­se selt­sa­men und beein­dru­cken­den Auf­nah­men auf der digi­ta­len Posi­ti­on: Lis­tening to The Deep ent­deckt. Geräu­sche jener Art, das ist denk­bar, waren mög­li­cher­wei­se unter dem Fjor­deis hör­bar zu einer Zeit, da Noe Moritz Pape in Uum­man­n­aq weilte.

 

 

 

/ Zeich­nung eines Moments
da eine Ton­auf­nah­me vom Eis
her auf­ge­nom­men worden
sein könn­te 
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