notizen aus uummannaq 3

° januar / februar 2020

Vor­sich­tig son­diert Noe Moritz Pape
sei­ne nächs­te Umge­bung. Er fer­tigt
Zeich­nun­gen eines Wal­kör­pers, so wie
er Jennifer.five mit eige­nen Augen
wahr­ge­nom­men haben will.

 

19. DEZEMBER10.22 UTC / Frü­her Vor­mit­tag. Seit weni­gen Minu­ten schwebt eine Droh­ne vor mei­nem Fens­ter, blickt in mein hel­les Zim­mer, Satel­lit, das ist denk­bar, einer künst­li­chen Son­ne, die noch immer bestän­dig das Fjor­deis beleuch­tet. Ich wer­de beob­ach­tet, wie ich hier sit­ze und in ein Notiz­buch schrei­be.

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19. DEZEMBER15.28 UTC / Erneut wan­dern Bären über das Eis, nähern sich nun ring­för­mig der Ber­gungs­stel­le, von weit­her schei­nen sie zu kom­men, wie ver­ab­re­det, als könn­ten sie mit­ein­an­der tele­fo­nie­ren. Sie sind der­art zahl­reich gewor­den, dass sie das Lager der For­scher sofort ein­neh­men könn­ten. Immer wie­der wei­chen sie zurück, sprin­gen vom Eis hoch in die Luft, schei­nen ver­un­si­chert zu sein, ver­schwin­den für eine Wei­le in der Dun­kel­heit, um dann wie­der her­an­zu­kom­men. Ihre leuch­ten­den Augen, wenn ich das Fern­rohr in die Dun­kel­heit rich­te, sehr selt­sam. Der locken­de Duft des ver­en­de­ten Wals auf dem Eis, das ist denk­bar, und Men­schen, lang­sa­me Wesen, da und dort Kämp­fe, sie grei­fen ein­an­der an, auch jun­ge Eis­bä­ren sind gekom­men im Schat­ten ihrer Müt­ter.

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19. DEZEMBER — 18.08 UTC / Lösch­te das Licht, um in die Dun­kel­heit zu spä­hen. Ein wei­te­res Nest nun von Dun­kel­heit, wie in allen Häu­sern an den Berg­hän­gen, Nes­ter von Dun­kel­heit, ver­las­sen oder nicht. — Zum ers­ten Mal, seit ich den­ken kann, habe ich den Ein­druck, das Schrei­ben von Hand sei siche­rer als das Schrei­ben mit einer elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne, nie­mand wird aus der Fer­ne in der Lage sein zu lesen, was ich von Hand notie­re. Ich bin geschmei­dig gewor­den in der Arbeit hand­schrift­li­chen Notie­rens. Ich  beob­ach­te mei­ne schrei­ben­den Hän­de. Mei­ne Rei­se in den Nor­den lehrt mich das Schrei­ben von Hand, und wie sich das Den­ken ver­än­dert, wenn ich mit  Hän­den schrei­be mit einem Blei­stift und nicht auf einer Tas­ta­tur. Sobald ich sage: Mei­ne schrei­ben­den Hän­de, spre­che ich von Hän­den, die ich lan­ge Zeit nicht wahr­ge­nom­men habe. Von Dun­kel­heit umge­ben ver­mag ich sehr gut zu den­ken. Es ist sehr selt­sam in die­sem Zim­mer zu sit­zen in der Nähe der Hän­de eines Man­nes, des­sen Stim­me ich höre, des­sen gespro­che­ne Wör­ter, die ich in Schrift über­tra­ge, so sorg­fäl­tig es mir mög­lich ist. Ich wer­de Joe Ellis Hän­de mit mir neh­men, ich wer­de sie bestat­ten.

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19. DEZEMBER — 22.17 UTC / Habe einen Spa­zier­gang unter­nom­men, dann einen wei­te­ren Spa­zier­gang, Exkur­sio­nen in mei­ne nächs­te Nähe. Ich stieg weni­ge Meter auf­wärts. Eini­ge Stu­fen waren morsch. Der Schnee fein wie Sand, ein leich­ter Wind ging, der den Schnee beweg­te, Wir­bel bil­de­te und klei­ne­re Lawi­nen lös­te. Hel­les Stein­werk da und dort, feu­er­rot, auch blau von Flech­ten, die sich in der eisi­gen Wind­käl­te wohl zu füh­len schei­nen. Links und rechts der Stei­ge, lager­ten Stahl­fäs­ser und Plan­ken von Schif­fen. Da war ein Röh­ren­fern­seh­ge­rät, Bild­schirm zer­bro­chen, ein Fahr­rad und ein Kin­der­wa­gen. Ich bemerk­te, dass ich mei­ne Ori­en­tie­rung ver­lie­ren könn­te und kehr­te zurück. Ich stieg abwärts, es war ein lan­ger Abstieg, kein wei­te­res Haus als ein Haus, das ich bereits im Licht der Signal­fa­ckeln wahr­ge­nom­men hat­te. Eine sehr stei­le Trep­pe, ich stieg wei­ter und erreich­te die Flä­che des Fjor­dei­ses, tie­fer Schnee dort, Wehen, die sich meter­hoch türm­ten. Der Wind hat­te mei­ne eige­nen Spu­ren längst von den Holz­boh­len gefegt. Ich könn­te an die­sem Ort spur­los ver­schwin­den, das ist denk­bar, ein tief­ge­fro­re­ner Zeu­ge wer­den.

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20. DEZEMBER — 6.55 UTC / Bewe­gung an die­sem Mor­gen drau­ßen vor dem Fens­ter auf dem Fens­ter­brett. Ich beob­ach­te­te Eis­kä­fer, blau und grün und schnee­weiß, tat­säch­lich schein­bar voll­kom­men von Eis, beweg­ten sich die Käfer flink, wun­der­ba­re Erfin­dun­gen in der Gestalt mit­tel­eu­ro­päi­scher Pil­len­dre­her. Die Käfer dreh­ten kugel­för­mi­ge Gebil­de von feins­ten Grä­sern und Stäu­ben, Kunst­stoff­fa­sern, die der Wind her­an­schlepp­te, Petro­le­um, Asche, Kno­chen, all das für einen Käfer im Schnee auf­find­ba­re Mate­ri­al, das nicht von gefro­re­nem Was­ser ist. Ich habe noch wei­te­re selt­sa­me Din­ge geträumt.

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20. DEZEMBER — 9.33 UTC / Wie­der ohne Strom. Fal­len­de Tem­pe­ra­tur im Zim­mer, sehr plötz­lich. Es ist stock­fins­ter, der Him­mel bedeckt, kein Schnee­fall. Auch das Licht auf dem Fjord ist nahe­zu unsicht­bar. Nur ein Nach­leuch­ten in mei­nen Augen, viel­leicht weil ich tage­lang durch die Lin­se mei­nes Fern­roh­res starr­te. Stirn­lam­pen zahl­rei­cher Men­schen undeut­lich, die sich zu Grup­pen ver­sam­mel­ten. Sonst kei­ner­lei Licht über dem Eis, aber ein sehr schwa­ches Leuch­ten, das durch das Eis selbst zu drin­gen scheint, oran­ge und grün und blau, als wür­den Wol­ken kleins­ter Licht­teil­chen sich unter dem Eis bewe­gen, sich mit Licht infi­zie­ren, das ist denk­bar, oder Meer­wal­nüs­se, die vom Süden in den Nor­den zie­hen.

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20. DEZEMBER12.05 UTC / Es wird immer käl­ter. Ich mache mir Sor­gen. Dun­kel­blau­es Leuch­ten über den Ber­gen jen­seits des Fjor­des, sanft. Der Schnee scheint wäh­rend der ver­gan­ge­nen Nacht von hef­ti­gen Win­den davon gefegt wor­den zu sein, Fäden gefan­ge­ner Luft zie­hen sich längs über den Fjord durch das Eis, kaum sicht­bar im Licht der Däm­me­rung. Auch sind Spal­ten und Ris­se zu erken­nen, die Umris­se eines Berg­rü­ckens jen­seits des Fjor­des, so undeut­lich, dass mei­ne Augen ihn erfun­den haben könn­ten. Eine Kara­wa­ne von Stirn­lich­tern bewegt sich abwärts zum Fjord hin. Kei­ne Eis­bä­ren, sehr selt­sam, alle sind ver­schwun­den, trotz bes­ter Bedin­gun­gen zur Jagd. Denk­bar, dass sie noch in der Nähe sind, nicht län­ger auf dem Eis, aber viel­leicht auf dem Fest­land, auch viel­leicht auf der Insel. Bald wird es wie­der stock­fins­ter gewor­den sein. Ich habe mei­ne Hand­schu­he prä­pa­riert, ihre Spit­zen ent­fernt, mit klam­men Fin­ger notie­re ich, kaue auf etwas Fett her­um, das beru­higt, das beru­higt nicht wirk­lich gründ­lich.

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20. DEZEMBER — 17.03 UTC / Seit einer Stun­de wie­der Licht, es wird wär­mer im Haus. Auch auf den Fjord ist das Licht zurück­ge­kehrt, Licht, das kräf­ti­ger zu sein scheint als je zuvor. Groß­ar­ti­ge Licht­blu­men blü­hen über dem Kada­ver des Wals. Men­schen glei­ten über das Eis dahin als, als trü­gen sie Schlitt­schu­he. Ich habe den Ein­druck, die Zahl der Men­schen in der Umge­bung des Kada­vers nimmt zu. Lei­tern leh­nen da und dort an den hoch auf­ra­gen­den Kör­per­wän­den, man scheint nach Zugän­gen zu suchen, Haut wur­de ent­fernt. Men­schen zie­hen mit aller Kraft in grö­ße­ren Grup­pen an Sei­len, die Haut des Wales löst sich tat­säch­lich, stei­fe, scha­len­för­mi­ge Gebil­de glei­ten oder fal­len auf das Eis und das Fleisch des Wales tritt dun­kel zuta­ge. Auch auf der nicht sicht­ba­ren Sei­te des Wal­kör­pers scheint gear­bei­tet zu wer­den. Unter dem Eis glei­ten hel­le Schat­ten hin und her, Schat­ten, die ein­mal ost­wärts, dann wie­der west­wärts sich krei­send bewe­gen, mäch­ti­ge Tie­re.

Ent­wurf : Jen­ni­fer. five nach einer Zeich­nung
die von Noe Moritz Pape in sei­nem Notiz­buch
mit­tels Blei­stift ange­fer­tigt
wur­de. 

 

21. DEZEMBER — 4.15 UTC / Tran­skrip­ti­on der Berich­te Joe Ellis abge­schlos­sen. Ich hör­te letz­te Sät­ze, wel­chen kei­ne wei­te­ren Sät­ze folg­ten. Das Magnet­band scheint ohne nach­fol­gen­de Infor­ma­ti­on zu sein, läuft stumm und ste­tig vor sich hin. Stil­le, kein Wort, auch kein Mee­res­ge­räusch. Aber ein Sturm, ein neu­er Sturm, als wäre er gera­de wie aus dem Nichts erfun­den, tost um das Haus. Schnee fällt und der Wind pfeift über das Dach, als wür­de er üben. Mein Note­book mit mei­ner Tran­skrip­ti­on der Berich­te Joe Ellis ruht noch immer auf dem Tisch in der Mit­te des Zim­mers. Nach einer Stun­de Magnet­band­stil­le, habe ich das Signal gesen­det, dass ich mei­ne Arbeit been­det habe. Ich weiß nicht, ob man mich wahr­neh­men wird. Ich war­te.

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21. DEZEMBER — 11.06 UTC / Ich war ein­ge­schla­fen. Ohne es bemerkt zu haben, wur­de ich schläf­rig. Träum­te Ele­fan­ten, wie sie über Eis wan­der­ten, eine Rei­he von Ele­fan­ten, ein Ele­fant hielt einen wei­te­ren Ele­fan­ten an sei­nem Schwanz, und so schrit­ten sie gemäch­lich über den tief­ge­fro­re­nen Fjord. Sie waren zier­lich, ihrer Erschei­nung vor der Sil­hou­et­te eines rie­si­gen auf dem Eis lie­gen­den Wales. Sie leuch­te­ten in Blau und Rot, ein wun­der­ba­res Bild, ein Mann schritt vor ihnen her, schien sie zu füh­ren, kein Laut, aber das Knis­tern und Grol­len des Eises. — Der Funk ist zurück­ge­kehrt. Spär­li­che Nach­rich­ten aus nächs­ter Nähe, es blei­be nicht mehr viel Zeit, das Eis bewe­ge sich, Sturm weit drau­ßen auf dem Meer. Auch sind wie­der Stim­men zu ver­neh­men von der Son­de unter dem Eis, ver­mut­lich Geräu­sche des Eises, aber auch Stim­men der Wale, die unter dem Fjor­deis krei­sen, freund­li­che Stim­men. Welch wun­der­ba­re Vor­stel­lung dort unten in der Dun­kel­heit in einem Tau­cher­an­zug Luft per­lend vor einem Wal zu schwe­ben und zu war­ten und zu wis­sen, dass er gleich, nach ein wenig Denk­zeit, ent­we­der mich ver­zeh­ren oder zu mir spre­chen wird. Etwas also sagen oder sin­gen, das nur für mich bestimmt ist. Viel­leicht eine Fra­ge: Wie heißt Du, mein Freund? Oder: Ich hör­te von Bäu­men!

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21. DEZEMBER — 14.37 UTC / Noch kei­ne Stun­de ist ver­gan­gen, seit ich im Licht­schein mei­nes Fens­ters einen Hund bemerk­te, der wild im Schnee grub. Er sah mich kurz an, dann mach­te er wei­ter. Ich dach­te, er baue viel­leicht ein Schnee­nest, um zu schla­fen, aber der Hun­de leg­te sich nicht nie­der, er schien viel­mehr nach etwas zu suchen. Ein­mal hob er sei­nen Kopf in die Luft und heul­te wie ein Wolf. Sofort leuch­te­te ein star­ker Schein­wer­fer vom Fjords aus in Rich­tung des Dor­fes, tas­te­te sich suchend von Haus zu Haus. Ich mein­te im grel­len Licht Far­ben der höl­zer­nen Haus­wän­de zu erken­nen, gelb, grün, oran­ge, blau und rot. Auch dut­zen­de Kanis­ter und Sei­le, an wel­chen gefro­re­ne Fisch­kör­per im Wind flat­ter­ten, sie hat­ten sich nahe­zu auf­ge­löst, waren in Tei­len davon geflo­gen, da und dort Pla­nen, von Stei­nen beschwert, auch zwei klei­ne Boo­te auf dem Kopf. Ruhig streif­te der Licht­fin­ger Minu­te um Minu­te hin und her..

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21. DEZEMBER — 20.14 UTC / Der Funk berich­tet, Spal­ten sei­en sicht­bar gewor­den. Auch berühr­ten Rücken der krei­sen­den Wale die Unter­flä­che des Eises. Habe Joe Ellis Ton­auf­nah­me­ge­rät in Foli­en luft­dicht ver­packt, wie sei­ne Hän­de. Schutz­klei­dung ist vor­be­rei­tet, Werk­zeu­ge und Note­book sind ver­staut, ich könn­te jeder­zeit auf­bre­chen.

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22. DEZEMBER — 8.21 UTC / Schweiß­nass erwacht. Licht vor dem west­li­chen Fens­ter. Zwei Per­so­nen näher­ten sich, Kapu­zen tief ins Gesicht gezo­gen. Sie dampf­ten aus dem Mund, beweg­ten sich lang­sam, unter­such­ten jede ein­zel­ne Stu­fe der Trep­pe, fuh­ren mit Sen­so­ren über das Holz und die Stei­ne. Sie kamen bald näher her­an, bemerk­ten, dass ich sie beob­ach­te­te, schau­ten mich freund­lich an, unter­such­ten nun auch das Mau­er­werk mei­nes Hau­ses, Türen und Fens­ter­rah­men. Eine wei­te­re Stun­de waren sie zu sehen, das Licht ihrer Lam­pen. — Tosen­der Wind wie­der seit eini­gen Minu­ten. Der Wind kam sehr plötz­lich, zerr­te am Haus und feg­te Schnee gegen das Fens­ter zum Fjord. Kein Blick mög­lich zu die­sem Zeit­punkt. Kein Licht aus der Tie­fe unter mir. Dann plötz­lich wie­der Stil­le. Kla­re Luft. Über den Rücken des Wales, der weit­hin sei­ne Haut ver­lor, lau­fen Men­schen, Lawi­nen sau­sen über das gefro­re­ne Fleisch, eine Seil­win­de, die ges­tern nahe des Kada­vers im Eis ver­schraubt wor­den war, ist ver­schwun­den. Habe eine Sup­pe gekocht, eine Sup­pe früh am Mor­gen, es riecht streng im Zim­mer, auch von mir selbst.

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22. DEZEMBER — 12.01 UTC / Dampf steigt auf, schwe­re Wol­ken wei­ßen Damp­fes, die weni­ge Meter über dem Wal sich in Eis­g­rau­pel zu ver­wan­deln schei­nen. Mehr­fach näher­ten sich Schlit­ten der Ber­gungs­stel­le, sie kamen, von Men­schen gezo­gen, aus der Dun­kel­heit. 16° Cel­si­us unter null. Vor dem Haus ste­hend, ver­neh­me ich vom Fjord her nicht ein ein­zi­ges Geräusch, ein Labor vol­ler Licht, aber ohne Geräusch, Stumm­film­sze­nen. Vor die­sen Bil­dern ste­hend, möch­te ich mei­nen, taub gewor­den zu sein. Wie­der groß­ar­ti­ge Licht­spie­le am Him­mel, die die Land­schaft beleuch­ten, auch Häu­ser mei­ner Nach­bar­schaft, einen Berg von Schu­hen etwas wei­ter rechts, den Turm einer Kir­che, eini­ge Fäs­ser, ver­ros­tet, und Schlit­ten, gesta­pelt, gebors­te­ne Kufen, alles, als wäre es bemalt von den Far­ben des Him­mels, die über die Fel­sen, den Schnee, die Häu­ser, über das Eis des Fjor­des wan­dern, als wären sie Mil­lio­nen leuch­ten­der Pig­men­ta­mei­sen, die der Dun­kel­heit wider­spre­chen.

Wal­ge­sprä­che
auf­ge­nom­men nahe
Grön­land.

 

22. DEZEMBER — 15.12 UTC / Plötz­lich war der Hund wie­der da. Ich hör­te zunächst, wie er an der Tür schnüf­fel­te, ein Krat­zen, ich sah aus dem Fens­ter, öff­ne­te die Tür und der Hund kam her­ein. Der Hund war ver­letzt, ein schnee­wei­ßer Hus­ky, der sich unter den Tisch leg­te, und sofort ein­zu­schla­fen schien. Ich such­te nach Pflas­tern, ent­deck­te eine Blech­box mit Fisch­kö­dern, getrock­ne­te Libel­len, die ihre schil­lern­den hauch­zar­ten Flü­gel über eiser­ne Haken fal­te­ten.  Zwei Stun­den spä­ter schlich sich der Hund davon.

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23. DEZEMBER — 0.12 UTC / Ich war­te. Sit­ze Stun­de um Stun­de am Fens­ter und schaue gegen den Him­mel. Zwei­mal schlief ich ein. Ich schlief nur kur­ze Zeit. Wei­ter­hin Schat­ten der krei­sen­den Wale unter dem Eis, Funk­stim­men spär­lich, Stim­men, die vom Wet­ter berich­ten, auch Namen, die auf­ge­ru­fen wer­den, Stim­men jun­ger Män­ner und Frau­en, die sich, das ist denk­bar, gegen­sei­tig ihrer Gegen­wart ver­ge­wis­sern, als könn­ten sie jeder­zeit ver­schwun­den sein. Ber­ge gefro­re­nen Wal­flei­sches tür­men sich auf dem Eis.

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23. DEZEMBER — 2.12 UTC / Es ist inmit­ten der Nacht, ein Zeit­ort, da ich eigent­lich zu schla­fen wünsch­te. Sobald ich mich selbst befra­ge, bemer­ke ich, dass ich mich zu fürch­ten begin­ne. Noch immer erhal­te ich kei­ne Mel­dung, ob mei­ne Arbeit für gut befun­den wur­de. Ich habe einen ers­ten Blei­stift zu Ende geschrie­ben, ich begin­ne nun mit einem zwei­ten Blei­stift, ich habe einen drit­ten Blei­stift, über einen vier­ten Blei­stift ver­fü­ge ich nicht. Ich fürch­te, bald wird das elek­tri­sche Licht wie­der ver­schwin­den, und auch die Wär­me.   

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23. DEZEMBER — 5.27 UTC / Hör­te Flos­sen auf Stein und Holz. Ein Geräusch, das ich nicht erklä­ren konn­te, Geräu­sche, als wür­de ein Vogel­schwarm wie­der und wie­der gegen den Him­mel stei­gen, tau­sen­de flat­tern­der Tau­ben. Was ich hör­te, waren flie­hen­de Rob­ben, hun­der­te, die sich im Fjord viel­leicht in Ufer­nä­he ver­sam­mel­ten hat­ten. Sie flo­hen ins Dorf, ein Rob­ben­schwarm, leuch­ten­de Augen. Sie kämpf­ten sich über Trep­pen auf­wärts, wie von Schnee gepu­dert, dampf­ten, umflu­te­ten kräch­zend und hupend das Haus, um wei­ter hin­auf­zu­stei­gen. Kurz dar­auf kamen sie zurück, stürz­ten, eine Woge grau­er Kör­per über Trep­pen und Fel­sen, über­schlu­gen sich, schnapp­ten nach Luft, gaben lei­se röh­ren­de Lau­te von sich, die schmerz­ten, die­se Ver­zweif­lung.

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23. DEZEMBER — 9.06 UTC / Frü­her Mor­gen, Eis­bä­ren nähern sich. Hun­der­te Eis­bä­ren, wie mir scheint, kom­men vom offe­nen Meer kämp­fend her­an. Auch schei­nen sie sich nicht nur für die Ber­gungs­stel­le auf dem Eis zu inter­es­sie­ren, son­dern auch für das Dorf, sind kaum wei­ter als ein oder zwei Kilo­me­ter ent­fernt. Ich habe in Panik nach Muni­ti­on gesucht für das Gewehr in mei­nem Zim­mer, zunächst ver­geb­lich. Ich war hin­über zum Nach­bar­haus gekro­chen und durch­such­te im Licht mei­ner Stirn­lam­pe Zim­mer für Zim­mer. In der Küche hin­ter Kon­ser­ven ent­deck­te ich Waf­fen, eine Signal­pis­to­le, Patro­nen.

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23. DEZEMBER — 10.08 UTC / Wie­der habe ich eine Erkun­dung mei­ner nächs­ten Nähe unter­nom­men. Ich bin unter dem Ein­druck man­geln­den Schla­fes viel­leicht mutig gewor­den, stieg eini­ge Meter auf­wärts. Im Licht mei­ner Stirn­lam­pe Stu­fen einer Trep­pe, zahl­rei­che Stu­fen sind zer­bors­ten, Fäs­ser und Plan­ken lie­gen über das fel­si­ge Gelän­de ver­teilt. Da waren drei tote Rob­ben, tief­ge­fro­re­ne Augen, schwe­re Tie­re, ich beweg­te mich gebückt, jeder­zeit bereit eine Signal­fa­ckel zu zün­den, jeder­zeit bereit zu flüch­ten.

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23. DEZEMBER — 14.58 UTC / Zwei Stun­den lang arbei­te­te ich kon­zen­triert an der Vor­stel­lung, die­ses Haus, die­ses Dorf, die­sen Fjord sofort zu ver­las­sen. Ich könn­te zum Meer hin abstei­gen, dach­te ich, könn­te ver­su­chen in der Dun­kel­heit den Fjord zu über­que­ren. Ich besit­ze einen Ruck­sack voll Wal­fleisch und getrock­ne­tem Dorsch, zwei Behäl­ter Was­ser, außer­dem eine Eis­bä­ren­fell­ho­se, Joe Ellis Hän­de und sein Ton­auf­nah­me­ge­rät, mein Notiz­buch und zwei Blei­stif­te. Ich erwar­te den Moment, da ich spü­ren wer­de, dass ich auf­zu­bre­chen habe. In der Däm­mer­zo­ne des künst­li­chen Lichts unter mir spie­len Bären. Auf dem Eis, in unmit­tel­ba­rer Nähe des Kada­vers, ruht das Herz eines Wales.

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23. DEZEMBER — 22.12 UTC / Der Schuss hall­te weit­hin über das Eis, brach sich an den Fel­sen des gegen­über­lie­gen­den Lan­des, und kehr­te wie­der zurück. Ein wun­der­ba­res hell­blau­es Licht stieg über mir auf, das den Fjord weit­hin erhell­te. Der Eis­bär, er war dicht an das Haus her­an­ge­kom­men, hat­te sich vor mir hoch auf­ge­rich­tet, er gab einen tie­fen röh­ren­den Ton von sich und sprang mit einem Satz in die Dun­kel­heit zurück. Der Don­ner, den ich aus­ge­löst hat­te in mei­ner Not, war noch zu hören als der Eis­bär längst ver­schwun­den gewe­sen war. Zit­ternd kehr­te ich in das Haus zurück. Im Funk auf­ge­reg­te Stim­men, Rufe, Fra­gen, Flü­che. Es ist nun fol­gen­des tra­gi­scher­wei­se zu berich­ten: Das Eis nahe des Wal­ka­da­vers war gebors­ten, der Kopf eines Wales rag­te aus dem Was­ser. Kurz dar­auf erschien im Nor­den, weit von der Ber­gungs­stel­le ent­fernt, ein wei­te­rer Wal, der mit hoher Geschwin­dig­keit über das Eis hin rutsch­te, er brach ein, um erneut an der­sel­ben Stel­le anzu­grei­fen, ein Fias­ko, ein Infer­no, dem ich bei­woh­nen durf­te. Ich beob­ach­te­te Men­schen, wie sie über das Eis flüch­te­ten, Funk­ge­räu­sche bra­chen ab. Auch wur­den Ber­gungs­zel­te ins dunk­le Was­ser geris­sen und ver­schwan­den in rie­si­gen Mäu­lern. Ich zähl­te acht oder neun Angrei­fer. Dann wur­de es still, das Eis war weit­hin auf­ge­bro­chen, eine rie­si­ge dunk­le Flä­che. Ich stand ganz still, das Auge ohne Unter­bre­chung an das Fern­rohr gepresst, kaum noch Licht. Ein Mann tor­kel­te an mei­nem Haus vor­bei, ein Arm war abge­ris­sen, er blu­te­te. Das Licht im Haus erlosch.

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23. DEZEMBER — 3.15  UTC / Funk­stil­le, nicht ein­mal Knis­tern oder Pfei­fen. Kalt ist es gewor­den und wird immer käl­ter. Ich rei­be mir die Hän­de, gehe auf und ab. Ich wer­de bald auf­bre­chen nach Süd­wes­ten. Ich wer­de das Eis über­que­ren zum Fest­land hin. Ich wer­de mich fürch­ten. Ich fürch­te mich bereits in die­sen Minu­ten in unbe­kann­ter Wei­se. Vor etwa zwei Stun­den sind Droh­nen­vö­gel zurück­ge­kehrt, schwe­ben über dem Fjord, beleuch­ten suchend das Eis, das geschlos­sen ist, kein Mensch, kein Gegen­stand zu sehen. Es ist als wäre nie etwas dort gewe­sen. Weder Men­schen, noch Eis­bä­ren, noch Wale. Ich habe ver­geb­lich Zei­chen gege­ben. Ich wer­de nun das Haus ver­las­sen. Es ist der 24. Dezem­ber kurz nach Mit­ter­nacht. Im Licht mei­ner Kopf­lam­pe notie­re ich in mein Notiz­heft. Ich wer­de mei­ne Auf­zeich­nun­gen zurück­las­sen. Viel­leicht wer­de ich zurück­keh­ren, weil ich kei­nen Aus­weg fin­de, das ist denk­bar, dann wer­de ich wei­ter schrei­ben. Ich hof­fe, dass ich wei­ter­schrei­ben wer­de. Ich spü­re wie es käl­ter wird. Vor den Fens­tern nun abso­lu­te Dun­kel­heit. Ich bre­che auf, leb­lo­se Schreib­ma­schi­nen, Joe Ellis Ton­auf­nah­me­ma­schi­ne und sei­ne Hän­de im Gepäck. Ich wer­de, solan­ge mög­lich, auf Notiz­zet­teln notie­ren, die ich dem Wind über­ge­be. Noe Moritz Pape, 24. Dezem­ber 2018

/ Die­se Zei­len wur­den
in Uum­man­n­aq ent­deckt.

 

/ Atlan­ti­sche Depe­schen.
Joe Ellis berich­tet über
sei­nen Besuch an Bord
der MS Seatown.
Tran­skrip­ti­on von
Noe Moritz Pape
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