radargeschichten

° januar / februar 2020

Jede Geschich­te, jeder Gedan­ke, jeder Bericht, scheint in dem Moment sei­ner Doku­men­ta­ti­on mit­tels einer Schreib­ma­schi­ne zu einem Lebe­we­sen zu wer­den, das sich mit befreun­de­ten Lebe­we­sen zu unter­hal­ten wünscht. Wei­te­re Gedan­ken und Geschich­ten ent­ste­hen wie aus dem Nichts. Oft habe ich geglaubt, dass ich nicht eigent­lich den­ke oder suche, wenn ich schrei­be, dass viel­mehr, wenn mir etwas ein­fällt, etwas von Außen her­ein­fällt, nicht von Innen her­aus. Es schneit sozu­sa­gen Gedan­ken und Geschich­ten, nie­mals Still­stand, immer­zu Bewe­gung. In einem Moment der Stil­le beob­ach­te­te ich ein­mal ein Bücher­re­gal, das in mei­nem Arbeits­zim­mer steht. Ich mein­te, ein Geräusch wahr­ge­nom­men zu haben, in etwa hör­te sich das so an, als wür­de man ein Ohr an ein Bam­bus­rohr legen, durch wel­ches Kie­sel­stei­ne fal­len. Zunächst mel­de­te sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befin­den, die ich noch nicht gele­sen habe, war­ten­de Bücher, sagen wir, Mah­nen­de. Kurz dar­auf wan­der­te das Geräusch in die Mit­te des Regals, Chris­toph Rans­mayr klim­per­te, John Ber­ger, Janet Frame, Anto­nio Tabuc­chi. Ich hat­te für eini­ge Minu­ten den Ein­druck, das Geräusch oder sei­ne Ursa­che könn­te sich ver­viel­fäl­tigt haben. Wenn nun Fol­gen­des gesche­hen wäre, dass sich die Bücher mei­nes Regals in Funk­bü­cher ver­wan­del­ten …

… in Bücher, die nur vor­ge­ben Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Sei­ten ver­fü­gen, die eigent­lich Bild­schir­me sind, die man umblät­tern kann, dann wäre denk­bar, dass ich jenes typi­sche Geräusch ver­nom­men habe, das in genau dem Moment ent­steht, da der Autor eines Buches mit­tels Funk­wel­len eine erneu­er­te Fas­sung sei­nes Wer­kes in die Zim­mer der Welt ent­sen­det. Ich muss dar­über nach­den­ken, was die Mög­lich­keit oder die Exis­tenz der Funk­bü­cher bedeu­ten wür­de für das Schrei­ben, für das Erfin­den, für Anfang und Ende einer Geschich­te. Und wenn nun Jean Pauls Komet in mei­nem Zim­mer rascheln wür­de, oder Dan­tons Tod, Georg Büch­ner? — Eine Aus­wahl jener Geschich­ten, die im Pro­zess mei­ner Arbeit an Jennifer.five für mich wahr­nehm­bar wur­den und wei­ter­hin wahr­nehm­bar sein wer­den, habe ich an die­sem Ort gesam­melt. Sie sind Radare und zugleich sind sie Satel­li­ten­tex­te der Berich­te Joe Ellis und Noe Moritz Papes.

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