eine meerwalnuss

° januar / februar 2020

In einem Aqua­ri­um begeg­ne­te ich einem Nadel­pferd­chen. Die­se Begeg­nung war viel­leicht der ers­ten Begeg­nung eines Kin­des mit einer Weih­nachts­ku­gel ver­gleich­bar. Ich konn­te mei­nen Blick von dem fili­gra­nen Wesen, das hin­ter etwas Glas vor mir laut­los im Was­ser schweb­te, nicht wen­den. Ich war ganz sicher nicht der ers­te Mensch gewe­sen, den die­ses fei­ne Wesen im Aqua­ri­um wahr­ge­nom­men haben moch­te, hun­dert­tau­sen­de Augen­paa­re, Nasen, Fin­ger, Men­schen eben da drau­ßen hin­ter den Schei­ben, unge­fähr­li­che, manch­mal klei­ne Men­schen, die auf den Armen oder Schul­tern gro­ßer Men­schen hock­ten. Vor eini­gen Mona­ten bemerk­te ich in einem Film­do­ku­ment eine Meer­wal­nuss, wun­der­ba­re Bezeich­nung, ihr Leuch­ten, und wie­der konn­te ich mich nicht abwen­den, habe meh­re­re Stun­den über Meer­wal­nüs­se geforscht in der digi­ta­len Sphä­re. Die Schei­be des Aqua­ri­ums war nun ein Bild­schirm, Blick nur in eine Rich­tung, kei­ne eigent­li­che Begeg­nung, viel­mehr Beob­ach­tung. Ich soll­te bald ein­mal einen Ver­such unter­neh­men, Meer­wal­nüs­se tat­säch­lich leib­haf­tig dort zu besu­chen, wo sie leben, wer weiß wie lan­ge noch. Ich erin­ne­re mich an einen Rei­se­be­richt, den Lud­wig Hohl notier­te. Dort fol­gen­de Zei­le: 8 Uhr 30. Meer. — Meer leer. stop. Beob­ach­tungs­zeit = Belich­tungs­zeit. In der ver­gan­ge­nen Nacht wie­der ein Traum vom Mann, der vor einem Aqua­ri­um sitzt und einen Schwarm dun­kel­blau­er Fische betrach­tet. Als ich hin­zu­trat, hör­te ich, dass der Mann mit lei­ser Stim­me Zah­len flüs­ter­te. Ich frag­te ihn, was er denn berech­nen wür­de, und der Mann ant­wor­te­te, dass er die Fische zäh­le, dass er sich nicht sicher sei, ob es sich bei dem Schwarm blau­er Fische, um einen Schwarm von 1556 oder von 1557 Ein­zel­per­so­nen han­de­le. stop. Ist das wil­de Spiel der Polar­lich­ter am Him­mel aus einer Tie­fe von 70 Metern unter der Mee­res­ober­flä­che vor Neu­fund­land noch zu erken­nen?

 

/ Ein Bär in mei­nem
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