ein brief nach indien

° januar / februar 2020

So könn­te die Ent­de­ckung einer Geschich­te, die von Jennifer.five erzählt, im Jahr 2014 an irgend­ei­nem son­ni­gen Tag Ende Okto­ber ihren Anfang genom­men haben. Ich sen­de­te damals einen Brief nach Kal­kut­ta, stun­den­lang hat­te ich die Stadt zu jenem Zeit­punkt bereits in der digi­ta­len Sphä­re aus der Fer­ne mei­nes  Bild­schirms beob­ach­tet. Ich ermit­tel­te in Stra­ßen­ver­zeich­nis­sen der rie­si­gen Metro­po­le, such­te nach einem Haus, nach einer pos­ta­li­schen Anschrift, um einen Brief an eine nicht exis­tie­ren­de Per­son sen­den zu kön­nen. Das war näm­lich so gewe­sen, dass ich eine Ant­wort der indi­schen Post zu erhal­ten wünsch­te, eine Rück­sen­dung mei­nes ursprüng­li­chen Brie­fes, ver­se­hen mit dem Ver­merk, der Brief kön­ne nicht zuge­stellt wer­den. Ich habe auf die­sen ers­ten Ver­such einer pos­ta­li­schen Son­de hin lei­der kei­ne Ant­wort erhal­ten. Auch ein Brief nach Peking, den ich in der der­sel­ben Art und Wei­se ver­schick­te, lös­te sich ver­mut­lich in einem Zer­klei­ne­rungs­ge­rät auf oder lagert seit­her in einem Maga­zin unzu­stell­ba­rer Briefe.

Viel­leicht wer­den Sie sich fra­gen, wie mein Wunsch unzu­stell­ba­re Brie­fe zu ver­sen­den, ent­stan­den sein könn­te. Ver­mut­lich des­halb, weil ich ent­deck­te, wie schön sie anzu­se­hen sind, sofern sie zurück­keh­ren, bun­te Schrift­stü­cke, mit exo­ti­schen Stem­peln ver­se­hen, die über­haupt eben weit gereist, manch­mal Mona­te lang unter­wegs gewe­sen sind. Eines die­ser wun­der­ba­ren Rei­se­ge­schöp­fe hielt ich vor vie­len Jah­ren per­sön­lich in Hän­den. Das Luft­post­do­ku­ment, ein Kuvert ohne Inhalt, ruh­te auf mei­nem Schreib­tisch. Als ich das Cou­vert genau­er betrach­te­te, das heißt, als ich den Brief so nahe an mei­ne Augen her­an­führ­te, dass ich die Stem­pel­ein­trä­ge sei­ner Anschrif­ten­sei­te ohne Bril­le ent­zif­fern konn­te, bemerk­te ich, dass der Brief bereits vor lan­ger Zeit in Euro­pa auf­ge­ge­ben und über den Atlan­tik geflo­gen wor­den war. In Sant­ia­go de Chi­le dann ange­kom­men, konn­te der Brief nicht zuge­stellt wer­den, ver­mut­lich weil die Zei­chen, die den Brief ursprüng­lich beschrif­te­ten, kaum zu ent­zif­fern gewe­sen waren. Nach eini­gen Wochen War­te­zeit, reis­te der Brief, nun mar­kiert mit einem Schild­chen in blau­er Far­be: Impo­si­ble de ent­re­gar!, über den Atlan­tik zurück, um sich nur weni­ge Tage spä­ter erneut auf den Weg über das Meer nach Chi­le zu bege­ben. Ein wei­te­rer Schrift­zug war hin­zu­ge­kom­men, ein fei­ner, aber groß­zü­gi­ger Stem­pel­auf­druck: Die­se Sen­dung wur­de von einem Blin­den geschrie­ben! Zwei fri­sche Wert­mar­ken, nichts sonst war ver­än­dert. Und so mach­te sich der Brief bald dar­auf ein vier­tes Mal auf den Weg über das Meer wie­der nach Euro­pa zurück und lan­de­te bald in mei­ner Nähe, in der Nähe mei­ner Schreibmaschine.

So hat das ange­fan­gen, eine Lei­den­schaft. Brie­fe flo­gen nach Bue­nos Aires, nach New York, nach Kai­ro, Tan­ger. Ich war­te­te. Indem ich auf zurück­keh­ren­de Doku­men­te war­te­te, such­te ich nach wei­te­ren Orten, nach Per­so­nen, die nicht exis­tie­ren. Eine span­nen­de Zeit welt­wei­ter Son­die­rung. Im Som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res dann erhielt ich eine Nach­richt aus Uum­man­n­aq, eine E‑Mail, einen Hin­weis, dass ein Brief, der in Uum­man­n­aq eigent­lich nicht zuge­stellt wer­den konn­te, wider Erwar­ten doch ange­kom­men war. Die E‑Mail war in eng­li­scher Spra­che notiert. Der Mann, der sie notier­te, erzähl­te, er habe mei­nen Namen mit­tels Such­ma­schi­nen son­diert, er hof­fe, ich sei tat­säch­lich der­je­ni­ge, der den Brief nach Uum­man­n­aq auf­ge­ge­ben habe. Er sei von mei­nem Pro­jekt unzu­stell­ba­rer Brie­fe beein­druckt. Der Mann setz­te hin­zu, dass er bereits seit zwei Mona­ten in einem Haus lebe, das von Men­schen wohl ver­las­sen wor­den sei. Dort­hin sei mein Brief, wäh­rend er gera­de über die klei­ne Insel wan­der­te, unter der Tür hin­durch zuge­stellt wor­den. Er teil­te wei­ter­hin mit, er wür­de den kom­men­den Win­ter in Uum­man­n­aq ver­brin­gen, um Dun­kel­heit ken­nen­zu­ler­nen, sowie das Ver­hal­ten des Eises zu beob­ach­ten, wel­ches im Win­ter leuch­ten soll von der Lumi­nes­zenz gewal­ti­ger Meer­wal­nuss­ver­samm­lun­gen. Er habe in dem klei­nen Haus ein Heft vor­ge­fun­den.  Ob ich das Heft ger­ne lesen wür­de? Eini­ge Tage spä­ter erhielt ich auf elek­tri­schem Wege Foto­gra­fien eines Notiz­bu­ches, Sei­te um Sei­te, sehr gut les­bar. Außer­dem eine Datei jener Tex­te, die von Joe Ellis an Bord einer Ret­tungs­in­sel notiert wor­den sind. Ich habe alle Doku­men­te geprüft und in Maschi­nen­schrift über­setzt. Wenn Sie wol­len, lesen Sie unver­züg­lich Noe Moritz Papes auf­re­gen­den Bericht, der von der Ent­de­ckung eines wei­te­ren auf­re­gen­den Tex­tes erzählt.

 

/  Moritz Pape berichtet
aus Uum­man­n­aq. Es
herrscht Polar­nacht
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