vom bär

° januar / februar 2020

16.11 UTC — Ges­tern ist mir etwas Lus­ti­ges mit mir selbst pas­siert. Ich stell­te mir vor, wie es wäre, wenn direkt vor mir ein Eis­bär ste­hen wür­de. Der vor­ge­stell­te Eis­bär soll­te ein ernst­zu­neh­men­der Eis­bär sein, unge­fähr drei Meter in der Höhe, sofern er sich auf sei­ne Hin­ter­bei­ne stellt. Ich stand also in mei­nem Zim­mer und über­leg­te, wie es wäre, wenn ein Eis­bär vor mir ste­hen wür­de, der gera­de noch unter mei­ner Zim­mer­de­cke Platz fin­den wür­de. Plötz­lich saß ich auf dem Boden und fand die­se Hal­tung ange­sichts eines Polar­bä­ren in mei­nem Zim­mer sehr ange­mes­sen. Kurz dar­auf wur­de ich gefres­sen. Ich mei­ne mich erin­nern zu kön­nen, der Bär begann mit der Schul­ter, mei­ner rech­ten Schul­ter. Ich fühl­te zunächst kei­nen Schmerz. Viel­mehr über­leg­te ich, ob ich dem Eis­bä­ren schmeck­te. Viel­leicht war die­se Fra­ge des­halb bedeu­tend, weil ich eine ähn­li­che Fra­ge bereits anhand der Löwen­spe­zi­es ver­han­delt hat­te mit Akos­si­wa, die ihr jun­ges Leben über­wie­gend in der Stadt Yaoun­dé ver­brach­te. Wäh­rend eines Gesprä­ches in einem Zug erklär­te sie, Tie­re, die ich als wil­de Krea­tu­ren bezeich­ne­te, Affen, sagen wir, Löwen, Anti­lo­pen, wür­den für Bür­ger ihres Hei­mat­lan­des über­wie­gend im zen­tra­len Zoo der Haupt­stadt zu fin­den sei­en. Man kön­ne sie dort besu­chen, man müs­se sich nicht fürch­ten, aller­dings wür­de der Besuch Ein­tritt kos­ten. Um Löwen in Yaoun­dé besu­chen zu kön­nen, musst Du über­haupt erst ein­mal nach Kame­run flie­gen. Du fliegst, sag­te Akos­si­wa, am bes­ten über Paris oder Ams­ter­dam süd­wärts, das ist über­haupt kein Pro­blem. Kurz zuvor hat­te ich Akos­si­wa eine durch­aus dra­ma­ti­sche Vor­stel­lung ihres Geburts­lan­des aus mei­ner Sicht skiz­ziert, in der ver­mut­lich wirk­li­che wil­de Tie­re natür­li­cher­wei­se auch jen­seits der Natur­re­ser­va­te exis­tie­ren. Bald ent­wi­ckel­te sich ein auf­re­gen­des Gespräch über Wahr­neh­mung, Wirk­lich­keit und Pro­jek­ti­on einer­seits, ande­rer­seits über die Exis­tenz wie­der­um  nie­der­bay­ri­scher Auer­häh­ne in mei­nem per­sön­li­chen Leben. Eine Zug­fahrt von Ngaoun­dé­ré nach Doua­la sei reiz­voll, berich­te­te Akos­si­wa, es exis­tie­re auch eine Nacht­zug­ver­bin­dung, die wür­de sie aber nicht emp­feh­len: Weil Du nichts siehst!

/  Mit einem Buch von
Eis durch die Stadt>